Von „Belmograd“ zur Sozialen Stadt Wie Belm mit viel Eigeninitiative die sozialen Probleme in den Griff bekam


Belm. Jahrelang war Belm alles andere als eine gute Adresse. Das ehemalige Britenquartier drohte zur No-Go-Area zu werden. Wie es dazu kam, ob und wie die Gemeinde ihre sozialen Probleme in den Griff bekommen hat, dem wollen wir im vierten Teil unserer Serie nachgehen.

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre gab die britische Rheinarmee die ersten Wohnungen in Belm auf. Sie wurden im Haus Heideweg 36 frei. Für den gebürtigen Schotten James Henry, der als Sohn eines britischen Militärangehörigen nach Belm kam und dort sesshaft wurde, ist das nicht erstaunlich: „In Nummer 36 hatte der Eigentümer nichts investiert, dieses Haus war in sehr schlechtem Zustand, weshalb es von den Briten als erstes aufgeben wurde“, so seine Einschätzung. Der Eigentümer, ein Osnabrücker Architekt, der auch noch weitere ehemals von Briten bewohnte Mietshäuser am Heideweg besaß, suchte Leerstände und Mietverluste abzuwenden, indem er den Ende der 80 Jahre verstärkt einsetzenden Zuzug Russlanddeutscher nutzte. Glaubt man den Erzählungen, so soll er regelmäßig ins Lager Friedland gefahren sein, um Neuankömmlinge für seine Wohnungen am Heideweg anzuwerben.

Enormer Zuzug

Anfangs aber war die Zahl der Aussiedler noch sehr überschaubar. Die ersten 20 Familien wurden von den Belmern überaus herzlich aufgenommen. Zwar gab es Besonderheiten, an die man sich jeweils gewöhnen musste – die Belmer störten sich daran, dass sich „die Neuen“ so viel auf der Straße aufhielten, und die Russlanddeutschen fanden es irritierend, dass die Deutschen so zurückgezogen lebten – dennoch klappte die Integration zunächst relativ reibungslos. Mit der endgültigen Aufgabe der NATO-Siedlung durch die Briten wurden jedoch innerhalb kurzer Zeit über 500 Wohnungen frei. Etwa zur selben Zeit fiel der Eiserne Vorhang, Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, aber auch Menschen aus anderen Herkunftsländern in Osteuropa benötigten Quartier. In Quadratmetern gerechnet, mochte sich das ausgleichen. Aber im sozialen Gefüge wurde es schwierig.

Denn während die Briten zwar in der NATO-Siedlung wohnten, ihr Auskommen aber beim Vereinigten Königreich hatten, beanspruchten die meisten der Neubürger zunächst einmal Sozialhilfe. Und während die Kinder der Armeeangehörigen britische Schulen und Kindergärten besuchten, musste die Gemeinde nun für die Kinder aus Russland, Kasachstan und Sibirien, ebenso wie für jene aus Polen, Albanien und dem ehemaligen Jugoslawien Schul- und Kindergartenplätze vorhalten. Eine finanzielle wie strukturelle Mammutaufgabe für die ehemals kleine Landgemeinde.

Allein ihre Einwohnerentwicklung macht dies deutlich. Zählte Belm 1960 noch 6.353 Einwohner, so nahm deren Zahl zwar durch die rege Bautätigkeit in den 60er Jahren zu und betrug 1970 schon 8.559. Doch einem eher kontinuierlichen Wachstum folgte ein sprunghafter Anstieg durch die große Zahl der Aussiedler: Von 11.824 Einwohnern in 1990 stieg sie in nur fünf Jahren auf 14.359. Ende 2017 lag sie übrigens bei 14.069 Einwohnern.

Vorsicht Belm – Kriminalität und Schlagzeilen

Schon Anfang 1988 sah der damalige Belmer Bürgermeister Ludwig Glüsenkamp die Gefahr einer „Ghettoisierung“ mitten in Belm, wie die NOZ damals berichtete. Zu diesem Zeitpunkt war das Hochhaus Heideweg 36 bereits zu zwei Dritteln von sozial benachteiligten Familien bewohnt und die Belmer befürchteten, dass sich diese Entwicklung in den anderen Wohnblöcken fortsetzen könne.

Sie sollten Recht behalten. Von zwei Aussiedlern, die die Gemeindestatistik 1987 nennt, war ihre Zahl bis 1995 auf 2.300 angestiegen. Sie stellten rund ein Viertel der Bevölkerung im Kerngebiet der Gemeinde. Und die Sozialhilfeausgaben stiegen: von 2 Millionen DM im Jahr 1992 auf 9 Millionen DM im Jahr 1996. „Die ersten haben noch nach dem Spaten gefragt, um anzupacken. Jene, die später kamen, haben gefragt, wo es welche Leistungen gibt“, so habe man damals in Belm geurteilt, sagt der ehemalige Bürgermeister Bernhard Wellmann.

Erschwert wurde die Situation dadurch, dass sich unter den Ankommenden immer mehr junge Menschen befanden, die in Deutschland eben nicht ihre alte Heimat sahen, sondern – im Gegenteil – ihre Heimat, ihre Freunde, ihr soziales Umfeld und ihre Sprache in Sibirien oder Kasachstan zurücklassen mussten. Entwurzelung, mangelnde Sprachkenntnisse, fehlende Kontakte zu gleichaltrigen Einheimischen und berufliche Perspektivlosigkeit ließen gerade bei den Jugendlichen ein Klima entstehen, in dem sich Drogenkonsum und Kriminalität entwickelten. Und derlei vollzog sich nicht etwa irgendwo am Rande des Ortes; der soziale Brennpunkt lag mitten in Belm.

Fast täglich war die Gemeinde in den Schlagzeilen. Messerstechereien, brennende Autos, brennende Mülltonnen, Einbrüche. Zu den finanziellen Problemen war also noch der Sicherheitsaspekt hinzugekommen. Vom Imageverlust ganz zu schweigen. „Spätestens Mitte der 90er Jahre, war allen klar, dass was passieren muss“, so Bernhard Wellmann. Vor allem die Häuser am Heideweg seien ein „Durchlauferhitzer für Sozialfälle“ gewesen.

Zunächst wurde die Gemeinde selbst aktiv: Sie baute an der Haupt- und Realschule an, plante, baute und bezog innerhalb von nur 14 Monaten eine zweite Grundschule, gründete die Belmer Integrationswerkstatt für sozial benachteiligte Jugendliche und, in Kooperation mit der katholischen Pfarrgemeinde, den offenen Kindertreff. Allein: Ohne Hilfe von außen war die Gemeinde mit den sozialen Verwerfungen nachvollziehbar überfordert.

Hilferufe

Belm ersuchte um Hilfe: bei Landkreis, Land und Bund. „Der Landkreis hat uns gut unterstützt“, bekräftigt Wellmann, um zu ergänzen, dass die seitens der Landesregierung zugesagte Hilfe zu wünschen übrig gelassen habe. „Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) hatte uns bei seinem Besuch zugesagt, Belm zur Chefsache zu machen und uns einen Sozialpädagogen in Aussicht gestellt. Doch erst nach mehrmaligem Nachhaken in der Staatskanzlei wurde uns eine auf ein Jahr befristete Stelle genehmigt.“ Und der damalige Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) habe verständnislos geäußert: „In Frankfurt haben wir weitaus höhere Hochhäuser.“ Kurzum: Die Politiker gaben sich die Klinke in die Hand, doch wirkliche Hilfen oder gar Lösungen brachten sie nicht mit.

Für Wellmann kristallisierte sich bald eine Lösung heraus: „Die Problem-Hochhäuser abzureißen, ist das einzige, was hilft“, war und ist seine Überzeugung. Die Geschichte gibt ihm heut Recht, aber damals wurde seine Auffassung bei weitem nicht von allen geteilt. Die SPD-Fraktion sprach sich dagegen aus, schließlich steckten in den Bauten ja jede Menge Steuergelder, lautete ihr nicht von der Hand zu weisendes Argument. Und auch der CDU-Landrat Josef Tegeler war der Meinung, dass man doch in Zeiten akuter Wohnungsknappheit keinen Wohnraum vernichten dürfe. Doch dem gegenüber standen die wachsende Kriminalität und Sozialausgaben, die in die Höhe schnellten und die auch den Landkreis, der Letztere zu einem gewissen Teil erstatten muss, auch irgendwann schmerzten.

Belm wird „Soziale Stadt“

Viel versprach sich die Gemeinde vom Programm „Die soziale Stadt“, das für Belm ein Fördervolumen von 9,3 Millionen Euro bereithalten sollte. Indes: Bei diesem Bund-Länder-Programm zur Städtebauförderung handelt es sich originär um ein Aufbau- und nicht um ein Abrissprogramm, weshalb Belm bei der Aufnahme in das Programm im Jahre 2000 einer Maßgabe aus Hannover entsprechen musste, den Bestand an Häusern zu erhalten. Entgegen dem inzwischen gereiften Wunsch, einen Teil der Häuser – zumal jene am Heideweg – abzureißen, musste Belm also einen Ratsbeschluss zu deren Erhalt fassen. Dass es schließlich doch noch zum Abriss kam, schreibt Wellmann rückblickend der Befürwortung durch den Landkreis, vor allem durch dessen damalige Sozialdezernentin Sonja Gartemann, und dem Sanierungsträger Baubecon zu. Außerdem sei neben dem städtebaulichen verstärkt auch der soziale Aspekt der Sanierung in den Mittelpunkt gestellt worden.

Gemeinsam mit dem Fachbereich Geografie an der Universität Osnabrück wurden ein Sanierungsgebiet definiert und dafür ein städtebaulicher sowie sozialer Rahmenplan und ein integriertes Handlungskonzept erarbeitet, mit denen der zunehmenden sozialen und räumlichen Spaltung inmitten von Belm entgegengewirkt werden sollte. Das Sanierungsgebiet wurde durch Fußwegverbindungen besser an die Ortsmitte angebunden, ein Stadtteilbüro stand den Bewohnern beratend zur Seite und Treffs und Gruppen – von ambulanten Erziehungshilfen bis zum Zirkus Belmelli – förderten die Beteiligung der Bewohner. Ein Quartiermanagement stellte die enge Abstimmung zwischen Bewohnern, Gemeinderat und Verwaltung sicher.

„Gerade zu Beginn war es wichtig und vorteilhaft, dass wir auf den sozialen Netzwerkstrukturen aufbauen konnten, die sich in den 1990er Jahren zur Integration der zahlreichen Neubürger in Belm herausgebildet hatten“, sagt Fred Anders, der als Wissenschaftler und Quartiermanager das Programm von dessen Start im Jahre 2000 bis zum Abschluss 2016 betreute.

Bauliche Maßnahmen zeigten Bewohnern und Öffentlichkeit schnell: Hier passiert etwas! Beschleunigt wurden diese ersten Maßnahmen durch einen Fingerzeig von oben: Im August 2001 fegte eine Windhose mitten durch das Sanierungsgebiet und zerstörte das alte Jugendzentrum, das in Containern untergebracht war. Dadurch konnte das neue Jugendzentrum Gleis 3 gebaut werden und die Jugendarbeit erhielt prompt anderen Stellenwert. Und nicht nur die Jugend profitierte vom Sturm: Ein Bürgerpark wurde angelegt – mit Teich, Rasenflächen, Ruheplätzen, Skateranlage und Finnenbahn. Naherholung, wo wenige Jahre zuvor noch die Mülltonnen brannten.

Makroprojekte

Doch die wirklich großen Brocken im wahrsten Wortsinne waren die sanierungsbedürftigen Gebäude. Fred Anders zählt auf: „2003 mussten die inzwischen baufällig gewordenen Häuser an der Stettiner Straße 17 und 18 abgerissen werden. Hier konnte ein zentraler Platz für Begegnungen im Quartier entstehen. Im Kern aber ging es um das Haus Heideweg 36, dem Inbegriff für die sozialen Probleme Belms. Verwahrlosung, Gestank, Müll, Kriminalität lagen hier auf dem Präsentierteller direkt vor der Nase bürgerlicher Bungalows. Im Sommer 2005 wurde Abrissparty gefeiert, die Feuerwehr durfte das Haus noch einmal zu Übungszwecken nutzen und dann kamen die Bagger. 2010 schließlich folgte Heideweg 47 bis 51.

Was man leicht vergisst: Vor dem Einsatz von schwerem Gerät standen der Grunderwerb durch die Gemeinde und die Suche nach Wohnungen für die verbliebenen Mieter. Immerhin zeigte sich der Wohnungsmarkt seinerzeit noch entspannt und es ist der Kommune gelungen. Heute hingegen dürfte sich eine solche Maßnahme weitaus schwieriger gestalten. Für die nicht wenigen verbliebenen Häuser an Stettiner und Frankfurter Straße war es Ziel der Gemeinde, einen möglichst hohen Anteil an Selbstnutzern zu etablieren, um Fluktuation entgegenzuwirken und Identifikation zu stärken. Doch die Einigung mit den Eigentümern, die aus ganz Deutschland kamen und die Wohnungen als Renditeobjekte bewirtschafteten war oft schwierig. Mehrfach kaufte die Gemeinde auch einzelne Wohnungen auf, um innerhalb der Eigentümergemeinschaften Einfluss zu nehmen.

Mikroprojekte

Flankiert wurde das Mammutprogramm „Soziale Stadt“ durch vom Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderte Mikroprojekte. Dazu gehörten vor allem Sprachkurse, Qualifizierungsmaßnahmen und Bewerbertrainings, aber auch integrative Angebote wie ein Männertreff, der Bau eines Trimm-dich-Pfads oder die Gestaltung von Wanderwegen. Alle Angebote wurden von Akteuren vor Ort durchgeführt. Überhaupt ist das Programm „Soziale Stadt“ ohne die einzigartigen Belmer Netzwerkstrukturen aus Einrichtungen, Vereinen, Verbänden, Kirchen, privaten Initiativen, Politik und Verwaltung nicht denkbar. Sie waren es, die in Belm zu einem so außerordentlichen Erfolg in Sachen Integration führen sollten, dass der Gemeinde hierfür im Jahre 2005 von Minister Otto Schily in Berlin der von Bertelsmann Stiftung und Bundesinnenministerium der Preis „Erfolgreiche Integration ist kein Zufall“ verliehen wurde.


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