Rainer Kuhlmann im Gespräch Belmer Präventionsrat greift das Thema „Sucht“ auf

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Schenkt Wasser und reinen Wein ein: Rainer Kuhlmann ist in Belm Ansprechpartner in Sachen Prävention. Foto: Kerstin BalksSchenkt Wasser und reinen Wein ein: Rainer Kuhlmann ist in Belm Ansprechpartner in Sachen Prävention. Foto: Kerstin Balks

Belm. 1998 wurde in Belm ein Präventionsrat einberufen. Das Gremium versteht sich als ein Netzwerk, dem zurzeit Vertreter von öffentlichen und privaten Organisationen angehören: Vertreter von Polizei, Jugendarbeit, Seniorenbeirat, Gleichstellungsbeauftragte, Vereine, Schulen, caritative Einrichtungen, Gemeinderat und Landkreis. Ziel des Präventionsrates und des daraus entstandenen Arbeitskreises Prävention sind der Erhalt und die Weiterentwicklung der Lebensqualität in der Gemeinde. Fehlentwicklungen sollen vorgebeugt werden. Rainer Kuhlmann vom Fachdienst Ordnung führt die Geschäfte.

Herr Kuhlmann, in diesem Jahr hat sich der Präventionsrat das Thema „Sucht“ vorgenommen. Gab es einen besonderen Anlass?

Der Arbeitskreis Prävention sammelt am Jahresanfang Vorschläge für das Jahresthema. In den zurückliegenden Jahren waren Internetkriminalität, Haustürgeschäfte und Einbruchssicherheit unsere Schwerpunkte. In diesem Jahr hat sich das Thema Sucht herauskristallisiert. Es gab keinen besonderen Anlass; vielmehr ist Sucht ein gesamtgesellschaftliches Problem, das immer wieder neu zu bearbeiten ist.

Wie erfahren Sie von besonderen Problemlagen?

Vor allem von der Polizei, dem Quartiermanagement und aus der Jugendpflege. Das Suchtproblem zieht sich durch alle Altersgruppen. Das exzessive Trinken von hartem Alkohol ist bei Jugendlichen in Mode. Immer mehr Minderjährige landen nach dem Komasaufen in den Kliniken. Die Lage ist nicht ungefährlich. Bei Älteren können es Tabletten oder Alkohol sein, bei Jüngeren genauso. Das kann man nicht pauschalisieren. Nur sind es da meist andere, man denke an Aufputschmittel. Nicht zu vergessen ist die Spiel- und Internetsucht.

Spielt Illegalität eine Rolle?

Beim Suchtverhalten an sich nicht. Schauen Sie sich die Raucher an. Nikotin ist eine legale Droge. In unserer Präventionsarbeit geht es sowohl um legale als auch um illegale Drogen und Drogenmissbrauch.

Arbeiten Sie mit Suchtexperten zusammen?

Ja, wir holen uns externen Sachverstand. Wir führen bereits Gespräche mit qualifizierten Mitarbeitern einer Fachklinik, hören Vorträge und werden beraten, um das Wissen entsprechend weitergeben zu können.

Wie wird also das Jahresthema „Sucht“ konkret umgesetzt?

Die Pläne sehen zum einen Publikumsveranstaltungen vor. Wir bieten auch interne Veranstaltungen an, die auf einen bestimmten Personenkreis zugeschnitten sind. Etwa im Jugendtreff oder in Schulen, mit Eltern oder mit Eltern und Schülern zusammen. Dabei könnten Fachleute oder Mediziner referieren, aber auch Betroffene. Es ist erschreckend, einmal die Erlebnisse eines anonymen Alkoholikers zu hören.

Inwiefern?

Wenn etwa die ganze Familie aufgrund der Sucht eines Elternteils am Monatsende nur noch Reis und Nudeln zu Essen hat. Denn auch die Angehörigen sind betroffen, die müssen lernen, wie mit dieser Krankheit umzugehen ist. Es gibt viele Personen, die weggucken, obwohl sie sehen, dass jemand Tabletten nimmt. Man hat Angst, „wenn ich da was sage, kündigt der mir die Freundschaft.“ Das ist falsch, man soll ja helfen. Aber wie merke ich überhaupt, dass einer süchtig ist, wenn er heimlich seine Pillen nimmt. Ab wann sind ein paar Glas eben nicht mehr okay?

Unterscheidet sich Belm in Sachen Prävention von anderen Gemeinden?

Ich denke nicht, dass in unseren Nachbargemeinden großartig etwas anderes gemacht wird, aber man muss das Rad auch nicht neu erfinden. Ich habe angeregt, dass sich die Präventionsräte der Gemeinden vernetzen, um ihre Arbeit besser abstimmen zu können. Durch diese Vernetzung werden bereits Gespräche mit den anderen Präventionsräten geführt.

1998 hat sich der Belmer Präventionsrat gegründet. Hat sich das Klima in Belm spürbar verändert?

Ich denke schon, dass sich unsere Arbeit bezahlt gemacht hat. Die Kriminalitätsstatistik in Niedersachsen belegt, dass die Kriminalität zurückgegangen ist und das ist auch in Belm so. Zunehmend sind allerdings Wohnungseinbrüche, aber ich denke, da kann sich jeder schützen. Vor allem bei Abwesenheit die Fenster und Türen schließen. Mit kleinem Geld kann man die Haustüren mit entsprechenden Sicherheitsschlössern nachrüsten. Gegebenenfalls eine Alarmanlage installieren. Zum Klima: Das hat sich spürbar verbessert, durch die Arbeit des gesamten Belmer Netzwerkes und die Soziale Stadt.

Aber wenn das Programm jetzt ausläuft?

Ich glaube nicht, dass dadurch alles zusammenbricht. Die städtebauliche Sanierung ist ja abgeschlossen, aber die Einrichtungen, die das soziale Netzwerk stützen, bestehen weiter, ob es nun das Jugendzentrum ist, der Seniorenbeirat, das Haus der sozialen Dienste oder der Frauentreff – das sind ja alles Präventionsmaßnahmen, die weiterlaufen. Die Präventionsarbeit geht natürlich auch weiter.

Sehen Sie für Belm eigentlich Probleme durch Zuzüge aus Rumänien und Bulgarien?

Zurzeit nicht. Was die Zukunft bringt, weiß man nicht. Wir haben keine Verhältnisse wie in Duisburg. Es gibt sicher Städte, die eine Problemlage haben. Auf die Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik übertragen, sehe ich diese Probleme nicht, da wird doch einiges hochgespielt.


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