Kleine Tiere mit großer Wirkung Borkenkäferplage wird zur größten Katastrophe im heimischen Wald

Der Borkenkäfer schlägt auch im Belmer Gattberg zu. Förster Wolfram Niehaus zeigt betroffene Flächen. Foto: Michael GründelDer Borkenkäfer schlägt auch im Belmer Gattberg zu. Förster Wolfram Niehaus zeigt betroffene Flächen. Foto: Michael Gründel

Belm. "Es ist ein Trauerspiel", sagt Bezirksförster Wolfram Niehaus während eines Rundgangs durch sein Revier im Belmer Gattberg. Viele Fichten in diesem Mischwald sind vom Borkenkäfer befallen und müssen gefällt werden.

"Hier bleibt nichts mehr stehen. Gucken Sie sich diesen Baum an. Eigentlich schaut er gut und gesund aus. Die Krone ist noch dicht benadelt und grün. Aber die vielen kleinen Bohrlöcher am Stamm, oft von Bohrmehl und Harz umgeben, zeigen dem Fachmann das Gegenteil an.  Der Buchdrucker hat die Fichte massiv befallen. Die Fichte ist tot. Sie weiß nur selber noch nichts davon", erklärt der Förster.


Der Borkenkäfer schlägt auch im Wald im Hinterland von Belm zu. Förster Wolfram Niehaus zeigt betroffene Flächen. Foto: Michael Gründel

Großflächiger Borkenkäferbefall

In einem Jahr geht Niehaus in Pension. Bezirksförster ist er immer gerne gewesen. Doch schaut er jetzt auf seine Arbeitsjahre in den Privatwäldern in der Gemeinden Belm, Wallenhorst und Teilen von Osnabrück zurück, ist er erschüttert. "Ich habe diese Wälder 33 Jahre gehegt und gepflegt, bin um nahezu jeden Baum getanzt. Jetzt muss ich in meinen letzten Monaten mit ansehen, wie hier eine Fichte nach der anderen fällt. Der Borkenkäfer findet sie einfach alle, auch wenn sie in nur geringer Zahl vorhanden sind und von Laubwald großflächig umgeben werden, wie beispielsweise im Hollager- oder Halterberg", erklärt der Förster. Begonnen habe die Katastrophe mit dem Orkan "Friederike" am 18. Januar vergangenen Jahres. Tausende Meter Holz habe der Sturm im Bezirk umgeworfen und damit optimales Brutmaterial für den Borkenkäfer geschaffen. Die beiden heißen Dürresommer die folgten, taten ihr Übriges. Eine Massenvermehrung der Käfer von ungeahntem Ausmaß kam dann in Gang. Die Folge: Großflächiges Fichtensterben.

Zur Sache

Das Wachstum einer Borkenkäferpopulation
Ein Weibchen kann durchschnittlich rund 50 Nachkommen in der ersten Generation produzieren, davon sind wieder 25 Weibchen (Geschlechterverhältnis 1:1) in der Lage, je 50 Nachkommen zu produzieren. Insgesamt können in der zweiten Generation schon 1250 Jungkäfer heranreifen; davon legen wieder 625 Weibchen je 50 Eier, was zu 31.250 Jungkäfern in der dritten Generation führt. Diese Rechnung macht deutlich, welche enorme Vermehrungsleistung der Borkenkäfer erreichen kann, wenn er ungehindert drei Generationen pro Jahr bildet. Aus einem einzigen Fichtenstamm mit einer Länge von 18 Metern können bei guter Brutraumnutzung etwa 60.000 Jungkäfer schlüpfen. (Quelle: Praxisinformation Nr.1 - April 2015, NW-FVA)


Der Borkenkäfer vermehrt sich unter der Fichtenrinde. Foto: Michael Gründel

Optimale Brutplätze und Angriffsflächen für Stürme

"Das ist tatsächlich ein Teufelskreis, in dem wir uns gerade befinden", sagt Niehaus und erklärt: "Wir müssen jeden frisch befallenen Baum möglichst schnell fällen und aufarbeiten, sonst haben wir auch im nächsten Jahr überhaupt keine Chance, die Plage einzudämmen. Dadurch einstehen leider viele Löcher und Schneisen im Wald, die wiederum hervorragende Angriffsflächen für Stürme bieten." So schnell, wie in den vergangenen Jahren eine Katastrophe die andere jage, komme man gar nicht mit dem Aufräumen der Wälder hinterher. Ein weiteres, großes Trauerspiel sei die aktuelle Holzabsatzlage, die mit einem sehr starken Preisverfall und Abnahmestopp für das sonst so hochbegehrte Fichtenholz einhergehe. "Das will ja jetzt keiner mehr haben. Aus  dem Käferholz macht man höchstens noch Europaletten", sagt Niehaus. 

Zur Sache

Privatwald in der Region
Das Forstamt Weser-Ems der Landwirtschaftskammer berät und betreut den Privatwald im Bereich Weser-Ems. Dies sind insgesamt etwa 110.000 Hektar Privatwald. In ganz Niedersachsen sind es etwa 400.000 Hektar. Diese Angabe bezieht sich auf die in sogenannten Forstwirtschaftlichen Zusammenschlüssen (z.B. Waldschutzgenossenschaften, Forstbetriebsgemeinschaften) organisierte Waldfläche. Der gesamte Anteil des Privatwaldes in Niedersachsen liegt bei 700.000 Hektar.
Insgesamt gibt es in Niedersachsen rund 1,2 Millionen Hektar Wald. Davon sind rund 60 Prozent Privatwald. Im Raum Osnabrück liegt der private Anteil bei gut 80 Prozent. Der Rest bezieht sich auf den Landeswald. Weiterhin gibt es einen kleinen Teil Bundeswald (ca. 5 Prozent in Niedersachsen).



Probleme in der ganzen Region

Das geht es nicht nur ihm so. Auch seine 26 Kollegen vom Fortstamt Weser-Ems, das zur Landwirtschaftskammer Niedersachsen gehört, stehen vor den selben Problemen. "Wir kommen derzeit auf eine Fläche von gut 2000 Hektar, die dem letzten Sturm Friederike, der Dürre der vergangenen beiden Sommer und dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen sind", erklärt Florian Stockmann von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. 

Zum finanziellen Verlust könne man derzeit noch keine konkrete Aussage treffen. Jedoch sei allein der Holzpreis innerhalb eines Jahres um zum Teil mehr als 50 Prozent gesunken. Die Holzerlöse decken teilweise nicht einmal mehr die Kosten für die Aufarbeitung des Holzes. Es bleibe dem Waldbesitzer zurzeit kein Geld mehr übrig, um neue Forstkulturen anzulegen.


Über 60 Jahre sind diese Fichten gewachsen. Gefällt sind sie in wenigen Sekunden. Foto: Michael Gründel

Waldbesitzer haben die Nase voll

Eine Fichte mit dem Harvester zu fällen und zu zerlegen, dauert gut 30 Sekunden. In Belm ist damit derzeit Franz Wessels vom Unternehmen Butterweck beschäftigt. "Eigentlich ist es unser Job, den Wald im Rahmen von Druchforstungen zu pflegen. Reine, große Kahlschläge sind in der Forstbranche verpönt", so Wessels. Die Bestände, die er fällen müsse, seien fast alle noch nicht schlagreif. "Das sind dann Momente, die echt keiner haben muss", sagt er sichtlich bedrückt. Auch Waldbesitzer Ralf Besselmann hat die Nase voll vom Borkenkäfer. Er sagt: "Von meinen fünf Hektar Wald ist die Hälfte weg. Die Fichte wird hier im Gattberg komplett aussterben." Aufforsten will er mit Lärchen und Buchen. Er rechne dafür mit Kosten von 10.000 Euro pro Hektar inklusive Wildschutzzaun.

Zukünftig Risiko auf verschiedene Baumarten verteilen

Auf die Frage, wie die Zukunft des Waldes in der Region aussehen wird, sagt Niehaus: " Das jetzige Augenmerk muss auf der richtigen Auswahl der künftigen Baumartenmischungen liegen, die der Klimaveränderung trotzen können. Ausländische Holzarten sollten, wenn sie besser mit unserem zukünftigen Klima zurechtkommen, nicht ausgeschlossen werden. Es müssen ja nicht gleich Palmen gepflanzt werden." Da das geeignete Pflanzgut in so großer, unerwarteter Menge aktuell aber gar nicht zur Verfügung stehe, werde sich die Wiederaufforstung bestimmt über zehn Jahre erstrecken. Mit den hohen Kosten für diese Maßnahme und den späteren Pflegekosten dürfe der Privatwald von der Politik auf keinen Fall allein gelassen werden, findet er.

Keine Chance für heimische Fichten. Foto:Michael Gründel

In Ankum ist die Lage ähnlich

Das sieht auch Reinhard Ferchland, Leiter des Forstamts Ankum so. In den dortigen Wäldern sieht es nicht anders aus. Ferchland hofft auf ein feuchtes und kühles Frühjahr, damit sich der Baumbestand erholen kann. "Im Augenblick ernten wir im Forstamt noch absterbende Bäume, Fichten, Lärchen und erste Buchen. In den letzten Wochen habe sich der Absterbeprozess bei den Baumarten aber  beschleunigt. "Wo vor zwei Monaten noch fünf befallen Fichten standen, stehen jetzt 50", sagt er. Wie hoch der Schaden letztendlich werde, hänge tatsächlich vom Wetter im Frühjahr ab. Bis dahin werde man den ganzen Winter über befallene Bäume ernten und mit möglichst vielen Käfern unter der Borke aus dem Wald holen. "Jeder Borkenkäfer, den wir daran hindern im nächsten Frühjahr zu fliegen und neue Bäume zu befallen, hilft uns", so Ferchland.

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