„Jeder Cent war es Wert“ Soziale Stadt: Belms Bürgermeister zieht positives Fazit

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Belm. „Erfolgreiche Integration ist kein Zufall“ war der Preis überschrieben, der den Belmern im Jahre 2005 von Bundesinnenministerium und Bertelsmann Stiftung verliehen wurde. Dass Integration ein Prozess ist, um dessen Erfolg man sich bemühen muss, haben die Belmer bewiesen. Belms Bürgermeister Viktor Hermeler hat diesen Prozess seit fast 25 Jahren begleitet und mitgestaltet. Im letzten Teil unserer Serie über die ehemalige Belmer Nato-Siedlung zieht er dazu ein Fazit.

Als Viktor Hermeler im Jahre 1995 seine Stelle in Belm antrat, wurde ihm von einem Ratsmitglied hinter vorgehaltener Hand anvertraut, die Gemeinde befinde sich „in einer schwierigen Phase“. Mag sein, dass die Situation im Belm der 90er Jahre mit seinem überproportionalen Zuzug von Spätaussiedlern eine ganz andere war, als die in Kriftel am Taunus, wo Hermeler seinerzeit die Kämmerei geleitet hatte – gescheut hat der Diplom-Verwaltungswirt aus Emsdetten die Herausforderung aber nicht. Und so trat er die Stelle als Hauptamtsleiter und stellvertretender Gemeindedirektor in Belm tatkräftig an.

Herausforderung Arbeitslosigkeit

„Als ich hierher kam, war die Arbeitslosigkeit der zugewanderten Bürger die große Herausforderung für die Gemeinde“, berichtet er und wir erinnern uns daran, dass bis zur Einführung der Hartz-IV-Gesetze im Jahre 2005 Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe über die Arbeitsämter, also vom Bund, gezahlt wurden. Auch die Arbeitsvermittlung oblag den Arbeitsämtern. Belms zahlreiche Aussiedler aber, vor allem jene, die nach der ersten Welle des Zuzugs kamen und die der deutschen Sprache nicht hinreichend mächtig waren, ließen sich nur schwer in den Arbeitsmarkt vermitteln – und da sie zuvor nicht in Deutschland gearbeitet hatten, waren sie ohne Anspruch auf die genannten Leistungen des Arbeitsamtes oder auf Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Sie landeten in der Sozialhilfe, für die aber nicht der Bund, sondern die Kommunen zuständig waren. In Belm verursachten sie Ausgaben, die die Gemeinde bald an ihre Grenzen brachten.

Mit Unterstützung durch den Landkreis Osnabrück, maßgeblich durch dessen damalige Fachdienstleiterin Soziales, Sonja Gartemann, und den damaligen Sozialdezernenten Gerd Hoofe, sowie durch den damaligen Belmer Sozialamtsleiter Karl Diekmann, sei die Gemeinde in das Modellprojekt „Arbeit statt Sozialhilfe“ aufgenommen worden, so Hermeler. „Darüber konnten wir hunderte sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse vermitteln“, erinnert er sich an das Programm, das als Vorläufer der Beschäftigungsinitiative des Landkreises, der Maßarbeit, gelten kann.

Vorurteilsfrei angegangen

Mit der Integration in Arbeit war schon viel auf den Weg gebracht. Darüber hinaus ging es aber auch um soziale und kulturelle Integration. „Die Situation war nicht einfach, aber viele Ängste waren auch völlig unbegründet“, sagt Hermeler. Viele Belmer hätten das Sanierungsgebiet gemieden – und dabei gar nicht gekannt. Die junge Familie Hermeler indes war völlig vorurteilsfrei und lernte alle Ecken der Gemeinde kennen, „denn mit dem Kinderwagen sind wir überall hin.“ Vielleicht sei ja während seiner Anfänge in Belm schon das Schlimmste vorüber gewesen, jedenfalls hätten seine Kinder sehr selbstverständlich auch mit Kindern aus dem Sanierungsgebiet gespielt und dadurch erste multikulturelle Erfahrungen gesammelt. Immerhin lebten zwischenzeitlich 89 verschiedene Nationalitäten in Belm.

Gleichzeitig möchte der Bürgermeister nichts verharmlosen und räumt ein, dass arbeitslose junge Männer zwischen 15 und 30 Jahren erwiesenermaßen nicht selten Gefahr liefen, in die Kriminalität abzugleiten. Meldungen verschiedenster im Belm der 1990er Jahre verübter Delikte belegten dies. Aber gerade unter diesem Aspekt sei die Vermittlung in Arbeit der richtige Hebel gewesen. In diesem Zusammenhang lobt Hermeler ausdrücklich auch das Engagement der Belmer Integrationswerkstatt (BIW).

Doch selbst innerhalb des Gebietes der früheren Nato-Siedlung habe es soziale Unterschiede gegeben. Als „Synonym des sozialen Schreckens in Belm“ könne zweifellos die Adresse Heideweg 36 gelten. „Das Haus war sozial gekippt – und das unabhängig von den dort lebenden Nationalitäten“, sagt er. Vielmehr sei die Häufung vieler sozial schwacher an einem Ort das Problem gewesen. Als durch den Abriss die Bewohner auf andere Häuser umgesiedelt wurden, sich die jeweilige Bewohnerstruktur also mehr durchmischt habe, seien ihm von den neuen Standorten keine Probleme mehr zu Ohren gekommen. „Das war uns eine Lehre und deshalb haben wir auch, als wir Wohnraum für Flüchtlinge suchten, auf deren dezentrale Unterbringung geachtet“, erklärt er.

Soziale Sichtweise

Das Haus Heideweg 36 wurde abgerissen. Dieser Abriss, sowie der Abriss weiterer Häuser an Heideweg und Stettiner Straße erfolgte innerhalb des Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt“, in das Belm im Jahre 2000 aufgenommen worden war. Nachdem ein Aufnahmeantrag im Vorjahr scheiterte, hatte die Gemeinde beschlossen, andere Experten als beim Erstantrag hinzuzuziehen. Die Wahl fiel auf den Sanierungsträger Baubecon, der mit den Büros Ahrens und Pörtner (Hochbau) und dem Planungsbüro Hahm (Tiefbau) zusammenarbeitete. „Schon in den ersten Gesprächen wurde allen klar, dass wir auch die soziale Sichtweise brauchen – und da kam die Uni Osnabrück ins Spiel und mit deren Diplom-Geografen Fred Anders und Dagmar Bode zwei Quartiermanager, die lebenserfahren waren und eine gute wissenschaftliche Ausbildung hatten. So waren wir gut aufgestellt und konnten zielorientiert und strategisch vorgehen“, erinnert sich Hermeler.

Konkret Ziele wurden in einem städtebaulichen Rahmenplan definiert und dieser immer wieder evaluiert und entsprechend angepasst fortgeschrieben. Dazu gehörte es, die barrierehaften Gebäudestrukturen aufzubrechen, Wegeverbindungen zwischen Sanierungsgebiet und Umgebung zu schaffen und durch beide Maßnahmen eine andere bauliche Wahrnehmung zu erzielen. Durch jährliche Ratsworkshops wurde das Programm von der Politik begleitet. Eine neue Form der politischen Arbeit, die Hermeler als Gewinn sieht und die auch heute in Belm noch praktiziert wird.

Die sozialen Maßnahmen indes ließen sich nicht über die Städtebauförderung finanzieren, hierfür wurden Mikroprojekte aufgelegt, für die insgesamt 800 000 Euro aus dem europäischen Sozialfonds (ESF) eingeworben werden konnten. Vor allem aber, so Hermeler, habe „das hervorragende Netzwerk der engagierten Menschen in Belm“ viel geleistet – in beiden Kirchengemeinden, in KAB, Diakonie, Sportvereinen und vielen weiteren Initiativen. Gekostet hat das Programm 9,6 Millionen Euro, von denen die Gemeinde ein Drittel aufbringen musste. „Aber jeder Cent war es wert“, so Hermeler knapp.

Es gab kein Vorbild

Städtebaulich hält Hermeler die Aufgaben im Sanierungsgebiet für gut gelöst, auch wenn Belm mit seinen Hochhäusern natürlich nicht dem klassischen Bild einer Landgemeinde entspreche. Viel wichtiger aber sei: „ Es hat für die Menschen etwas gebracht. Die Wahrnehmung und vor allem die Beschäftigungslage sind doch eine ganz andere.“ Gleichwohl räumt Hermeler ein, dass die ehemalige Britensiedlung immer noch ein Gebiet sei, „auf das wir gut aufpassen müssen, denn es gibt dort immer noch eine Häufung von Menschen, die auf staatliche Leistungen angewiesen sind.“ Viele Bürger sagten zwar, jetzt seien auch mal andere Bereiche dran, und das sei auch verständlich, „aber das muss in sich intakt bleiben, da jegliche Verwerfungen immer auch Auswirkungen auf die Gesamtgemeinde haben“, gibt er zu bedenken.

Auf die Frage, ob der Umstand, dass er nicht aus Belm stammt, den früheren Ersten Gemeinderat und heutigen Bürgermeister unvoreingenommener an die Maßnahmen im Sanierungsgebiet herangehen ließen, sagt er: „Ich hatte Glück, dass mich Gemeindedirektor Horst Schröder wie auch Bürgermeister Bernhard Wellmann haben machen lassen. Als Akteure in der Sozialen Stadt durften wir machen. – Und viele haben mitgemacht.“ Und weiter: „Für unsere Herangehensweise gab es kein Vorbild. Aber die Aufgaben waren gut verteilt, es gab eine große Bereitschaft sowohl von der Zivilgesellschaft wie auch von Rat und Verwaltung, und es gab den guten Input von Planern und Wissenschaftlern.

Auch die Tatsache, dass sich die Belmer bei der Gebietsreform Anfang der 70er Jahre so vehement für die Selbstständigkeit der Gemeinde eingesetzt hatten, habe sich in der Rückschau hinsichtlich Integration positiv ausgewirkt. „Wären wir ein Stadtteil von Osnabrück gewesen, hätten wir unsere Probleme vielleicht nicht so gut in den Griff bekommen“, mutmaßt der Bürgermeister.


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