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Ein wahres Weihnachtswunder Paar lebte wochenlang im Wald bei Belm – bis ein Helfer es rettete

Wochenlang haben zwei Menschen in Belm im Wald gelebt und wussten nicht, wohin. Dann stand plötzlich ein Mann mit Hund vor ihrem Zelt. (Symbolbild)Wochenlang haben zwei Menschen in Belm im Wald gelebt und wussten nicht, wohin. Dann stand plötzlich ein Mann mit Hund vor ihrem Zelt. (Symbolbild)
imago images/Westend61/Gustafsson

Belm. Im Dezember fällt Ingo Wiesner immer wieder mal ein Zelt auf, wenn er mit seinem Hund in den Wald geht. Irgendwann erzählen ihm die Leute: "Da drinnen wohnt ein Paar mit einem Hund und einer Katze. Die Frau hat keine Beine." Wiesner schaut sich die Sache näher an. Eine wahre Weihnachtsgeschichte aus Belm.

Es ist Mai, und bis Wiesner auf das Zelt im Belmer Wald stößt, wird noch mehr als ein halbes Jahr ins Land ziehen. Im Leben von Natalie Christ und ihrem Freund Tommy Ernst beginnt zu dieser Zeit gerade ein neues Kapitel. Das Paar hat seine Wohnung verloren, eine neue ist nicht in Sicht. Dass die beiden sich nicht von ihrer Katze und Hund Herbie trennen wollen, macht die Sache nicht einfacher. "Und ein Teil der Wahrheit ist auch, dass wir beide so unsere Geschichten mit uns herumtragen. In den Augen vieler Vermieter sind wir wohl nicht die beste Klientel", sagt Natalie Christ. 

Ein Sturz verändert alles 

Aber vorerst ist das alles nicht so schlimm. Das Paar zieht auf einen Campingplatz, arrangiert sich mit dem Leben im Zelt. Eine gute, eine unbeschwerte Zeit, sagt Christ: "Wir haben gedacht, wir mieten nie wieder eine Wohnung. Wir hatten ja alles, was wir brauchen." Oder besser: Fast alles. Was dem Paar fehlt, ist eine feste Meldeadresse.

Im Video: Wie ein Belmer ein obdachloses Paar aus dem Wald rettete

Vielleicht fehlt ihm überhaupt Stabilität im Leben, eine verlässliche Basis. Auf Christs und Ernsts bisherigem Weg ist vieles nicht besonders glatt gelaufen. Die Familiengeschichte, die Christ schildert, ist schwierig; was sie durchgemacht hat, dürfte für mehr als eine Traumatisierung ausreichen. Sie bittet darum, die Details vertraulich zu behandeln. 

Es gibt einen Tag in ihrem Leben, an dem sich – so scheint es im Rückblick – alle Problemstränge zur maximalen Katastrophe verwoben haben: Am 15. April 2013 stürzt Christ von einer Brücke auf eine Hochspannungsleitung der Bahn. Es sei Fremdeinwirkung im Spiel gewesen, beteuert sie. "Und es war der Tag, der mir den Boden unter den Füßen weggerissen hat." Und zwar wortwörtlich: Wochenlang ringt Christ mit dem Tod. Dann triumphiert das Leben. Doch der Tribut ist hoch: Die Ärzte haben ihr beide Beine abgenommen. 

Christ ist zu diesem Zeitpunkt eine junge Frau von zwanzig Jahren. Sie sei auf gutem Wege gewesen, sich aus ihren schwierigen Familienverhältnissen zu befreien, sagt sie. Sie hatte eine Ausbildung in einer Behindertenwerkstatt begonnen. Die Arbeit mit den Menschen dort habe ihr viel gegeben. Endlich habe sie das Gefühl gehabt, ihr Leben gehe besseren Zeiten entgegen. Nun schaut sie an sich herunter und muss begreifen: Gehen wird sie in ihrem Leben nie wieder. Und wohin dieses Leben jetzt geht, ist völlig ungewiss. 

Die Obdachlosigkeit kam nicht von ungefähr 

Zurück in die Ausbildung geht es für Christ jedenfalls nicht mehr. Sie absolviert verschiedene Rehas, erhält Pflegegeld und Zuwendungen vom Sozialamt. Irgendwann lernt sie den sieben Jahre älteren Tommy Ernst kennen und zwischen den beiden funkt es. 

André Havergo
Das Ende des Kapitels: Die Begegnung mit Ingo Wiesner wurde für Natalie Christ und ihren Partner Tommy Ernst (nicht im Bild) zum Gamechanger.


Auch Ernst hat eine schwierige Vergangenheit, reden will er darüber nicht. Die beiden ziehen zusammen, Ernst verdient etwas Geld als Hilfsarbeiter. Tiere werden ihnen wichtig. Sie holen sich einen Hund aus einem Tierheim in Rumänien und eine Katze. Christs Leben wird nicht mehr wie zuvor, aber die Dinge ordnen sich wieder. Bis beide dann im Mai 2021 aus ihrer Wohnung in Osnabrück fliegen. 

"Das kam natürlich nicht aus heiterem Himmel", sagt Christ. Die Hausverwaltung habe damals gleich mehrere Parteien loswerden wollen. "Und wir haben unseren Teil dazu beigetragen, dass die Dinge so gelaufen sind, wie sie nun mal liefen." Ihre Einschränkungen, die Tiere, der Haushalt - irgendwann wurde das alles dem Paar etwas viel, was sich auch auf den Zustand der Wohnung niederschlug. Der Vermieter fand seinen Grund, sie vor die Tür zu setzen. Ernst und Christ begannen ihr Leben auf dem Campingplatz. Erst in Bramsche, dann in Ibbenbüren. Dort flog auf, dass die beiden keinen festen Wohnsitz hatten. Der Besitzer habe das nicht akzeptiert und sie vor die Tür gesetzt. 

Der Sommer war vorbei und die Leichtigkeit auch. Plötzlich standen Christ und Ernst auf der Straße mit nicht viel mehr als einem Zelt, ein paar Habseligkeiten, einem Hund und einer Katze, die demnächst drei Junge zur Welt bringen wird. 

"Es ist nicht so, dass wir zur Obdachlosigkeit verdammt gewesen wären", sagt Christ. Grundsätzlich habe das soziale Netz gegriffen, ihnen seien verschiedene Unterkünfte angeboten worden. Allerdings immer unter einer Bedingung: keine Tiere. "Das kam für uns nicht in Frage, da waren wir stur. Unsere Tiere sind unsere Familie", sagt Christ. Und diese Familie beschloss nun, in den Wald zu ziehen. 

In langen Herbstnächten bleibt nur das Smartphone

Es gibt kurze Videosequenzen, die einen Eindruck davon geben, wie beschwerlich das Leben der beiden nun wird: Christ ist wegen ihrer Behinderung auf einen Rollstuhl angewiesen. Waldwege sind aber, zumal im Herbst, selten rollstuhltauglich. Um vom Zelt zur nächsten befestigten Straße zu kommen, trägt Tommy Ernst daher über Wochen zunächst seine Partnerin aus dem Wald an die Straße, anschließend holt er den Rollstuhl. 

Dann machen sich die beiden auf nach Osnabrück, zur Tafel und zum sozialen Dienst SKM. Etwas Essen holen, duschen, Powerbanks und Handy aufladen. In den langen Herbstnächten sind ihnen die Smartphones die einzige Zerstreuung. 


"Manchmal ist Tommy auch alleine los, weil es anders einfach nicht ging", erinnert sich Christ. Für sie bedeutete das: Im Zelt bleiben, bis er zurückkommt. Mit den Tieren spielen, auf die Zeltplane starren und: warten, hoffen, dass Tommy nichts passiert. 

Weil Waldbesitzer und Bauern das Zelt nicht dulden wollen, müssen sie ihren Standort mehrmals verlegen. Manchmal kommt die Polizei – und, so schildert es Christ, nicht immer endet die Sache freundlich: An drei Einsätze erinnert sie sich. Einmal seien Beamte von der Belmer Wache gekommen, da sei alles gut gewesen. Zweimal sei die Polizei aus Osnabrück mit mehreren Fahrzeugen angerückt. "Da war die Atmosphäre eine ganz andere: Die haben nicht lange mit uns diskutiert", sagt Christ. 

Die meisten laufen einfach dran vorbei 

Es habe Ultimaten gegeben, bis wann das Zelt abzubauen sei. Der Satz: "Sonst nehmen wir euch als erstes mal die Tiere weg und bringen sie zum Tierschutz", ist ihr im Ohr geblieben. "Die haben doch gesehen, dass ich keine Beine habe und dass wir nirgends hinkönnen, dass wir auch nicht einfach so wegkönnen", ereifert sie sich. 


Die Polizei selbst bestätigt über ihre Pressestelle nur einen der Vorfälle. Am 4. Dezember hätten Beamte im Bereich des Power Weges zwei Zeltende angetroffen, die offenbar vorübergehend obdachlos seien. Vor Ort hätten die Beamten aber keinen Grund für etwaige Maßnahmen gesehen, die Angelegenheit sei als "Sonstiger Vorgang" erfasst worden.

Markus Pöhlking
Ingo Wiesner an dem Ort im Wald, wo das Zelt zuletzt stand.


Christ und Ernst grübeln unterdessen, wie es weitergehen soll. Tagsüber ist die Luft feucht, manchmal regnet es, ständig ist alles klamm. Dann kommen die ersten Nächte mit Frost. Die beiden fragen sich, wie sehr sie wirklich am Leben hängen. 

Ihr Zelt steht fast unmittelbar am Rande eines Reitweges. Täglich seien zehn, eher zwanzig Leute vorbeispaziert oder -geritten, sagt Christ. Gekümmert habe das ungewöhnliche Paar am Wegesrand aber praktisch niemanden. "Nur eine ältere Frau hat sich erkundigt, ob alles okay ist; sie wollte helfen."

Plötzlich steht da ein Fremder mit Hund 

Wahrgenommen wird die schwierige Lage der beiden aber offenbar doch. Das zumindest ergibt sich aus den Schilderungen Ingo Wiesners. Wiesner lebt ein paar hundert Meter entfernt von dem Zelt im Wald. Er ist mit seinem Hund viel in der Gegend unterwegs, das Zelt war ihm schon zuvor an anderen Standorten aufgefallen. 

"Irgendwann habe ich mich mit einem Hundebesitzer darüber ausgetauscht. Der meinte salopp, da drinnen wohne ein Paar mit einem Hund und einer Katze, die Frau habe keine Beine", sagt Wiesner. Er sei dann heim, habe im Warmen gesessen und an die beiden da draußen gedacht. "Das hat mir dann einfach keine Ruhe mehr gelassen." 

Bei seiner nächsten Runde durch den Wald stoppt er am Zelt. Offensichtlich ist die Lage tatsächlich so, wie sein Bekannter geschildert hat. Wiesner spricht die beiden an. Christ kann sich noch gut an die ersten Sätze erinnern: 

„Da stand plötzlich ein fremder Mann mit Hund und sagte einfach: Hey, ich kann euch vielleicht helfen.“

Natürlich nicht ohne die Tiere

Wiesner und seine Frau laden die beiden zu sich nach Hause ein. Es gibt selbstgemachte Hühnersuppe, das Huhn dafür hat Wiesner am gleichen Tag selbst geschlachtet. Bei der warmen Mahlzeit bleibt es aber nicht. Wiesner besitzt ein Haus im Schinkel, mehrere Räume darin hat er an soziale Härtefälle vermietet. "Ihr könnt da ein möbliertes Zimmer haben und den Dezember über bleibt ihr dann einfach erstmal als Gäste, danach schauen wir weiter", lautet sein  Angebot. "Und natürlich könnt ihr eure Tiere mitnehmen." 

Für Christ und Ernst klingt das wie ein Traum. Sie willigen ein. Dass die Sache wirklich klappen könnte, glauben sie dennoch nicht so recht. Aber sie klappt. An einen Tag Mitte Dezember räumen Ernst und Christ ihre Sachen in Wiesners Bulli, dann fahren die drei Richtung Schinkel. Wiesner hat zuvor noch eine neue Matratze für die beiden besorgt: "Die haben da wochenlang auf Isomatten auf dem Waldboden gelegen, das geht aufs Kreuz." 

Unterdessen gibt es für Christ und Ernst noch weitere gute Nachrichten: Die beiden könnten ab Januar über den SKM in eine Unterkunft vermittelt werden. Wahrscheinlich werden sie absagen: Wiesner hat ihnen bereits ein zweites Zimmer in seinem Haus angeboten, die beiden könnten dort längerfristig wohnen. 

Noch ist da viel Konjunktiv

Für Christ würde das feste Dach überm Kopf viel mehr Selbstständigkeit und Autonomie im Alltag bedeuten. Ernst, der in den letzten Monaten praktisch rund um die Uhr für die Tiere und seine Freundin da sein musste, könnte dann wieder arbeiten gehen. "Und ich würde auch gern irgendwas Vernünftiges aus meinem Leben machen", sagt Christ. Sie stehe im Kontakt mit einer Straßenzeitung, bei der sie sich gern als Reporterin versuchen würde - "einfach, um Leuten mit schweren Schicksalen eine Stimme zu verleihen". 

Noch steckt viel Konjunktiv in den Plänen der beiden, das ist auch Christ klar. "Aber immerhin können wir überhaupt wieder Pläne machen. Vor ein paar Tagen lagen wir noch im Wald und wussten nicht, wie es weitergeht." Statt in klammer Kälte werden Ernst und Christ mit ihrer kleinen Tierfamilie Weihnachten nun an einem warmen und sicherem Ort feiern - einfach, weil sich die Dinge im Leben manchmal ganz unverhofft zum Guten wenden.


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