Traditionslokal schließt Zahltens drehen in Belm den Zapfhahn zu

Von Sandra Dorn


Belm.Ihre Stammgäste hoffen immer noch auf eine Kehrtwende, doch diesmal soll es endgültig sein: Mitte Dezember wollen Agnes und Josef Zahlten ihre Gaststätte am Belmer Tie schließen und das Erdgeschoss barrierefrei zum Wohnen umbauen. „Der Handwerker ist schon bestellt“, sagen sie. Damit geht eine 37-jährige Tradition zu Ende.

Abschied gefeiert hatten sie bereits vor etwa einem Jahr – ohne zu ahnen, dass sie im März 2014 schon wieder selbst hinter dem Tresen stehen würden. „Der erste Abschied war gar nicht so schmerzhaft“, sagt Agnes Zahlten, „weil wir ja dachten, dass es weitergeht.“ Einen Zwischenpächter hatten Zahltens, doch das „Nashville“ konnte sich nicht halten.

Andere Interessenten gab es wohl, sagt Agnes Zahlten. Doch es war nichts in ihrem Sinne dabei. Einen Döner-Laden etwa schließen Zahltens kategorisch aus. „Hier ist doch alles aus Holz“, sagt Agnes Zahlten, der Geruch würde überall hineinziehen. „Dem einen war es zu klein, dem anderen zu groß, und manchen passt es nicht, dass wir darüber wohnen“, so Agnes Zahlten.

Kneipensterben

Es geht den Zahltens wie so vielen Inhabern von Traditionslokalen. Wenn kein Familienmitglied den Betrieb fortführt, fällt das Ende des Lokals mit der Rente der Wirtsleute zusammen – da kann der Laden noch so gut laufen.

Urig ist es immer noch in der Gaststätte Zahlten mit dem von Kerben übersäten Handlauf am Tresen – auch wenn es steriler aussieht als früher. Der Zwischenpächter hatte all die Fotos und Bilder der vergangenen Jahrzehnte an den Wänden entfernt. Einige haben Zahltens wieder aufgehängt, so prangt etwa über dem Gastraum der in dunkles Holz eingefasste Spruch „Hopfen und Malz, Gott erhalt’s“. „Das haben wir zum Zehnjährigen geschenkt bekommen“, erzählen sie. Auch das alte Buffet hinter dem Tresen haben sie sich zurückgeholt. Ein Gast hatte es nach dem Pachtwechsel aufbewahrt. Josef Zahlten streicht über das Holz. „Es krackt etwas, es ist ein wenig zerschlissen, aber die Leute sagten: Schmeißt das bloß nicht weg!“

Auch die Kegelbahn hat ihre goldenen Zeiten hinter sich. Sie ist zwar noch top in Schuss, aber im Raum riecht es feucht. Zahlten: „Ja, hier wird nicht mehr oft geheizt.“ Zwei einsame, hübsch verzierte Holzbügel hängen noch am Kleiderständer. „Wir hatten 32 Kegelklubs, die sind mit uns alt geworden.“ Die Wimpel, die über dem Eingang zur Bahn stehen, zeugen von Vereinen, die es längst nicht mehr gibt. Die „Wacholderdrosseln“ sind ebenso Geschichte wie die „Fuchsjäger“ und die „fidelen Zipfelmützen“.

Im Januar 2014, als klar war, dass das „Nashville“ aufhört, hatten Zahltens keine ruhige Minute in ihrem Urlaub, erzählen sie. Also beschlossen sie am Strand auf Teneriffa, im März noch einmal zu öffnen, samstags und mittwochs – in der Hoffnung, doch noch einen Nachfolger zu finden. Und die Speisekarte? „Schinkenbrot mit Ei, Schinkenbrot ohne Ei.“ Agnes Zahlten grinst. Mehr war im letzten Jahr nicht drin.

„Als wir angefangen sind, gab es hier fünf Gaststätten“, erzählt sie. Im Dezember 1977 war das. „Zur Eiche“ heißt die Gaststätte schon lange, doch in Belm geht man grundsätzlich zu „Zahlten“.

Den Weihnachtsmarkt am Tie hatten sie mit initiiert und Reibekuchen vor der Treppe am Eingang verkauft. Die übrigen vier Lokale am Tie sind längst Geschichte – und seit nun auch noch der Grieche an der Lindenstraße geschlossen hat, gibt es in Belm außer Lecons Veranstaltungslokal nur noch Evis Gaststätte an der St. Josefskirche.

„Ein bisschen wehmütig ist man schon“, sagt Agnes Zahlten. „Aber das Leben kann ja nicht nur Arbeit sein“, ergänzt ihr Mann. Er ist 75 Jahre alt, seine Frau 66. „Manchmal fragt man sich, wie man das alles geschafft hat“, sagt Agnes Zahlten. Drei Kinder haben sie groß gezogen – und Josef Zahlten hat nebenher immer noch bei Karmann gearbeitet. Er setzt sich an die Wand rechts vom Tresen, wo es in den Raucherraum geht. Stammplatz? „Ja, schon“, sagt er.

Rente genießen

„Wir wollen noch ein paar schöne Urlaube machen“, sagt das Ehepaar. Das hatten sie sich übrigens auch früher nicht nehmen lassen. „Wir waren die Ersten hier, die im Sommer überhaupt für ein paar Wochen zugemacht haben“, sagt Agnes Zahlten. Damals gab es noch einen Ortsvorsteher, der die Öffnungszeiten der Gaststätten am Tie koordiniert hat. „Wir hatten einmal an Pfingstmontag zugemacht“, erinnert sich Zahlten. „Das gab einen bitterbösen Anruf.“ Ihr Ruhetag war eigentlich der Dienstag. „Der wurde uns zugeordnet“, erzählt Josef Zahlten schmunzelnd.

Dieses Mal sollen sich die Türen für immer schließen. Glauben sie das denn wirklich? „Ja“, sagen beide entschlossen. Doch den vorderen Bereich, also Tresen und Gastwirtschaft, wollen die Wirtsleute fürs Erste so lassen, wie er ist. Ihre Stammgäste werden also weiter hoffen, dass sich die Türen irgendwann einmal wieder öffnen.