Festakt zum 20-jährigen Bestehen Ministerpräsident Weil würdigt Belmer Integrationswerkstatt

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Neue Perspektiven: Sechs frühere Teilnehmer der Belmer Integrationswerkstatt berichten beim Festakt zum 20-jährigen Bestehen, wie die durch die Qualifikationsmaßnahme ins Berufsleben fanden. Foto: Hermann PentermannNeue Perspektiven: Sechs frühere Teilnehmer der Belmer Integrationswerkstatt berichten beim Festakt zum 20-jährigen Bestehen, wie die durch die Qualifikationsmaßnahme ins Berufsleben fanden. Foto: Hermann Pentermann

Belm. Mit Ministerpräsident Stephan Weil als Stargast hat die Belmer Integrationswerkstatt (BIW) am Dienstag ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert. Die eigentlichen Stars aber waren BIW-Mitbegründerin Sigrun Rindt – und einige der früheren Teilnehmer, die mit Unterstützung der BIW im (Berufs-)Leben Fuß gefasst haben.

Jahrelanges Mobbing, Schulverweigerung, Migrationshintergrund oder frühe Schwangerschaft – die Jugendlichen, die in den vergangenen Jahren zur Belmer Integrationswerkstatt kamen, hatten es nicht leicht im Leben. Doch was die dortigen Qualifizierungsmaßnahmen bewirken können, führten sechs ehemalige Teilnehmer beim BIW-Geburtstag jetzt eindrucksvoll vor Augen.

Da war zum Beispiel Vladimir, der 2001 aus Russland nach Deutschland kam, die Sprache kaum beherrschte und schließlich den Realschulabschluss mit der Durchschnittsnote 1,6 schaffte und bei Karmann in die Ausbildung ging. "Die haben mein Potenzial gesehen", sagt er heute über das Team der BIW; inzwischen ist er Betriebsleiter eines Gerätebauunternehmens. Oder Larissa, die inzwischen ein eigenes Kosmetikstudio betreibt. Oder Abdurrahman, ein einstiger Schulverweigerer, der mittlerweile das Gymnasium nachgeholt hat und nun einen berufsbegleitenden Master macht.

"Eigentlich hätte die Veranstaltung nach den Beiträgen der Jugendlichen beendet werden müssen, denn plausibler kann man den Wert der Belmer Integrationswerkstatt nicht vermitteln", sagte denn auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil anerkennend. Da hatte sich das streng durchgetaktete Festprogramm bereits um eine halbe Stunden nach hinten verschoben, Weil aber blieb auch nach seiner Rede geduldig sitzen.

Entspannter Gast: Ministerpräsident Stephan Weil (2.v.l.) zwischen Landrat Michael Lübbersmann (l.) und Belms Bürgermeister Viktor Hermeler. Foto: Hermann Pentermann

Die Einladung zum Festakt habe er gerne angenommen, versicherte Weil, der im vergangenen Jahr erstmals die BIW besucht hatte. "Es gib 97 Jugendwerkstätten in Niedersachsen, aber ich habe davor und danach keine kennengelernt, die so gut in das Gemeinwesen eingebunden ist", sagte er. Während die Werkstätten andernorts meist in abgelegenen Gewerbegebieten untergebracht seien, läge die BIW zentral im Ort, die kommunalen Träger interessierten sich, die Wirtschaft unterstütze das Projekt – "so war mein Eindruck, und wie Sie sehen, ist der hängengeblieben", sagte Weil.

Seines Erachtens seien Jugendwerkstätten wie die BIW auch künftig unverzichtbar – auch wenn sich die Gründe hierfür geändert hätten, betonte der SPD-Politiker. Sei vor 20 Jahren die hohe Jugendarbeitslosigkeit das größte Problem gewesen, gehe es heutzutage eher darum, Jugendlichen die am Arbeitsmarkt gefragten Qualifikationen zu vermitteln. "Dass junge Menschen ihr Päckchen mit sich rumtragen, hat ja auch gesellschaftliche Gründe", sagte Weil und verwies auf seine Heimatstadt Hannover, in der mittlerweile fast die Hälfte aller Eltern alleinerziehend seien. Jugendlichen in den Jugendwerkstätten Stabilität und Selbstvertrauen zurück zu geben, sei deshalb auch "eine Frage der Haltung", befand Weil. 

Ähnlich hatte zuvor auch Landrat Michael Lübbersmann argumentiert. "Ich bin ein Verfechter guter Bildung und Chancengleichheit", sagte er, und da habe die BIW eine "ausgesprochen gute" Bilanz. "Das wollen wir so halten, damit es mir leichter fällt, im Kreistag die nötigen Mittel loszueisen", sagte Lübbersmann. Die BIW sei für den Kreis seit Jahren ein starker Partner, und er sei sicher, dass dies so bleibe.

Belms Bürgermeister Viktor Hermeler, in Personalunion Vereinsvorsitzender der BIW, bezeichnete die Einrichtung als "Motivationshilfe": "Hier kommen Menschen an, die nicht richtig wissen, was sie im Leben machen sollen", sagte er; am Ende hätten die meisten einen Platz in der Gesellschaft gefunden. "Wir machen gute Arbeit", befand Hermeler, "und an alle, die hier Geld ausgeben: Seid Euch versichert, wie machen was daraus!"

Für Sigrun Rindt, Mitbegründerin und bis 2014 Geschäftsführerin der BIW, wurde die Festveranstaltung derweil zur Abschiedsveranstaltung. Ende des Monats wird sie in Ruhestand gehen, nachdem sie die letzten Jahre dem neuen Geschäftsführer Gerhard Wienken zur Seite gestanden hat. "Er kann jetzt alles", sagte sie augenzwinkernd über ihren Nachfolger; der wiederum würdigte Rindt unter langanhaltendem Applaus als "Herz der BIW". 

Auch sonst stand der Abend ganz im Zeichen der Würdigung und Anerkennung aller Vorreiter, Wegbereiter und Geldgeber der BIW – und das über Parteigrenzen hinweg. Deutlich wurde das exemplarisch, als Georg Schirmbeck, vor 20 Jahren Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion und erster Vorsitzender des BIW-Trägervereins, und Hartmut Nümann, Bürgermeister der Stadt Dissen und seinerzeit stellvertretender Landrat, gemeinsam auf die Bühne gebeten wurden. "Wir hatten damals 25.000 Ausländer im Landkreis Osnabrück, und um die zu integrieren, gab es nur eins: anfangen", sagte Schirmbeck – und nahm Nümann unvermittelt in den Arm: "Wir haben das im Kreistag immer mehrheitsfähig gemacht."


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