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Schwerpunkt Integration Ökumenisches Seminar in Vehrte über Fluchtursachen

Von Claudia Sarrazin | 11.02.2017, 14:20 Uhr

Beim ökumenischen Seminar in Vehrte und Icker sind Flüchtlinge und deren Integration Schwerpunkte der Treffen. Nun berichteten drei Geflüchtete im Gemeindehaus der Johanneskirche, warum sie sich auf den Weg nach Deutschland gemacht haben und wie ihre Flucht verlief.

Stefan Jeckel, begrüßte die Teilnehmer des ökumenischen Seminars, während Rua Khwairah, Flüchtlingssozialarbeiterin in Belm, und Diakon Andreas Hartelt drei Geflüchtete interviewten, wobei Khwairah auch übersetzte.

Eine Palästinenserin aus Syrien

Zunächst berichtete Dalal Kteet, eine in Syrien geborene Palästinenserin: „Bis zum Krieg haben sich die Palästinenser und Syrer gut verstanden.“ Dann habe sich jedoch alles geändert. Sie lebte mit ihrem Mann und ihren vier Söhnen, zwei Zwillingspaaren, die heute 17 und 22 Jahre alt, in Damaskus. Mit drei ihrer vier Söhne floh Kteet über die Balkanroute nach Deutschland, nachdem zwei ihrer Söhne auf dem Weg zur Schule gefangen genommen worden waren. „Keiner wusste, wo sie waren“, so Kteet. Ein Sohn blieb vermisst, weshalb ihr Mann zurückblieb.

Als Geiseln genommen

„An der türkischen Grenze wurden wir mit Beschuss empfangen. Eine Armee-Einheit habe sie als Geisel genommen und erst weiterreisen lassen, als Kämpfer über die Grenze nach Syrien gegangen seien. In Serbien belauschte ein Mitflüchtling ein Telefonat „ihrer“ Menschenhändler: „Bereitet schon mal die Gräber vor.“ Die Kteets flohen erneut und schafften es nach Deutschland. „Erst mit der Ankunft in Belm haben wir das Gefühl, das der Alltag zurückkehrt und wir angekommen sind“, sagte Kteet. Ihr Mann sei mit dem vierten Sohn noch in Syrien: „Er muss ständig Schmiergeld zahlen, damit unser Sohn nicht wieder gefangen genommen wird.“

Familiennachzug ausgeschlossen

Nachkommen können die beiden nicht: Einerseits dürfen Palästinenser Syrien nicht verlassen. Andererseits erhält Familie Kteet subsidiäre Schutz. Dieser greift, wenn weder der Flüchtlingsschutz noch die Asylberechtigung gewährt werden können und im Herkunftsland ernsthafter Schaden droht. Dieser Status schließt den Familiennachzug aus.

Duldungsstatus hält nicht vom Lernen ab

Dann berichtete Mahram Qanbary von seiner Flucht. „Wir sind 2015 von Afghanistan in einem Monat mit allem gekommen, was es gibt: Mit Bus, mit Schiff und zu Fuß“, berichtete Qanbary, der mit seiner Frau und Kinder seit einem Jahr in Vehrte lebt auf Deutsch. Auf die Frage, warum er geflohen ist, sagte er: „Heute gab es in Kabul einen Bombenanschlag: 20 Menschen starben, 40 sind verletzt, das ist normal.“ Davon abgesehen stünde er auf einer Abschussliste der Taliban und müsste bei seiner Rückkehr damit rechnen, hingerichtet zu werden. Daher hat Qanbary auch Einspruch gegen die Ablehnung seines Asylantrages eingereicht. Und Hartelt fügte hinzu: „Ich hoffe, dass wir die Familie bei uns behalten können, Herr Qanbary ist sehr bemüht, Deutsch zu lernen und jobmäßig etwas auf die Beine zu stellen.“

Geflohen, um zu leben

Lamees Abdoulal musste erst einmal tief durchatmen, bevor sie sprach. „Ein Sohn, ein 22-jähriger Jurastudent, wurde vom Assat-Regime getötet, von meinem 23-jährigen Sohn weiß ich nicht, ob er noch lebt, und mein dritter Sohn hat es zwar in den Libanon geschafft, aber ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist“, so die Syrerin unter Tränen. Es ist mucksmäuschenstill im Gemeindesaal, als Abdoulal fortfährt: „Mein Bruder ist im Gefängnis, seiner Frau wurde vom Regime getötet.“ Sie selbst sei mit ihrer Tochter sowie ihrem Neffen und ihrer Nichte geflohen. Letztere sei nierenkrank und müsse regelmäßig an die Dialyse. „Wir sind mit denen geflohen, die noch am Leben waren“, so Abdoulal, während ihre Zuhörer teilweise mit den Tränen kämpften. Und Kteet ließ übersetzen: „Du kannst sagen, dass wir geflüchtet sind, um zu leben.“

Khwairah bemühte sich, die angespannte und bedrückende Stimmung etwas aufzuheitern: „Was toll ist: Trotz allem, was Lamees erlebt hat, nervt sie mich ständig, dass sie einen Deutschkurs machen will.“ Und Abdoulal betonte: „Das Einzige, was wir hier suchen, ist Frieden. Und wir sind froh, hier so viele nette Menschen gefunden zu haben.“