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Bürgerhaus, Spielplatz, Akzeptanz – Nicht alle Vorhaben der Sozialen Stadt wurden umgesetzt Wünsche und Wirklichkeit

Von Cornelia Achenbach

Mit Stadtteilfesten versucht die Gemeinde, auch andere Bürger nach Powe zu locken. Hier ein Bild aus dem Jahr 2005. Foto: Kerstin Balks/ArchivMit Stadtteilfesten versucht die Gemeinde, auch andere Bürger nach Powe zu locken. Hier ein Bild aus dem Jahr 2005. Foto: Kerstin Balks/Archiv

Belm. „Ich hätte ja so gerne etwas Kunst im öffentlichen Raum. Zum Beispiel hier, wo Heideweg 36 gestanden hat.“ Wenn man mit Bernhard Wellmann mit dem Auto durch die Gemeinde Belm fährt, kann er zu jedem Haus eine Geschichte zu erzählen. „Mit der Grünpflege, das ist auch so eine Sache. Wir haben dafür im Grunde zu wenig Personal. Aber das sind eben so die kleinen Sorgen eines Bürgermeisters.“ Nein, auch nach zehn Jahren „Soziale Stadt“ ist in der kleinen Gemeinde vor den Toren Osnabrücks noch nicht alles gut. Aber vieles besser als erwartet.

Ein Blick ins Archiv der Neuen Osnabrücker Zeitung: Am 19. April 2001 titelt Neue-OZ-Redakteur Wilfried Hinrichs: „Baumschule und Bürgerhaus: So soll Belm in zehn Jahren aussehen“. Dazu gibt es einen Stadtplan: „Belm 2010“.

Wohl wissend, dass es in der Politik oft anders kommt als geplant, sagte schon damals Viktor Hermeler (zu dieser Zeit noch stellvertretender Gemeindedirektor): „Ob Belm in zehn Jahren wirklich so aussieht, müssen wir mal abwarten.“ Stellen wir die Vorhaben von einst auf den Prüfstand.

Bestes Beispiel: das Bürgerhaus an der Ringstraße, das eigentlich das Herzstück des Hochhausviertels werden sollte. Was es nicht alles beherbergen sollte: den Kindergarten, den offenen Kindertreff, eine DRK-Station, den Belmer Integrationsclub, die Belmer Tafel, den Frauentreff, eine Bürger-Servicestelle und eine Bibliothek.

„Diese Idee ist recht bald von den Fraktionen hinterfragt worden, vielleicht hat es in dem Moment einfach zu viel Geld gekostet“, sagt Bürgermeister Wellmann. Dennoch: Von dem sozialen Grundgedanken mussten sich die Belmer nicht verabschieden. Auf den Punkt brachte es im August 2004 der SPD-Fraktionschef Jochen Becker: „Die Ideen eines Bürgerhauses sind umsetzt worden – allerdings dezentral“, heißt es in einem Zeitungsartikel.

Und irgendwie scheint es fast eine Art inoffzielles Bürgerhaus zu geben: nämlich die Grundschule Powe. Hier sind der Kindertreff, der Frauentreff sowie das DRK untergebracht.

Und was ist eigentlich aus dem Café am Teich geworden, das in der Belm-2010-Grafik eingezeichnet ist?

„Das steht noch nicht“, sagt Bernhard Wellmann lachend, als er im Schritttempo an der Stelle vorbeifährt, die in der Grafik markiert war. Statt Café stehen dort nun Hinweisschilder und Bänke, ein neuer Weg lädt zum Spazieren ein. „Wir haben ein gutes Café im Zentrum, ein weiteres wäre unnötige Konkurrenz gewesen.“

Schließlich der Abenteuerspielplatz, einst vorgesehen zwischen dem Ickerbach und der Stettiner Straße. „Der ist gescheitert an Verhandlungen mit den Grundstückseignern.“

Das Auto des Bürgermeisters biegt in die Stettiner Straße ein und hält kurz an. „Die Häuser sind halt immer noch die Häuser. Sie sind zwar jetzt bunt und isoliert, und die Straßen sind auch saniert worden, aber städtebaulich ist es hier gleich geblieben.“ Ein Zentrum, ein Platz, vielleicht auch eine Ladenzeile – das fehle ihm hier. Damit auch andere Bürger aus der Gemeinde einmal hier herkämen.

Bürgerhaus, Abenteuerspielplatz, Café – dies sind die greifbaren Vorhaben, die nicht umgesetzt worden sind. Doch es gibt noch eine unterschwellige Ebene, die eine wichtige Rolle beim Gelingen des Programms spielt. Die beiden wichtigsten Komponenten: Image und Akzeptanz.

„Manchmal konnten wir schlecht vermitteln, dass zwei Drittel der Maßnahmen im Sanierungsgebiet gefördert wurden“, erinnert sich Wellmann. „Der Unterstützungswille reicht nicht ewig.“ Hier und da habe man Gemurre gehört: Da habt ihr jetzt aber genug Geld reingesteckt. Andere Teile der Gemeinde sollten auch zum Zuge kommen.

Und dann das Ansehen der Gemeinde. Belm, ach, wie könnt ihr in Belm wohnen?, habe sich Wellmann in Osnabrück zeitweise anhören müssen. Belm, oft auch Belmograd genannt – eine Gemeinde, in der man sich nachts nicht alleine auf die Straße traut. Doch das Image trügt, wie die Zahlen belegen: „Unsere Kriminalitätsstatistik ist unterdurchschnittlich“, sagt Wellmann. Belm ist besser – der Slogan der Gemeinde greift auch hier. Dennoch gebe es eine deutlich Abwanderung Richtung Osnabrück: „Viele Eltern schicken ihre Kinder dort in die Schule, weil sie die Sorge haben, sie könnten in Belm in einer Klasse mit vielen Schülern mit Migrationshintergrund weniger lernen.“

Mitte der 90er-Jahre stand der Bürgermeister schließlich selbst vor der Entscheidung: Sollte er seine Kinder hier in Belm bei der Orientierungsstufe anmelden oder doch lieber die Domschule oder Thomas-Morus-Schule in Osnabrück wählen? Als ehemaliger Lehrer an der Johannisschule in Osnabrück wusste er, was sich hinter Schulmauern abspielte und dass „die in Osnabrück auch nur mit Wasser kochen“. Familie Wellmann entschied sich für Belm.

Doch die Abwanderung ist nur die eine Seite der Medaille. Grüppchenbildung heißt die andere. „Einige Aussiedler leben weiterhin in ihren Zirkeln, sind noch zu wenig in Verbänden und Vereinen, nicht im Schulelternrat oder kommen nicht zur Blutspende“, bedauert Wellmann und bremst – ein Junge auf einem grünen Mountainbike möchte über die Straße. Auf dem Kopf: ein Käppi mit dem Belm-Logo. „Na bitte!“

Wo waren wir? Ach ja, Kommunalpolitik. „Natürlich gibt es da eine große Hemmschwelle, vor allem wegen der Sprache.“ Tatsächlich ist das behördliche Deutsch ja schon für Einheimische häufig kaum zu verstehen. Natürlich gibt es auch viele positive Beispiele. Zum Beispiel Linda und Arthur Werbis. Vor zwei Jahren hat die russische Aussiedlerfamilie ein Fest gefeiert. Eingeladen waren all diejenigen, die ihnen in den vergangenen 20 Jahren in Belm bei der Integration geholfen hatten. Es war ein großes Fest.

Der Bürgermeister dreht eine letzte Schleife, vorbei an der Johannes-Vincke-Schule geht es zurück zum Rathaus. Schnell noch ein Blick in die Zukunft. Eine Zukunft, in der nicht das Programm „Soziale Stadt“ das politische Geschehen Belms dominieren wird. Jetzt sind andere Teile der Gemeinde dran. Stichwort: Ortskernsanierung.

Dennoch: Wilfried Hinrichs schrieb über Belm 2010 – was kann über Belm 2020 geschrieben werden? Einen Moment lang hört man nur das Ticken des Blinkers. Dann: „In zehn Jahren haben wir die B51 verlegt. In zehn Jahren haben wir ein sehr geschäftstüchtiges Zentrum am Marktring und ein erweitertes geschäftliches Angebot an der Bremer Straße. In zehn Jahren werden wir rund 1000 Einwohner weniger haben, was natürlich auch Auswirkungen auf die Wohnsituation haben wird.“ Der Wagen hält. Die Tour ist vorbei. Sprechen wir in zehn Jahren noch einmal drüber.

Das Programm „Soziale Stadt“ des Bundes und der Länder startete im Jahr 1999 mit 161 Stadtteilen in 124 Gemeinden. Das Ziel: Die „Abwärtsspirale“ in benachteiligten Stadtteilen soll aufgehalten und die Lebensbedingungen sollen verbessert werden. Inzwischen sind 571 Gebiete in 355 Gemeinden im Programm (Stand: 2009).