Mit Tempo 26 unterwegs Bei der Oldtimer-Rallye Wiehengebirge siegt nicht der schnellste Bolide

Als erster am Start Hermann Maßmann mit einer Harley Davidson Baujahr 1925. Die Motorräder fahren nach eigenen Regeln. Foto: Andreas WenkAls erster am Start Hermann Maßmann mit einer Harley Davidson Baujahr 1925. Die Motorräder fahren nach eigenen Regeln. Foto: Andreas Wenk

Belm. Wenn Jugendliche Freitags für das Klima auf die Straße statt in die Schule gehen, mutet eine Rallye zunächst aus der Zeit gefallen an. Die Veranstalter der 33. Oldtimer-Rallye Wiehengebirge sprechen hingegen von „Freude und Spaß bei der aktiven Pflege des Kulturguts Automobil und Motorrad.

 Tatsächlich ist das was sich am Sonntag einmal mehr am Hotel Kortlücke zu einer Ausfahrt versammelt hat, weit mehr als veraltete Motortechnik. Es ist Geschichte auf Rädern.

Möglicherweise eines der markantesten Beispiele dafür ist die Startnummer 16. Walter Bez hatte ein Jahr lang nach diesem Gefährt gesucht und es schließlich in Krefeld gefunden. In Belm ist er bestimmt das 15. Mal am Start, ganz genau weiß er das nicht. Dafür kennt er die Historie seines Wagens umso genauer. Es ist ein EMW 327-2. EMW steht für Eisenacher Motorenwerke. 

Dieser EMW ist ein Stück deutscher Teilungsgeschichte auf Rädern. Ein Jahr lang hat Walter Bez nach diesem Prachtexemplar gesucht und anschließend selbst Hand angelegt, damit das gute Stück wieder in neuem Glanz erscheint. Foto: Andreas Wenk

Der Name ist nicht zufällig zum Verwechseln ähnlich mit BMW. Denn die Bayerischen Motorenwerke hatten in Eisenach den Dixie gebaut. Nach dem Krieg war das Werk von der Zentrale abgekoppelt und musste sich nach einem Rechtsstreit einen neuen Firmennamen geben. Bez bezeichnet seinen EMW deshalb als die modellpflegerische Variante eines alten BMW. Seit 1969 ist Bez leistungsorientierte Rallyes gefahren. Eine gewisse Auto-Leidenschaft kann er kaum abstreiten. Aber seit 1979 fährt er keine Rennen mehr und seit 1993 hat er sich auf Oldtimer-Rallyes verlegt, zusammen mit Ehefrau Edith, „die mich immer begleitet.“

Als Dream-Team präsentieren sich auch Jochen und Ann Transier aus Lingen mit ihrem MGB Roadster Jahrgang ´78. 

Gehören eher zu den Mutigen: Jochen und Ann Transier fahren ihren MGB-Roadster standesgemäß offen, obwohl die Sonne sich noch nicht blicken lässt. Foto: Andreas Wenk

Mit etwas Stolz verweisen sie auf das Bordbuch der diesjährigen Rallye. Ihr Cabrio prangt dort auf dem Cover. Nun stehen nicht alle britischen Autos so für Unvergänglichkeit wie Bentley oder Rolls Royce, deshalb die Frage, wie man ein solches Fahrzeug am Leben erhält? „Pflege und einen guten Schrauber“ brauche so ein Auto. Wegen des umsichtigen Umgangs allein schon mit der Startnummer war das Auto ins Blickfeld gerückt. Transier hatte die wie nur wenige Liebhaber mit Saugnäpfen statt Kabelbindern auf der Haube befestigt. Was einen zu diesem Hobby treibt – sehen und gesehen werden? Nein, darum gehe es ihnen nicht, zumindest nicht in dieser unterschwellig negativen Bedeutung. Ja, wenn es darum geht, andere Oldtimer zu sehen und die Freude daran mit Gleichgesinnten zu teilen. Im Alltag, so verraten sie, fahren sie ganz normale Autos, einen Kia und einen Ford. Ach ja, eine Schwalbe besitzen sie auch noch, ein Moped aus DDR-Zeiten, also noch ein Oldtimer und der bringt es immerhin noch auf Tempo 60.

Viel zu schnell für die 33. Oldtimer-Rallye. Hier geht es darum, eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 26 km/h zu halten. Nicht wer zu langsam ist, bekommt Strafpunkte, sondern wer vorprescht. Selbst die größten Schlucker dürften sich dabei in nahezu umweltverträglichen Verbrauchsdimensionen einpendeln. Da der Spaß im Mittelpunkt steht, haben sich die Veranstalter vom Verein Motor-Sport Vehrte im ADAC auf dem Weg nach Bad Essen und neben einer attraktiven Strecke auch einige Sonderprüfungen einfallen lassen. Dazu gehört es am Rande der Ostercappelner Kirmes, einen Tennisball aus dem fahrenden Auto in ein Netz zu werfen. Wer solche Herausforderungen meistert und alle fahrerischen Vorgaben einhält hat am Ende Aussicht auf einen der Pokale. Die seien, so weiß Klaus-Heiner Wiechmann, obwohl es um den Spaß und ein Kulturgut ginge, dennoch sehr begehrt: „Einige wollen die schon gerne haben.“


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