Als seien sie nie da gewesen Die Briten in Belm: Warum die Integration kaum stattfand

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Belm. Mehr als 30 Jahre lebten die Briten mitten in Belm und doch ist wenig über gemeinsame Veranstaltungen, über Begegnungen, ja überhaupt über den Umgang miteinander dokumentiert, gibt es kaum gemeinsame Erinnerungen. Wie sich das Zusammenleben darstellte und ob es überhaupt eines gab.

„Wir hatten Respekt vor den Engländer-Kindern. Man sah sie gelegentlich am Bach spielen, aber man hätte sich nicht getraut, sie anzusprechen“, erinnert sich Johanna Lagemann an ihre Kindheit in den 60er-Jahren. Eine Kontaktaufnahme sei überhaupt kein Thema gewesen, es habe auch keinen Grund gegeben, in die Siedlung zu gehen, sagt die aus Alt-Belm stammende Leiterin des Belmer Kindertreffs. Ihr Mann Michael stammt aus Powe und kann sich noch gut an die Entstehung der Briten-Siedlung erinnern, wo er und seine Freunde auch gern die Fahrstühle der im Rohbau befindlichen Häuser an der Frankfurter Straße ausprobierten. „Aufzüge gab es ja sonst nur bei Horten oder Hertie“, lacht er.

Begegnungen bei Witte

Als die Briten schließlich eingezogen waren, besuchte Lagemann bereits das Carolinum in Osnabrück. Begegnungen mit den Belmer Briten habe es höchstens in der Gaststätte Witte am Finkenweg gegeben, wo die Jugendlichen beider Nationalitäten häufig eingekehrt seien. „Aber auch da kam man nicht weiter ins Gespräch. Wir waren wohl im Englischen auch nicht so fit, wie es die heutige Jugend ist“, vermutet er.

Auch der aus Belm stammende NOZ-Redakteur Holger Jansing erinnert sich, dass er als Jugendlicher einmal in der Briten-Siedlung Prospekte austeilen musste und ihm dabei nicht ganz wohl war, „ohne dass man hätte sagen können, warum.“ – „Das Leben in der NATO-Siedlung verlief isoliert vom Leben in der restlichen Gemeinde. Die Briten und wir – da blieb jeder schön für sich“, so äußern sich viele Belmer, wenn man sie zu der Zeit befragt, als ein Großteil des Wohnraums mitten in Belm von britischen Familien bewohnt war.

Leben auf einer Insel

Kein Wunder eigentlich, dieses Fremdeln, gab es doch wenig Berührungspunkte. Die Briten hatten ihre eigenen Ärzte, Läden, Schulen und Kindergärten. Sie dienten in der Garnison in Osnabrück, auch eine eigene Buslinie gab es. Begegnungen im Alltag fanden mithin kaum statt. Noch eher als morgens beim Belmer Bäcker konnte man britische Soldaten vielleicht abends in einer Osnabrücker Kneipe antreffen. Und es soll durchaus auch vorgekommen sein, dass übermäßiger Alkoholgenuss zu einem Verhalten führte, bei dem der Besuch der Military Police angezeigt war. Aber auch derlei Vorkommnisse dürften eher die in Osnabrück lebenden Briten betroffen haben, die ledigen nämlich, die in den Kasernen wohnten.

In Belm aber gab es keine Kasernen, sondern nur Wohnungen für Militärangehörige mit Familie. Umgekehrt mag der Umstand, dass in der Belmer NATO-Siedlung eben nurmehr Familien wohnten, einer „freundlichen Feindberührung“ eher im Wege gestanden haben. Insofern: Die Briten leben nicht nur in Europa auf einer Insel, sie taten es auch in Belm.

„Umgang mit technischen Hausgeräten fiel schwer“

In „Remembering Osnabrück – The British Garrison 1945-2009“ hat Sarah Elsom viele Fotos und Geschichten vom Leben britischer Soldaten und ihrer Familien in und um Osnabrück zusammengetragen. Zur Belmer NATO-Siedlung ist zu lesen: „In Belm-Powe, östlich der Mercer-Imphal Barracks (Kasernen am Limberg, Anm. d. Red.), wurde eine neue Siedlung mit 528 Wohnungen geplant. 1964 war es ein Leuchtturmprojekt für die Firma Interbau. Doch schon 1966, nur sechs Monate nachdem die ersten Wohnungen bezogen wurden, berichtete die lokale Presse von Beschwerden über die britischen Bewohner. Deutsche, die ihre Häuser und Gärten immer sauber und ordentlich hielten, misstrauten dem eher weniger durchorganisierten Lebensstil der britischen Familie. Das Osnabrücker Tageblatt führte aus, dass den jungen Frauen der Armeeangehörigen die hausfrauliche Erfahrung fehle und ihnen der Umgang mit modernen elektrischen Hausgeräten schwerfalle. Getrennt von ihren Familien im Vereinigten Königreich hatten die Frauen natürlich niemanden an ihrer Seite, der sie hätte anleiten können. Schlechtes Benehmen war ein anderer häufig vernommener Vorwurf. Einige jüngere Familien müssen es als problematisch empfunden haben, Unterhaltung zu finden, selbst nach der Eröffnung des Community Centres 1971.“

Liebe zum Kontinent

Als „eine Geschichte der Öffnung und der Abschottung“, bezeichnete der inzwischen verstorbene NOZ-Redakteur Frank Henrichvark in seinem gemeinsam mit dem Fotografen Hermann Pentermann herausgegebenen Buch „Jeder zehnte Osnabrücker war ein Engländer“ das Zusammenleben von Briten und Deutschen am Garnisonsstandort. Das lässt sich auch auf Belm übertragen, denn bei aller Distanz gab es auch immer wieder Geschichten der Gemeinsamkeit. Und die hatten meistens mit Liebe zu tun. So wie bei James Henry.

Was tut der Engländer in seiner Freizeit? Tee trinken, Vögel beobachten, zur Jagd gehen? Denkste! James Henry trinkt Kaffee mit Milch und Zucker. Er beobachtet zwar auch Vögel, aber mehr im Hinblick auf ihren Zuchtwert, denn er ist Tauben- und Rassegeflügelzüchter. Und er schießt zwar, aber nicht auf der Jagd, sondern im Schützenverein. Dass James Henry unser Klischee von „typisch englisch“ nicht bedient, mag daran liegen, dass er Schotte ist. Es kann aber auch darin begründet sein, dass er seit fast 50 Jahren mitten in Belm lebt und seine Vorlieben inzwischen eher „typisch deutsch“ sind.

Umzug mit 15

Wenn er seine Geschichte erzählt, ist es, als würde man mit Rea Garvey reden – auch James Henry hat diesen sympathischen Akzent. Ansonsten benutzt er die deutsche Sprache absolut fehlerfrei. Und das, ohne je einen Sprachkurs belegt zu haben, „einfach indem ich mich immer gern unterhalten habe“. 15 Jahre war er, als er mit seinen Eltern und Geschwistern nach Belm kam. Kein gutes Alter, um seine Freunde, sein Zuhause zu verlassen, um nach Osnabrück und zu den „Krauts“ zu gehen, möchte man meinen. „Das war okay für mich. Da mein Vater bei der Armee diente, waren wir es gewohnt, häufig umzuziehen. Außerdem hatten wir durch den Militärdienst meines Vaters in den 60er-Jahren auch schon eine längere Zeit in Minden verbracht“, erklärt er.

„Wir kamen 1971 nach Belm. Dort haben wir zunächst an der Stettiner Straße 12 gewohnt, später am Heideweg 43. Das war damals Erstbezug. Wir hatten fünf Zimmer, 110 Quadratmeter. Es lebte sich sehr gut dort.“ Die Frage, ob Belmer und Briten keinerlei Kontakt hatten, beantwortet er mit einem „Jein“. „Ich höre und lese das oft, und es mag bei den Kindern so gewesen sein. Als Teenager trafen wir uns aber untereinander – im Jugendzentrum der Gemeinde, auf der Kirmes, beim gemeinsamen Grillen.“ Ihm seien aus dieser Zeit viele deutsche Freunde geblieben. Als James Henry seinen 18. Geburtstag feierte, brachte einer dieser Freunde ein Mädel aus Powe namens Vera mit zur Party – und als sein Vater 1976 zurück nach Edinburgh berufen wurde, blieb Sohn James in Belm und gründete mit seiner Vera eine Familie.

Zwar wurde er nicht Berufssoldat, wie es sein ursprünglicher Plan war, doch er blieb der Army als Zivilangestellter treu.

Über Vera lernte er auch das Belmer Vereinsleben kennen. Seit vielen Jahren ist er Mitglied im Belmer Schützenverein, außerdem im Vorstand bei den Taubenzüchtern und Kassierer bei den Rassegeflügelzüchtern – sehr zur Freude des Vereins und von Zuchtwart Oliver Schevemann: „Ein Schotte als Kassierer – etwas Besseres hätte uns nicht passieren können.“

Kultureller Austausch

James Henrys Geschichte bedurfte keiner Interventionen von oben. Doch die gab es auch. Blättert man nämlich weiter im Zeitungsarchiv, findet man – neben den turnusmäßigen Berichten über wechselnde Regimenter, den alljährlichen Feiern zum Freedom of the City und zum Geburtstag der Königin – in schöner Regelmäßigkeit Meldungen, in denen es um die Lärmbelastung durch britische Militärfahrzeuge, aber auch um Verständigungsprobleme zwischen Deutschen und Briten geht. Immer wieder werden dafür zum einen die ständige Fluktuation am Garnisonsstandort, zum anderen die fehlenden Kontakte zu Einheimischen verantwortlich gemacht.

Mit dem Ziel, Kontakte zwischen Belmern und den Mitgliedern der Garnison zu knüpfen und zu festigen, war 1973 in Belm ein Deutsch-Englisches Komitee gegründet worden, dessen Vorsitz zumeist der Leiter der britischen Clive-School innehatte. Überhaupt war das Komitee überwiegend intellektuell besetzt, ihm gehörten deutsche und britische Lehrer, Ratsherren und Verwaltungsmitglieder an. Und so ging die erstrebte Kontaktaufnahme auch kaum über den schulischen Bereich hinaus. Immerhin wurden bei den Sitzungen des Komitees Probleme nicht verschwiegen. So schrieb die NOZ im Juni 1981: „Eines davon sei, so meinte die Komiteedame Chapmann, der Spielplatz am Westerteich, wo es nach Schulschluss, wenn die größeren Kinder dort auftauchten, fast jeden Tag Ärger und Streit zwischen den Jugendlichen beider Nationalitäten und demzufolge auch zwischen den Eltern gebe. Das Komitee war sich jedoch einig, dass hier ein offizielles Eingreifen der Gemeinde mehr schaden als nützen könne.“

Auch sollte den Deutschen britisches Brauchtum nahegebracht werden. Für einen Bericht in der Weihnachtsausgabe von 1985 war NOZ-Redakteurin Angelika Hitzke bei den Familien Dunne und Hillgrove in Belm zu Gast, wo „Father Christmas“ Tochter Becky ein Puppenhaus bringen sollte und die Einkäufe für Truthahn und Christmas Pudding getätigt wurden. Familie, gutes Essen, Geschenke unterm Baum – in der NATO-Siedlung wurde Weihnachten nicht viel anders gefeiert als in den Häusern „drum zu“. Aber das erfuhren die Belmer nur aus der Zeitung und nicht durch eigene Kontakte.

Facebook-Gruppe

Seit einigen Jahren stehen Kinder der britischen Familien, die seinerzeit in Belm lebten, in Kontakt über eine Facebook-Gruppe namens „Belm Pad Brats“, was sich mit „Gören aus der Belmer Militärsiedlung“ übersetzen lässt. Hier tauschen sie Erinnerungen aus an Spekulatius, an Backerbsen und Curry-Ketchup, an Panzerstraße und Clive-School, die Käsehobel-Rutsche und den Frosch auf dem Spielplatz – kurzum und ganz nostalgisch an „great times at a great place“.


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