Die kreative Kraft der Gegensätze Serie Stadtteilkultur: Scheinbare Widersprüche in Belm

Von Christoph Beyer

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Osnabrück. Ländliche Stille und brausender Verkehr, beschauliche Hofkultur und Urbanität verkörpernde Subkultur – Belm erscheint widersprüchlich und vielfältig zugleich.

Markante Hochhäuser, Verbrauchermärkte, Gewerbebetriebe – all dies lässt hinter sich, wer von der Bundesstraße in den historischen Ortskern abbiegt. Er findet dort friedlich grasende Schafe an einem Biolandhof ebenso vor wie eine 1160 Jahre alte Wassermühle, die heute als Kulturzentrum genutzt wird. Insgesamt keine Spur von Tristesse – die Gemeinde in unmittelbarer Stadtrandnähe zu Osnabrück besticht vielmehr durch ihren Abwechslungs- und Ideenreichtum.

Dort, wo eines jener Hochhäuser am Heideweg in den Himmel ragte, hat nun die Kunst einen Platz gefunden. Bunt präsentiert sich das „Chamäleon“ – ein aus zahlreichen Stelen bestehendes Werk, welches, je nach Blickwinkel des Betrachters, unaufdringlich, in unterschiedlichen Farben, schillert. Das Werk wirkt wie eine Metapher für das kulturelle Spektrum und Potenzial der Gemeinde, aber auch für den Wandlungsprozess in jener ehemaligen „Nato-Siedlung“, in der akkurate Grünflächen und frische Farben dem Viertel ein neues Gesicht gegeben haben. Sichtbar sind aber auch die zahlreichen Aktivitäten des überdurchschnittlich regen Belmer Vereinslebens. Ob plattdeutsche Theatergruppe oder der Verein Pro Belmer Jugend mit seinem soziokulturellen und sozialraumorientierten Ansatz – im stillen Kämmerlein scheint sich hier niemand wohlzufühlen, Vernetzung zwischen den Akteuren wird großgeschrieben.

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14000 Einwohner zählt die Gemeinde Belm, die auch, seit der kommunalen Gebietsreform 1972, die Ortschaften Vehrte, Icker, Powe und Haltern umfasst. Ausgedehnte Wälder, ein dichtes Wanderwegenetz, alte Höfe – die Umgebung präsentiert sich in weiten Teilen als ländliches Idyll. Doch auch als Krimischauplatz bietet sich die Gemeinde offensichtlich an, wie Autor Michael Hopp in seinem bereits 2006 erschienen Werk „Lübbings Hundstage“ unter Beweis stellte. Ein sommerlicher kultureller Anziehungspunkt ist in jedem Fall der bereits seit dem Jahr 2002 stattfindende Belmer Kultursommer. Über zwei Monate hinweg lädt jeweils ein abwechslungsreiches Musikprogramm unter der Überschrift „Musik am Marktring“ zu kostenlosen Freiluftkonzerten auf den Belmer Marktplatz ein. Die Bandbreite der beteiligten Künstlerinnen und Künstler macht den Kultursommer zu einem Event mit überregionaler Strahlkraft. „Das Kulturleben und auch dessen Vielfalt hat für uns als Gemeinde einen enorm hohen Stellenwert“, betont Gemeindesachbearbeiter Sven Linnemann resümierend, der beruflich auch mit dem Belmer Kulturleben betraut ist. Aus der ehrenamtlichen Perspektive bewertet hingegen Hans-Jürgen Bruns das Kulturleben in seinem Wohnort. Bruns hat den ersten Vorsitz des „Vereins für Bildung und Kultur in Belm“, kurz „BiKult“ genannt, inne. Seit zehn Jahren organisiert der Verein mit seinen derzeit rund 350 Mitgliedern Veranstaltungen, Reisen, Ausstellungsbesuche und leitet seit 2004 zugleich auch, als Trägerverein, die Geschicke der Belmer Außenstelle der VHS Osnabrücker Land. In den vereinseigenen Räumen in der „Alten Schule“ sind Kreativgruppen wie die Skulpturengruppe oder die „Montagsmaler“ ebenso zu finden wie die integrationsorientierte „Ästhetische Wochenschule“ für Kinder und Jugendliche. „Wir würden uns freuen, wenn noch mehr Belmer an unseren Aktivitäten teilnehmen“, betont Vereinsvorsitzender Hans-Jürgen Bruns.

Der unweit der „Alten Schule“ gelegene, vor 1110 Jahren erstmals urkundlich erwähnte Meyerhof gilt als Keimzelle des heutigen Belm. Neben biologischer Kost im hofeigenen Laden konnten sich Besucher in diesem Jahr auch beim Programm „Sommerflimmern – Kino auf dem Lande“ kulturell verköstigen. Noch ein paar Jahrzehnte älter ist die Belmer Wassermühle, die heute, in Trägerschaft des gleichnamigen Vereins und unter Vorsitz von Belms Bürgermeister Viktor Hermeler, als Kultur- und Begegnungszentrum genutzt wird. Hinter der Mühle breitet sich offenes Kulturland aus, ein unmittelbares Miteinander von Kultur und Natur, wie es auch thematischer Gegenstand bei Veranstaltungen im überregional bekannten Naturfreundehaus Vehrte ist. Doch dabei geht es keineswegs um simple Harmonie, sind es doch vielmehr auch und gerade die Spannungsverhältnisse, Widersprüche und Ambivalenzen, aus denen Kultur ihre Kraft und Energie schöpft. So betrachtet, ist das Belmer Kulturleben vor allem eines: überaus lebendig.


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