90 Helfer vor und hinter den Kulissen Das neue Ickeraner Musical „Abgehängt“ entsteht

Von Nina Strakeljahn


Belm. Die Kantorei Icker bereitet derzeit das siebte Musical-Projekt unter der Leitung von Musikprofessor und Kirchenmusiker Michael Schmoll vor. „Abgehängt“ heißt die neue Produktion.

Die ersten Sänger stehen schon vor der verschlossenen Tür des Pfarrheims und warten auf den Beginn der Probe. Als aufgeschlossen wird, strömen sie hinein. Nach und nach füllt sich der große Saal. Wenn man hereinkommt, sitzt links der Alt, rechts der Sopran. Die Männer haben es sich dazwischen bequem gemacht. Michael Schmoll sitzt gegenüber am Klavier und gibt den Ton für die etwa 50 Sänger vor.

Treffpunkt Supermarkt

Vor etwa einem Jahr kam ein kleiner Kreis von zwei bis drei Leuten um Michael Schmoll zusammen, um die Idee für ein neues Musical zu entwickeln. Schnell kristallisierte sich heraus, dass viele Menschen in der heutigen Gesellschaft abgehängt seien. Wenn ältere Menschen zum Beispiel in einer Bank Geld abheben wollen und ihre Pin-Nummer nicht mehr wissen, gibt es oft keinen Ansprechpartner mehr, sie seien abgehängt, sagt Schmoll. Aber in jeder Generation gebe es Abgehängte. In einem Supermarkt treffen sich im Musical alle wieder.

Bei der Probe singen sich die Männer und Frauen aller Generationen im Stehen ein – die Tonleiter rauf und runter. Dann geht es gleich an die 24 Songs. Fünf hat Michael Schmolls Tochter Johanna komponiert. Den Rest er selbst. „Strategie, Strategie, nur auf Zahlen kommt es an“, erklingt es nun durch den Raum – erst von den Sopranstimmen, dann von den Altstimmen, von den Männerstimmen und schließlich gemeinsam. „Es geht erstmal darum, ein Gefühl für die Songs zu bekommen“, sagt Schmoll, der Klavier spielt und gleichzeitig mit vollem Körpereinsatz dirigiert.

Der neue Trend: „Air to go“

Mit vollem Einsatz will auch der Marktleiter im Musical den „Coolmarkt“ nach vorne bringen und vergrößern. Sein Topprodukt dafür soll „Air to go“ sein, für das sich zum Beispiel Trendsetterin Jeanette, die immer „en vogue“ ist, interessiert. Die Kassiererin fragt allerdings, ob das alles tatsächlich notwendig ist. Einen Gegenpol zu der konsumorientieren Supermarkt-Welt bildet auch der Aussteiger Benno.

Acht Wochen hat der Chor Zeit, alle Stücke zu lernen. Mal singen die Männer und Frauen nur kleine Passagen, mal mehr. Einige Sänger haben auch als Solisten einen großen Auftritt, manche zum ersten Mal. Thomas Fänger zum Beispiel spielt Benno. Bei der Probe ist sein Stück an der Reihe. Obwohl er es noch nie mit Chor gemeinsam geübt hat, greift er zum Mikrofon und legt los, als würde er jeden Tag auf der Bühne stehen. Am Ende gibt es viel Applaus für seine Darbietung.

„Musik geht schneller als der Text“

Jeder Solist bekommt von Michael Schmoll eine Hör-CD, die der Chorleiter einsingt. „Dann können sie sich die Songs anhören und beim Autofahren zum Beispiel üben“, sagt er. Komponiert hat Schmoll die Lieder erst ab Mitte Dezember. Bis Weihnachten waren sie bereits fertig. Dafür hat er aber auch durchgearbeitet. „Die Musik geht schneller als der Text“, erklärt er. Bei den Inhalten der Songs haben mehrere Ickeraner mitgeholfen. Entstanden ist bei der Komposition auch ein Abgehängt-Motiv, wie Schmoll es nennt. Es kehrt immer wieder.

Der Chor probt das nächste Stück, das ist etwas tückisch. Und prompt singt jemand in die Pause. „Wer in die Pause singt, gibt fünf Euro“, sagt Michael Schmoll lachend und der Chor stimmt ein. Eine Sängerin im Alt zückt ihren Bleistift mit Noten darauf und markiert die Stelle –sicher ist sicher. Wenig später braucht sie den Stift wieder, denn in ihren Noten hatte sich ein kleiner Fehler eingeschlichen.

90 Personen beteiligt

Während die Sänger in den Proben an den Liedern feilen, arbeiten viele weitere Ickeraner hinter den Kulissen. Das Bühnenbild gestaltet die Grundschule Icker in Kooperation mit der Hauptschule Hunteburg. Die Band, die später auch zu den Chorproben stoßen wird, umfasst zehn Musiker. Auch um die Technik kümmern sich zwölf Leute. Insgesamt sind so etwa 90 Personen an der Laien-Produktion beteiligt.

Eine Regie gibt es allerdings nicht, erzählt Schmoll. Jeder Darsteller kann seine Szene selbst gestalten, vom Outfit bis hin zum Text. Beim Probentag und vor allem in der Generalprobe fügt sich dann alles zusammen.

Die Probe ist fast zu Ende. Mehrere neue Lieder haben die Sänger in den eineinhalb Stunden geübt. Zum Abschluss erklingt aber etwas Bekanntes: ein Geburtstagsständchen zu Ehren einer Sängerin.