Suchtberaterin im Interview Wieso Glücksspielsucht so viel Vertrauen zerstört

Von Nina Strakeljahn

Bei Nicole Müller von der Diakonie finden Glücksspielsüchtige Hilfe. Foto: Swaantje HehmannBei Nicole Müller von der Diakonie finden Glücksspielsüchtige Hilfe. Foto: Swaantje Hehmann

Georgsmarienhütte/Belm. Glücksspielsucht ist oft noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Nicole Müller (47), Sozialpädagogin beim Diakonischen Werk in Stadt und Landkreis Osnabrück berät Betroffene. Im Interview macht sie sich dafür stark, dass diese Sucht in der Gesellschaft als Krankheit anerkannt wird.

Was versteht man unter Glücksspiel?

Glücksspiel hängt vom Zufall ab, Geschick und Entscheidung des Spielers haben keinen Einfluss auf das Ergebnis und es erfordert einen Einsatz. Es hängt nur vom Glück ab. Spieler haben zwar Rituale, streicheln den Automaten und sind überzeugt: "Der müsste jetzt reif sein." Aber das ist nicht der Fall. 

Wann spricht man von Glücksspielsucht?

Eine Glücksspielsucht liegt vor, wenn es ein zwanghaftes Verhalten gibt. Ich weiß, dass es negative Folgen hat und trotzdem mache ich weiter. Ich vernachlässige andere Interessen und ziehe mich sozial zurück. Es gibt zehn Diagnosekriterien. Wenn fünf davon zutreffen spricht man von pathologischem, also krankhaftem Glücksspiel. Dazu zählt zum Beispiel die Toleranzentwicklung: Die Einsätze steigen zur Erreichung der gewünschten Erregung. Das ist wie bei der Alkoholsucht, da muss man auch immer mehr trinken, um den gleichen Effekt zu erzielen. Ein weiteres Kriterium ist auch die Abstinenzunfähigkeit.

Wieviele Betroffene gibt es?

Rein statistisch sind 0,2 bis 0,5 Prozent der Bevölkerung erkrankt. Aber dabei beachten wir all diejenigen nicht, die mit darunter leiden und das sind auch Kinder, Partner, Eltern und Arbeitgeber. Im durchschnittlichen Vergleich aller Fachstellen für Sucht in Deutschland suchen 16,5 Glücksspielsüchtige pro Jahr eine Beratungsstelle auf. In Georgsmarienhütte waren es im vergangenen Jahr 28 Personen, davon 24 Betroffene und vier Angehörige.

Wer ist besonders gefährdet?

Bei uns sind zurzeit nur männliche Personen. Es kommen auch immer wieder Anfragen von Frauen, aber überwiegend sind es Männer zwischen 20 und 30 Jahren. Junge Menschen sind besonders anfällig. Oft sind es auch besonders intelligente Menschen. Betroffen sind Personen aus allen Gesellschaftsschichten.

Was sind die Folgen von Glücksspielsucht?

Sozialer Rückzug, die Parterschaft und der Arbeitsplatz sind gefährdet. Es dreht sich alles nur noch darum, wie kann ich an Geld kommen und wie kann ich verheimlichen, dass ich spielen gehe. Glücksspieler sind sehr gute Schauspieler und Geschichtenerfinder. Es dauert für Angehörige sehr lange, bis sie da durchblicken.

Wie wichtig sind die Angehörigen?

Wenn das Problembewusstsein beim Spieler und den Angehörigen angekommen ist, ist es wichtig, die Angehörigen mit ins Boot zu holen. Das ist ein großer Baustein, damit die Therapie erfolgreich verläuft. Angehörige müssen aus der Vorwurfshaltung rauskommen und wieder Vertrauen aufbauen können.

Wie sieht eine Therapie aus?

Als erstes geht es darum, Scham und das massive Schuldgefühl, das viele in sich tragen, abzubauen. Die Betroffenenen müssen anerkennen, dass es eine Erkrankung ist, dass es ein Suchtgedächtnis gibt. Dann ist es wichtig, das auch im sozialen Umfeld zu erreichen. Die Spieler müssen beispielsweise lernen, Rückfälle, die gerade in der Anfangsphase passieren können, als Krankheitszeichen zu akzeptieren. Im nächsten Schritt stellt man sich die Frage, wie man Tagesabläufe strukturieren, alternative Handlungen für die Freizeitbeschäftigung finden und Stress abbauen kann. Außerdem erarbeite ich mit den Spielern, wie sie auf Krisen reagieren.

Was würde Spielsüchtigen noch helfen?

Eine spielhallenübergreifende landesweite Sperrdatei. Bislang ist es in Niedersachsen so, dass Spieler, die sich freiwillig sperren lassen wollen, trotz dieser Entscheidung, Eintritt in Spielhallen gewährt bekommen. Das soll sich in Zukunft ändern. Das ist auch von Spielern gewünscht.

Sollte es grundsätzlich keine Spielhallen mehr geben?

Ich bin nicht für ein grundsätzliches Verbot. In einem gewissen Alter hat das Spielen einen besonderen Reiz, aber man muss damit so umgehen, dass niemand gefährdet ist, in die Sucht abzufallen. Jugendliche müssen auf die Gefahren hingewiesen werden. Es wäre gut, wenn auch Spielhallenbetreiber und Personal noch aufmerksamer wären.

Was ist mit Onlinespielen wie Sportwetten und Poker?

Spieler, die nur süchtig nach Sportwetten sind, haben wir nicht, aber durchaus in Kombination mit der Spielautomatensucht in Spielotheken. Ich glaube, dass im Internet viel möglich ist. Beim Wetten meint der ein oder andere zu wissen, wie ein Spiel ausgeht. Das ist schon eine Gefahr.

Der Präventionsrat der Gemeinde Belm beschäftigt sich in diesem Jahr schwerpunktmäßig mit Glücksspielsucht. Wie wichtig sind solche Aktionen und wie wichtig ist Prävention?

Diese Aktionen sind sehr gut. Denn Prävention sollte überall ankommen. Es gibt zahlreiche traditionelle Formen des Glücksspiel in vielen Kulturen. Die Gesellschaften gehen dann unterschiedliche damit um, wenn jemand süchtig ist. Auch hier muss man Präventionsarbeit leisten.


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Hilfe für Angehörige und Betroffene

Die Suchtberatungsstellen des Diakonischen Werks gibt es Stadt und Landkreis Osnabrück sowie im Emsland. Die Beratungsstelle ist eine Anlaufstelle für Spieler und Angehörige. In Georgsmarienhütte gibt es Therapiegruppen für alle Betroffenen. Weitere Informationen gibt es auch im Internet unter www.suchtberatungsstelle.de.