Der Bombentyp Wer ist der Mann, der in der Region die Blindgänger entschärft?

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Sprengmeister Clemens Stolte entschärft die Blindgänger in der Region. Bald geht er in Rente. Wer ist dieser Bombentyp? Foto: Michael GründelSprengmeister Clemens Stolte entschärft die Blindgänger in der Region. Bald geht er in Rente. Wer ist dieser Bombentyp? Foto: Michael Gründel 

Belm. Clemens Stolte entschärft Bomben. Das ist sein Beruf. „Ich hänge an meinem Leben“, sagt er. Ende des Jahres geht der 63-Jährige in Rente. Die Belmer Blindgänger könnten seine letzten dicken Dinger gewesen sein – wenn nicht noch etwas Unvorhersehbares geschieht.

Und dann sind sie allein mit den Bomben auf einer Kuhwiese in Haltern. Zwei Blindgänger in zwei Gruben, zwei Zünder und zwei Mal mehr als 100 Kilo reiner Sprengstoff. Clemens Stolte, 63 Jahre alt, Sprengmeister beim Kampfmittelbeseitigungsdienst, und seine Leute machen sich an die Arbeit.

Stoltes Kopf ist klar. Seine Hände wissen, was sie tun müssen. „In dem Moment, in dem ein Entschluss gefasst ist, funktioniert man einfach“, sagt Stolte. „‚Hoffentlich geht das gut‘ – das darf man dann nicht mehr denken. Dann läuft was schief.“

In dieser Grube liegt einer Blindgänger. Nachdem alle Anwohner die Sperrzone verlassen haben, sind Stolte und sein Team allein mit den Bomben. Foto: Michael Gründel

Seit mehr als 70 Jahren liegen die Blindgänger dort zwei Meter tief im Ackerboden der Belmer Ortschaft. Wer sich umschaut, sieht plattes Land, ein angrenzendes Waldstück, vereinzelte Wohnhäuser und das Anwesen eines Landwirts, dem der Acker mit den Bomben gehört.  

Wenn es so etwas überhaupt gibt, dann sind das wohl optimale Bedingungen für eine Bombenräumung. Kaum Anlieger, keine Autobahn, keine Bahngleise, keine Schule und kein Krankenhaus im Evakuierungsgebiet. Das alles hat Stolte schon erlebt und es müsste in seine Gefahrengleichung einfließen. So hat er ziemlich freie Hand. Eine Gasleitung geht quer durch den Acker. Sie wird mit zwei sogenannten Entlastungsgräben geschützt. Im Falle einer Sprengung würden die Gräben die Druckwelle im Boden bremsen.

Auf dem Punkt: Sprengmeister Stolte telefoniert am Fundort des ersten Blindgängers. Foto: Michael Gründel

Stolte lässt die Gräben vorsorglich ausheben. Dass er sie brauchen wird, weiß er da noch nicht. Auch ahnt er nicht, dass er mal wieder einen 13-Stunden-Tag vor sich hat. Einen Tag, an dem sich Anspannung, Konzentration und nervenaufreibendes Warten abwechseln. Einen Tag, an dem er noch einmal alle Register ziehen muss, um die beiden britischen Fünf-Zentner-Bomben unschädlich zu machen. Es könnten seine letzten großen Dinger gewesen sein. Ende des Jahres geht Stolte in den Ruhestand.

Was ist das für ein Mensch, der sich dort auf dem Halterner Feld in den Dienst der Allgemeinheit stellt? Der manchmal nur mit einer kleinen Schaufel bewaffnet in Bombentrichter steigt, um Zünder freizulegen? Der die Verantwortung für seine Männer übernehmen muss, die dort mit ihm ihr Leben riskieren?

Schaufel gegen Bombe: Mit diesem Handspaten legt Clemens Stolte den Zünder frei. Foto: Michael Gründel

"Da hab' ich Bammel"

Als sich Stolte ein paar Tage vor der Räumung ein Bild von der Lage macht, taucht er unter dem Weidezaun hindurch und marschiert über den Acker. Der Sprengmeister nimmt einen Umweg, um nicht direkt an den grasenden Kühen vorbei zu müssen. „Da hab‘ ich Bammel“, sagt er und lacht. Es ist ein spitzbübisches Lachen, das die Enden seines gezwirbelten Schnauzers fast am Brillengestell kitzeln lässt. Stolte merkt natürlich selbst, wie schräg das ist, dass er die harmlosen Kühe mehr scheut als die explosiven Blindgänger. Aber: Mit Bomben kennt er sich wesentlich besser aus.

Spitzbube im Mann: Clemens Stolte im Kollegengespräch. Foto: Michael Gründel

Seit 1997 ist Clemens Stolte beim niedersächsischen Kampmittelbeseitigungsdienst (KBD). Vorher arbeitete der gelernte Maschinenschlosser bei der Bundeswehr und als Disponent bei einer Privatfirma.  

Schon der junge Clemens spielte gerne mit dem Feuer, wenn auch in ungleich kleinerem Maßstab. Da steckte er Streichhölzer in Patronenhülsen und mörtelte sie zu. Das Ganze wurde gelötet, eine Kerze drunter und – bumm. Stolte lacht lauthals. 

Vom Teuto bis zu den Inseln

Trotz seiner explosiven Streiche war es fast ein Zufall, dass er beim KBD landete. Ein Maschinenschlosser mit Waffenerfahrung: Solche Leute wurden gesucht. Stolte heuerte an. Seit fünf Jahren führt er nun als Sprengmeister einen Trupp an, der sich vorrangig um Munitions- und Sprengkörperfunde im Raum der Polizeidirektion Osnabrück kümmert. Das Gebiet reicht vom Teutoburger Wald bis zu den ostfriesischen Inseln.

Noch immer werden Tausende Blindgänger unter der Erdoberfläche der niedersächsischen Städte vermutet. Es ist eine Herausforderung, die die Kommunen in den nächsten Jahrzehnten weiter beschäftigen wird. Belm, Georgsmarienhütte und Osnabrück werten Luftbilder aus und sondieren Verdachtspunkte, um den gefährlichen Kriegsüberbleibseln auf die Schliche zu kommen. So entdeckte man die beiden Blindgänger in der Halterner Kuhweide. 

Mehr als 50 Bombenräumungen hat Stolte in seiner Zeit als Sprengmeister allein in der Stadt Osnabrück verantwortet. „Das ist schon eine Hausnummer“, sagt er. Die genaue Zahl all seiner Einsätze will er nicht wissen. Weil sie eine falsche Sicherheit vermitteln würde, glaubt er.

„Egal, wie viele Bomben man entschärft hat: Wenn man bei der soundsovielten draufgeht, war es eine zu viel.“ Clemens Stolte, Sprengmeister beim KBD

Das Risiko, dass etwas passiert, ist kein theoretisches. Ein Unglück vor acht Jahren führte das auf dramatische Weise vor Augen. In Göttingen explodierte im Juni 2010 ein Blindgänger und tötete drei Sprengstoffspezialisten des niedersächsischen KBD. Die Bombe detonierte eine Stunde, bevor die Entschärfung beginnen sollte. Wäre Clemens Stolte an jenem 1. Juni im Dienst gewesen, hätte er an der Seite seiner Kollegen in Göttingen gearbeitet. „Dann stünde ich heute nicht hier.“

Der Krater von Göttingen: Bei der Explosion einer Fliegerbombe starben drei Sprengstoffexperten des KBD. Foto: dpa

Der erfahrene Sprengmeister Thomas Gesk leitete den Einsatz. Er hatte bis dahin rund 700 Blindgänger entschärft oder gesprengt, viele davon im Raum Osnabrück. Stolte und Gesk waren gut befreundet. „Ich habe Rotz und Wasser geheult. Da hatte ich lange dran zu knabbern“, sagt Stolte. Er verlor in Göttingen nicht nur drei geschätzte Kollegen, sondern auch eine gewisse Leichtigkeit. „Ich möchte meine Rente erleben. Ich hänge am Leben.“

Unberechenbare Blindgänger

Seit Göttingen gelten noch strengere Vorschriften für die Arbeit mit Blindgängern. Jene mit Langzeitzündern dürfen nicht mehr transportiert, sondern müssen an Ort und Stelle entschärft oder gesprengt werden. Diese Bomben sind mehr als 70 Jahre alt und in einem äußerst gefährlichen Zustand. Kleinste Erschütterungen können sie zur Explosion bringen. „Jedes Jahr, das die Dinger im Boden liegen, macht es noch schlimmer“, sagt Stolte. 

Ein Mann und sein Telefon: Wenn eine Entschärfung bevorsteht, werden Stoltes Ansagen direkter. Foto: Michael Gründel

Er lehnt am Einsatzbulli und trinkt Kaffee. Der Bulli parkt keine 20 Meter von der ersten Bombenfundstelle entfernt. Stolte weiß noch nicht, womit er es zu tun bekommt. Liegt dort ein Exemplar mit einem dieser verfluchten Langzeitzünder? Noch rund eine Stunde, bis „Sicherheit herrscht“. Dann ist das Evakuierungsgebiet kontrolliert und erst dann darf Stolte mit den Kollegen loslegen. „Jetzt ist die beste Zeit. Jetzt kann ich noch mal richtig runterfahren. Noch einmal alles durchgehen im Kopf. Jeder weiß, was zu tun ist. Von daher: alles gut.“ Stolte ist innerlich angespannt, sagt er. Man sieht ihm das nicht an. Doch wer ihn besser kennt, kann das merken. Seine Ansagen werden direkter.  

Daniel Schmock ist Truppführer beim Technischen Hilfswerk Osnabrück (THW). Mit seinem Team hat er Stolte bei knapp 15 Räumungen zugearbeitet. Das THW kommt immer dann zum Einsatz, wenn es kompliziert wird: Wenn Gebäude mit Wassersäcken oder gestapelten Strohballen geschützt werden müssen. „Clemens Stolte ist ein kompetenter Anforderer“, sagt Schmock.

„Er weiß, was er will. An solchen Tagen passiert alles auf Zuruf. Stolte ist ehrlich und direkt, bleibt dabei aber ruhig und freundlich.“ Daniel Schmock, THW-Truppführer

Eine Floskel wird für Stolte in stressigen Stunden zum Mantra. Mit ihr beantwortet der 63-Jährige die Fragen nach seinem Gemütszustand – und vielleicht hat sie auch etwas Selbstberuhigendes: „Alles gut.“

Dem Sprengmeister ist, so kurz bevor es losgeht, nicht mehr nach Scherzen zumute. Sonst lässt er selten eine Chance verstreichen, sein Gegenüber zu veräppeln. Stolte hat einen Hang zum gepflegten Flachwitz und freut sich diebisch, wenn er ankommt. Einen Tag vor der Räumung in Belm antwortet er auf jede zweite Frage mit einem Spruch. „Herr Stolte, wo genau liegt denn nun die Bombe?“ „Am dritten Kuhfladen rechts.“ „Was nehmen Sie mit in die Grube, wenn Sie die Bombe entschärfen?“ „Ohrenstöpsel, dann muss ich den Knall nicht hören.“ Eine Stunde vorher lässt er solche Witze lieber bleiben. 

Hang zum gepflegten Flachwitz: Clemens Stolte lenkt sich mit Humor ab. Meistens klappt das. Foto: Michael Gründel

Humor sei einer der Schlüssel, um mit der permanenten Bedrohung umzugehen, glaubt Jürgen Wiethäuper. Er ist Leiter des Fachdienstes Ordnung und Gewerbe bei der Stadt Osnabrück und zuständig für Bombenräumungen. Sein Arbeitszimmer zieren Bombensplitter und andere Überbleibsel von unzähligen Entschärfungen und Sprengungen im Stadtgebiet. „Bei einem todernsten Thema braucht man einen Gegenpol“, sagt Wiethäuper.  

Er ist eigentlich schon auf dem Weg raus aus dem Büro und ab in den Urlaub, aber für ein Gespräch über Stolte nimmt er sich Zeit. Die beiden kennen sich seit mehr als zehn Jahren. Wiethäuper spricht von einer vertrauensvollen Zusammenarbeit und einem offenen Umgang miteinander. „Das macht Spaß. Stolte ist ein lustiges Haus, aber das wirkt sich nie auf die Qualität seiner Arbeit aus. Er ist ein absoluter Profi, der unheimlich viel Erfahrung mit in den Ruhestand nimmt. Das werden wir mit seinem Nachfolger neu aufbauen müssen.“

Bombenlage mit dem Zünder nach unten

Die Bomben in Belm liegen so tief im Boden, dass Wasser in den ausgehobenen Gruben steht. Einer der beiden Blindgänger hat sich vor 70 Jahren senkrecht in den Acker gebohrt – mit dem Zünder nach unten. Stolte und seine Leute werden ertasten müssen, um welchen Zündmechanismus es sich handelt. 

Ab in den Matsch: Stoltes Gummistiefel für alle Fälle. Foto: Michael Gründel

„Wenn man es von außen betrachtet, ist das eigentlich ein Scheißjob“, sagt Stolte. „Man wühlt sich durch den Schlamm und hat höchstens eine Ahnung davon, was einen da erwartet.“ Ihm gibt das keinen Kick mehr. Schon lange nicht mehr.

Bei seiner ersten Entschärfung sei er schweißgebadet gewesen. „Mir ging richtig die Pumpe.“ Danach gratulierten alle und klopften ihm auf die Schultern. Das ist noch heute so. Stolte ruft als erstes seine Freundin an: „Alles gut“.

"Alles gut": Nach seinen Entschärfungen ruft Clemens Stolte seine Freundin an. Foto: Michael Gründel

Dieses Mal muss er nicht zum Telefon greifen. Iris Meyerhoff ist aus Wietzendorf in der Lüneburger Heide nach Belm gekommen. „Bevor er in Rente geht, will ich einmal gesehen haben, was er da überhaupt macht“, sagt sie. Seit elf Jahren sind die beiden zusammen. 

Bis Göttingen passierte, schaffte es Iris Meyerhoff irgendwie, die Gefahr zu verdrängen. In den Jahren nach der Katastrophe fiel ihr das Warten immer schwerer. Jede Minute kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Wenn Stolte heutzutage ungeplant etwas entschärfen muss, sagt er vorher gar nicht erst Bescheid. „Dann muss sie sich nicht unnötig verrückt machen.“

Auf seinem linken Arm prangt eine lange Narbe. Sie ist die Folge eines Dienstunfalls, der 2008 geschah. Beim Entschärfen einer Pistole schoss sich Stolte eine Kugel ins Handgelenk. Sie drang durch den gesamten Unterarm, zerschlug die Elle und blieb im Oberarm stecken. „ Wenn mein Kollege nicht das Einschussloch zugepresst hätte, wäre der Arm ab.“ Hat er die Kugel behalten? Wieder dieses Grinsen. „Na logo!“ Erlaubt sei das zwar nicht, aber er bewahrt sie im Schreibtisch auf. 

Nachdenklich: Der Pistolenunfall führte Stolte seine Verletzlichkeit vor Augen. Foto: Michael Gründel

Ein ganzes Jahr nach dem Pistolenunfall war Stolte dienstunfähig. Nach zwölf Monaten sei er froh gewesen, dass es wieder losging. „Zuhause war ich zum Schluss ganz schön unausstehlich.“ Was ihm gefehlt habe, war nicht der Nervenkitzel. Es war sein Trupp. „Das ist ein ganz toller Haufen. Alle sind wissbegierig und wollen von den Erfahrungen des anderen profitieren. Das ist einmalig.“  

Wenn alle anderen Menschen das Sperrgebiet verlassen haben, dann sind Stolte und sein Team auf sich gestellt. Dann muss sich jeder auf den anderen verlassen können. Das schweißt zusammen. Was in dieser Zeit geschieht, ist für Außenstehende kaum zu begreifen. Auch Reporter müssen die Sperrzone verlassen. Keine Ausnahme.

Allein mit der Bombe: Hinter dem aufgeschütteten Erdreich befindet sich die Grube mit einem der Blindgänger. Foto: Michael Gründel

Was Stolte und seine Leute den Fünf-Zentner-Bomben entgegenzusetzen haben, passt in eine Kofferraum-Schublade des Einsatzbullis. Ihre Instrumente wirken heute beinahe archaisch. Eine ordentliche Zange, Öl, konventionelles Werkzeug. Ein schwarzer Koffer mit Raketenklemmen und Treibladung, um den Zünder herauszusprengen. Ein zweiter Koffer mit Fernzünder und Sprengstoff – falls sie die Bomben hochjagen müssen. Der Fernzünder funktioniert nur, wenn der sogenannte Dongle steckt. Ein schmaler Stick an einem Band, das Stolte sich um den Hals hängt. Sicher ist sicher.

Seine wertvollsten Hilfsmittel sind ohnehin nicht greifbar: die Erfahrung aus zurückliegenden Entschärfungen und das enzyklopädische Wissen über Zündmechanismen. Hollywood-Filme im Hinterkopf hat man rote und blaue Kabel vor Augen, die der Sprengmeister durchtrennen muss. 

Maßanfertigung: In der Schublade im Einsatzbulli befindet sich all das Werkzeug, mit dem der Sprengmeister an der Bombe arbeitet. Foto: Michael Gründel

Die Vorstellung hat mit Kampfmitteln aus den Weltkriegen allerdings wenig zu tun. Statt mit Kabeln beschäftigen sich Sprengmeister hauptsächlich mit Zündern. Sie nehmen sie in Augenschein, gleichen das Äußere mit bekannten Zündern ab, befühlen mit ihren Händen die Nut, eine Vertiefung am Zünder. Ist sie wie ein V geformt, spricht alles für einen chemischen Langzeitzünder. Ab dann gilt die höchste Warnstufe. 

Raketenklemme: Mit ihr wird der Zünder aus dem Blindgänger gejagt. Foto: Michael Gründel

In Belm haben Stolte und sein Team Glück: Sie bekommen es mit zwei konventionellen Aufschlagzündern zu tun. Bei einem der beiden Blindgänger lässt sich der Zünder aber weder mechanisch, noch mit der Raketenklemme lösen. Sie müssen ihn sprengen. Die Sprengladungen bringen sie mit der Hand am Bombenkörper an, dann gehen sie auf dem Anwesen des Landwirts in Deckung. Stolte drückt ab – Bumm!

Um 18.48 Uhr gibt es den großen Knall. Direkt danach hebt die Polizei die Gebietssperrungen auf. Anwohner dürfen in ihre Häuser zurück, aber viele von ihnen zieht es zuerst zum Bombenkrater. Feuerwehrleute und Rettungssanitäter werfen ebenfalls einen Blick in das Schlammloch. Stolte ist jetzt ein gefragter Mann. Seine Gesichtszügen sind gelöst. Der Schnauzbart kitzelt wieder am Brillenrand, die Augen hinter den Gläsern wirken müde. Schulterklopfen, Hände schütteln. „Glückwunsch!“, „Respekt!“, „Wahnsinn!“ 

„Auch Feuerwehrmänner brauchen Helden“, sagt Stolte. Er muss an den vielleicht witzigsten Vorfall seiner Sprengmeister-Karriere denken. Als sie in Belm vor dreieinhalb Jahren einen britischen Blindgänger mit Langzeitzündern sprengten, war es schon stockdunkel. Stolte und sein Trupp suchten den Bombenkrater, der Sprengmeister lief voraus. Ein falscher Schritt und Stolte war weg. Die Kollegen fanden ihn hüfttief im Schlamm des Bombenlochs stecken. Noch Monate später musste er sich liebevolle Häme gefallen lassen.Gefragter Mann: Sprengmeister Stolte gibt Interviews nach der Sprengung. Foto: Michael Gründel

Wird ihm nach so einem Berufsleben im Ruhestand nicht langweilig werden? „Ach was“, sagt Stolte. „Keine Chance.“ Zuhause in der Wietzendorfer Nachbarschaft ist ein Wettstreit um den schönsten Zaun ausgebrochen. Stolte, der Tüftler, hat vor, ihn zu gewinnen. Mit Tierköpfen auf jedem Pfahl, die er selbst aussägen will. Muster dafür hat er in einer App für Selbstbastler entdeckt. Mit dem Wohnwagen wollen seine Freundin und er zum Nordkap hoch und die Westküste Schottlands bereisen. Er wird sein Modellflugzeug mitnehmen und immer wieder fliegen lassen. 

Bald wird Clemens Stolte dem KBD den Rücken kehren. Seinen Trupp wird er vermissen. Foto: Michael Gründel

Offiziell beginnt sein Ruhestand im Februar, aber der 63-Jährige hat noch so viele Urlaubstage, dass er im neuen Jahr nicht mehr in die Arbeitsmontur steigen muss. Stolte zählt die Tage bis zur Rente. „Ich liebe meinen Job, ich liebe meinen Trupp“, sagt er, „aber dann ist gut gewesen – alles gut.“


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