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Für die Bewohner dieser kleinen Sackgasse bedeutet Nachbarschaft mehr als ein Nebeneinander-Wohnen Wundersames aus dem Wacholderweg

Von Cornelia Achenbach

Das sind sie – die Bewohner des Wacholderwegs: Elisabeth Schnieder, Michaela Schneider, Edith Meyer, Agnes Helmkamp, Helmut Meyer, Heinz Schnieder, Engelbert Gaida, Bernhard Helmkamp mit ihren Prachtexemplaren. Nur der Erfinder der Kürbisidee –Ulli Sarezki – fehlt. Foto: Elvira PartonDas sind sie – die Bewohner des Wacholderwegs: Elisabeth Schnieder, Michaela Schneider, Edith Meyer, Agnes Helmkamp, Helmut Meyer, Heinz Schnieder, Engelbert Gaida, Bernhard Helmkamp mit ihren Prachtexemplaren. Nur der Erfinder der Kürbisidee –Ulli Sarezki – fehlt. Foto: Elvira Parton

lauf Belm. Im Wacholderweg in Belm wächst eine ganz besondere Spezies Nachbarn. Nicht artverwandt mit der Sorte jener missmutig in ihren Festungen hausenden Gesellen, die die Namen ihres Nebenmannes nicht kennen oder selbige im Hausflur oder auf der Straße nur dann begrüßen, wenn es nicht mehr ausweichlich ist. Im Wacholderweg ist das anders. Ganz anders.

Der Wacholderweg, das ist eine kleine Sackgasse in Belm. Hier reiht sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus, dahinter liegen Gärten. Die Gärten im Wacholderweg haben keine Zäune. Dafür kleine Glöckchen. Wer den Garten des Nachbarn betreten möchte, klingelt einmal, um sein Kommen anzukündigen. Wer zurzeit durch den Wacholderweg spaziert, dem werden leuchtende Kürbisse auffallen, die vor einigen Häusern stehen. Zum Bespiel Molly. Molly ist der Kürbis von Engelbert und Brunhilde Gaida. Die rund 14 Kilo schwere Beere ist nur eine der Früchte, die die außergewöhnliche Nachbarschaft des Wacholderwegs trägt.

„Das hat vor 15 oder 20 Jahren angefangen“, erinnert sich Brunhilde Gaida. Die Bewohner der Straße seien alle in einem ähnlichen Alter gewesen, hätten zur gleichen Zeit gebaut und ihre Kinder gemeinsam auf einem damals noch unbebauten Grundstück spielen lassen. „So sind wir damals einfach öfters zusammengekommen und haben geklönt“, erzählt ihr Mann Engelbert.

Inzwischen sind die Kinder groß. „Und wir sind alle alt“, sagt Engelbert Gaida und lacht. Aber der Zusammenhalt der 18-köpfigen Nachbarschaft hat nicht nachgelassen – im Gegenteil. Die gemeinschaftlichen Unternehmungen lesen sich wie der reinste Veranstaltungskalender.

Beginnen wir das Wacholderweg-Jahr im Advent: „Jedes Jahr wird eine Tanne ausgesucht und im Vorgarten bei uns aufgestellt“, erzählt Brunhilde Gaida. Bei einer Adventsfeier auf der Terrasse darf dann jeder etwas an den Baum hängen. Es folgt: der Nikolaus. „Jeder hier in der Straße bekommt dann ein Päckchen, und wir sagen ihm, was er im vergangenen Jahr schlecht gemacht hat“, sagt die Seniorin. „Schlecht gemacht“ kann so viel heißen wie: in der 30er-Zone zu schnell Auto gefahren oder den Vorgarten nicht richtig in Schuss gehalten.

Weiter geht es mit Boßeln, mit einem Grünkohlessen, einer zweitägigen Fahrradtour, dem Aufstellen des Maibaums, zudem wurde in diesem Jahr gemeinsam die Fußball-Weltmeisterschaft verfolgt, und auch vom Straßenflohmarkt schwärmen die Gaidas heute noch.

In diesem Jahr hat sich die Nachbarschaft noch etwas ganz Besonderes einfallen lassen: ein Kürbisfest.

„Anfang März hat unser Nachbar Ulli Sarezki jedem von uns einen kleinen Blumentopf mit Kürbiskernen gegeben.“ Mit dem Auftrag, ihn gut durchs Jahr zu bringen, sodass sie pünktlich zu Erntedank ordentlich prall sind. Wer den schwersten Kürbis vorzuweisen hatte, durfte sich über einen Preis in Form von einem herbstlichen Blumenkörbchen freuen.

Machen wir’s nicht unnötig spannend: Nur fünf Kürbisse sind durchgekommen, die anderen sind den Schnecken und dem Kälteeinbruch im April zum Opfer gefallen. Gaidas haben mit „Molly“ einen stolzen dritten Platz erkämpft, der Siegerkürbis brachte 21 Kilo auf die Waage. Wieder ein Anlass für eine Feier im Wacholderweg: Die Nachbarschaft kam zum Kürbisfest zusammen.

Und hier wurde auch gleich die nächste Aktion besprochen: „Wenn die Kinder vom Christus-Kindergarten hier zum St.-Martin-Zug mit ihren Laternen vorbeikommen, dann werden wir die ausgehöhlten Kürbisse aufstellen und erleuchten“, verrät Brunhilde Gaida. Und die Kerne? „Die wollen wir an unsere direkten Nachbarn, die Kleingärtner, weitergeben.“ Auf dass sie ebenfalls Kürbisse wachsen lassen und ein kleines Fest feiern. „Vielleicht laden sie uns ja dann ein?“, meint Engelbert Gaida lächelnd.

Seine Frau hält für einen Moment inne. Etwas nachdenklich fragt sie sich: „Ich weiß ja nicht, wie das in anderen Nachbarschaften ist. Aber das hier ist doch nicht so ungewöhnlich. Oder?“