Heimat gesucht und gefunden Wie in Belm aus einer Patenschaft eine Freundschaft fürs Leben wurde

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30 Jahre gemeinsame Erinnerungen: Artur Werbis jun., Renate und Reinhold Spellmeyer, Linda und Artur Werbis sen. (von links). Foto: Kerstin Balks30 Jahre gemeinsame Erinnerungen: Artur Werbis jun., Renate und Reinhold Spellmeyer, Linda und Artur Werbis sen. (von links). Foto: Kerstin Balks

Belm. Gibt man hierzulande auf Google Maps Karaganda ein, wird einem gleich der halbe Globus angezeigt. Mehr als 4400 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der kasachischen Metropole und dem vergleichsweise kleinen Belm. Die wenigsten Alt-Belmer werden je dort gewesen sein, aber etliche Neu-Belmer kommen von dort. So wie Linda und Artur Werbis, die als russlanddeutsche Aussiedler 1988 in Belm heimisch wurden.

Es ist so etwas wie ein Familientreffen. Der Tisch ist schön gedeckt, der Kaffee frisch aufgebrüht, es gibt Kekse und Konfekt. Fotos werden herumgereicht. Bilder von Großeltern, Bilder von Kindern, von Festen, vom Urlaub, aus Belm und eben aus Karaganda. Und schnell wird klar: Bis auf ihre Herkunft haben die hier Anwesenden eine gemeinsame Geschichte, denn seit 30 Jahren verbindet die Familien Spellmeyer und Werbis eine enge Freundschaft.

Im Anfang nur Kisten zum Sitzen

„Als ich euch das erste Mal besucht habe, hattet ihr nur Kisten zum Sitzen“, erinnert sich Renate Spellmeyer. „Ja, das war noch in der Wohnung am Heideweg“, weiß Linda Werbis. „Damals“, „Weißt du noch?“ – Stichworte fliegen durch den Raum, es wird gelacht, heute. Doch nicht immer war Linda und ihrem Mann Artur zum Lachen zumute. „Es war kein leichter Entschluss, nach Deutschland zu gehen. Ist es das Richtige? Was erwartet dich in einem fremden Land? Diese Fragen habe ich mir immer wieder gestellt. Aber letzten Endes war ich doch zuversichtlich, dass es die richtige Entscheidung ist – vor allem für die Kinder“, sagt die dreifache Mutter. In Kasachstan hatten Linda und Artur Werbis Arbeit, sie als Musiklehrerin, er im Bergbau, es ging ihnen nicht schlecht, es gab eine große deutsche Gemeinschaft, mit einem starken Zusammenhalt. Aber immer wieder wurden ihnen aufgrund ihrer deutschen Abstammung Steine in den Weg gelegt. Das wollten sie ihren Kindern ersparen.

Abschied in Kasachstan: Bei der Abreise von Familie Werbis 1988 entstand diese Aufnahme. Repro: Kerstin Balks

Schließlich war da auch noch Tante Katharina, der bereits 1970 die Ausreise nach Deutschland geglückt war und die in Haste lebte. „Der Kontakt zu ihr hat in uns immer den Traum von einem Leben in Deutschland wach gehalten. Ein, wie uns schien, unerfüllbarer Traum. Bis zu Beginn der Perestroika“, sagt Linda. „Als sich 1987 für uns die Möglichkeit zur Ausreise auftat, haben wir uns darum bemüht. Viele Auflagen mussten wir erfüllen, Nachweise über unsere deutsche Herkunft erbringen, Lebensläufe, Geburtsurkunden“, erinnert sich ihr Mann Artur. Vom Datum der Antragstellung bis zu deren Genehmigung verging ein halbes Jahr, im Mai 1988 kamen Linda und Artur nach Deutschland, zusammen mit ihren Kindern Artur jun. und Eleonora, damals sechs und vier Jahre alt, sowie mit Lindas Bruder und dessen Familie und mit ihren Eltern. „Es war so schwer, alles und alle zurückzulassen. Man wusste ja nicht, ob man die Daheimgebliebenen jemals wiedersehen würde“, berichtet Artur bewegt und zeigt das Abschiedsfoto, das die ganze Sippe im Sonntagsstaat versammelt zeigt.

Das Hochzeitsgeschirr wurde mitgenommen

Für die Ausreise eingepackt haben sie das Nötigste, ihre schönsten Kleider, Bettwäsche, viele Fotos – und ihr Hochzeitsgeschirr, in Seidenpapier eingewickelt. Noch heute wird es gehütet wie ein Schatz. Mehr als 30 Rubel pro Person durften sie nicht an Bargeld mitnehmen. Im Lager Friedland wurden die Einreisenden aufgrund ihrer Verwandten in Haste nach Osnabrück verwiesen. Von dort ging es kurz darauf weiter nach Belm.

Bürgerschaftliches Engagement: 1988 fand der Begegnungsnachmittag statt, die NOZ berichtete. Repro: Kerstin Balks


Hier hatten die britischen Streitkräfte die ersten Wohnungen aufgegeben; es betraf dies zu Anfang vor allem die Häuser am Heideweg, die ein Osnabrücker Architekt Anfang der 70er Jahre gebaut hatte und die sich in einem sehr schlechten Zustand befanden. Am Heideweg 51 zog nun Familie Werbis ein – als eine der ersten russlanddeutschen Familien, der aber noch viele folgen sollten. 1988 nämlich war die Zahl der Ankömmlinge aus dem fernen Russland noch deutlich überschaubar, ebenso wie deren Bedürftigkeit unübersehbar war. Die damaligen Belmer Geistlichen, Pastor Fredryk Tegler von der evangelischen und Pastor Heinrich Kreutzjans von der katholischen Kirche, wurden aktiv, sie luden zu einem Begegnungsnachmittag – damit sich Alt- und Neu-Belmer kennenlernen und Patenschaften entstehen sollten. Und so kam es zu der denkwürdigen Begegnung der Familien Spellmeyer und Werbis.

"Da hatten wir sie – und haben sie immer noch!"Reinhold Spellmeyer

„,Wir gehen da mal hin, aber uns zu einer Patenschaft verpflichten, das wollen wir eigentlich nicht‘, so sagten wir uns an jenem Samstagnachmittag auf dem Weg zum Pfarrheim an der Lindenstraße“, erinnert sich Renate Spellmeyer. Und auch Linda Werbis ist jener Nachmittag gut im Gedächtnis geblieben: „Wir kannten uns noch nicht so gut aus in Belm und hatten uns irgendwie verlaufen, sodass wir, typisch, mal wieder zu spät kamen. Und so waren alle Patenschaften schon vergeben“, lacht Linda und blickt vielsagend zu Reinhold Spellmeyer, der wie aufs Stichwort ergänzt: „Als Pastor Kreutzjans sagte: ,Diese Familie hat noch keine Patenfamilie‘, da hatten wir sie – und haben sie immer noch!“ Längst ist aus der Patenschaft eine Freundschaft fürs Leben, ja fast schon Familie geworden: Kein Fest, ohne dass man sich nicht gegenseitig einlädt, und auch gemeinsame Reisen unternimmt man immer wieder, zuletzt nach Teneriffa. 

„Jeder Schritt brauchte Antworten“

„Diese Patenschaft war so wichtig für uns. Jeder Schritt brauchte Antworten. Wir wussten ja nichts. Renate und Reinhold Spellmeyer halfen bei Formularen, bei der Einrichtung, beim Einkaufen. Sie versorgten und mit Möbeln und Kleidung“, zählt Linda Werbis auf und Reinhold Spellmeyer erinnert sich an die Möbeltransporte, die die freiwilligen Helfer der beiden Kirchen und der KAB für die russlanddeutschen Familien organisiert haben: „Das lief vor allem über Pastor Tegler. Der akquirierte gebrauchtes Mobiliar und verteilte es an die Familien. Was nicht sofort einen Abnehmer fand, wurde im alten Feuerwehrhaus am Gustav-Meyer-Weg zwischengelagert. Sämtliche Transporte wurden privat organisiert.“ „Und was die Kleidung angeht: Den ersten Einkauf haben wir bei Bruno Kleine gemacht, aber ganz viel lief über das DRK. Gisela Büker hatte das ganz toll organisiert“, erzählt Renate Spellmeyer. 

Hochhäuser der ehemaligen Btritensiedlung in Belm. Viele Wohnungen wurden seit Ende der Achtzigerjahre von Russlanddeutschen bezogen. Das Bild entstand im Februar 2018. Foto: Gert Westdörp


Das Erstaunliche: Obwohl Familie Werbis damals kaum deutsch sprach und Spellmeyers erwartungsgemäß kein russisch, verstanden sich alle prächtig. Reinhold Spellmeyer: „Die ersten Treffen – keiner verstand die Sprache des anderen. Was haben wir gemacht? Wir haben Volkslieder gesungen!“ Überhaupt habe die Musik, das gemeinsame Singen bei ihrer Freundschaft, aber auch bei der Integration dieser ersten 20 russlanddeutschen Familien in Belm eine wichtige Rolle gespielt, sind sich alle einig und erinnern an den Integrationsclub, den Vera Zimmer in den Neunzigerjahren ins Leben rief.

Eigenes Reisebüro am Marktring

Es ging bald bergauf für Familie Werbis. Die Kinder hatten sich ohnehin rasch eingelebt, wurden eingeschult, lernten schnell deutsch, 1995 wurde Tochter Melissa geboren, „unser deutsches Kind“, wie alle scherzhaft sagen. Artur fand bald eine Stelle als Elektriker bei der Firma Isoblock in Osnabrück, wo er inzwischen sein 30-jähriges Jubiläum feiern konnte. Linda gab Musikunterricht. Um als Lehrerin an einer Schule zu unterrichten, fehlte ihr das in Deutschland vorgeschriebene Zweitfach. Sie überlegte, noch einmal zu studieren, aber da sie bereits mehrfach als Reiseleiterin gejobbt hatte, schlug man ihr beim Arbeitsamt eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau vor – und heute ist sie Geschäftsfrau mit eigenem Reisebüro am Belmer Marktring.

"Einer hilft dem anderen, gerade am Bau. Wir haben fünf Häuser in zehn Jahren gebaut."Artur Werbis

Nach einem Jahr am Heideweg bezogen Werbis‘ eine größere Wohnung in der Hortmarstraße und 1994 schließlich das eigene Haus in Vehrte – alles in Eigenleistung und mithilfe von Freunden und Verwandten gebaut. „Das ist ja bei uns so: Einer hilft dem anderen, gerade am Bau. Wir haben fünf Häuser in zehn Jahren gebaut“, sagt Artur nicht ohne Stolz. Und der Vorwurf, dass Aussiedler besonders vom Staat gefördert worden seien? Arthur Werbis winkt ab: „Wir alle konnten nur bauen, weil wir fast alles selbst gemacht haben.“ Zwar hätten Aussiedler damals noch einen Lastenausgleich beantragen können, „aber davon konnte man nie und nimmer ein Haus bauen.“ 

Später kamen viele aus rein wirtschaftlichen Gründen

Auch hier zeigte sich der starke Zusammenhalt, den die Russlanddeutschen seit jeher lebten, ja, leben mussten. Dennoch: Nicht allen gelang es, in Deutschland Fuß zu fassen. Artur Werbis: „Später, als in der Sowjetunion alles zusammenbrach, kamen viele aus rein wirtschaftlichen Gründen.“ Aufgrund des Massenansturms seien etliche von ihnen auch ohne Hilfe geblieben. Nicht immer sei deren Integration gelungen. „Nicht selten gab es psychische Probleme“, räumt Linda Werbis ein. Einen Vergleich mit dem aktuellen Zuzug von Flüchtlingen möchten sie und ihr Mann dabei nicht gelten lassen: „Die verlassen ihre Heimat, wir haben Heimat gesucht und gefunden“, sagt Artur Werbis.


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