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Jugend stärken im Quartier Wie Belmer Jugendliche zurück in die Gesellschaft finden

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Belm. Im Alter von 17 Jahren zog sie von Zuhause aus – ohne Geld, ohne Plan. Erst durch das Projekt „Jugend stärken im Quartier“ (JustiQ) hat sie ihren Weg wiedergefunden.

Die heute 19-Jährige, die anonym bleiben will, lebt mit ihrer wenige Monate alten Tochter in einer Wohnung in Belm. Momentan ist sie ganz für ihr Kind da, bekommt aber von vielen Institutionen Unterstützung. Immer ein offenes Ohr hat auch Carolina Wischmann, sozialpädagogische Mitarbeiter im Projekt JustiQ in der Belmer Integrationswerkstatt (BIW). Seit 2016 betreut sie die junge Frau.

Kennengelernt haben sich die beiden, als die damals 17-Jährige in die BIW kam, um dort ihren Hauptschulabschluss zu machen und ihre Schulpflicht zu erfüllen. Denn sie hatte nur einen Förderschulabschluss und konnte an der Johannes-Vincke-Schule nicht mithalten. Doch das junge Mädchen scheiterte auch am Kurs in der BIW, an dem sie freiwillig teilgenommen hatte. Sie kam in eine andere Maßnahme, in der sie zwar zur Schule ging, aber außerdem in der Textilwerkstatt arbeitete. Doch das gefiel ihr ebenfalls nicht. Sie wechselte zum Bereich Hauswirtschaft, der ihr wesentlich besser lag. Dann wurde die junge Frau schwanger.

Fast wie eine große Schwester

Immer an ihrer Seite: Carolina Wischmann. Sie war eine der ersten, die von der Schwangerschaft erfuhr. Sie war auch eine der ersten, die im Krankenhaus Mutter und Kind besuchte. Seit die junge Frau in das Projekt JustiQ aufgenommen wurde, ist die Sozialpädagogin fast wie eine große Schwester geworden, so beschreiben es die beiden – zu dieser Beziehung gehören Höhen und Tiefen.

JustiQ unterstützt junge Menschen unter 27 Jahren, die aufgrund sozialer Benachteiligung oder individueller Beeinträchtigung Schwierigkeiten haben, beruflich Fuß zu fassen, und die von anderen Hilfsangeboten nicht erreicht werden. Die Integration in der Arbeitsmarkt sei dabei meist aber ein weit entferntes Ziel, sagt Nico Michel, ebenfalls sozialpädagogischer Mitarbeiter im Projekt. Bei vielen stehe eine Integration in die Gesellschaft im Vordergrund. Es gebe zum Beispiel Jugendliche, die seit ihrer Schulzeit nichts machen. „Sie zocken die ganze Nacht am Computer und beginnen ihren Tag erst zwischen 13 und 15 Uhr“, erklärt Michel. Man müsse in diesen Fällen erst einmal eine Tagesstruktur schaffen. Andere bräuchten hingegen nur einen kleinen Schubser beim Bewerbungen schreiben.

Kein Schulabschluss, keine Ausbildung , kein Geld

Als die junge Frau mit 17 von zuhause auszog, kam sie zunächst bei ihrem Freund unter. Eine Ausbildungsstelle hatte sie nicht. Schule fiel ihr schwer. Geld – Fehlanzeige. Erst als Carolina Wischmann mit ihr einen Termin bei der Maßarbeit vereinbarte und ihr beim Ausfüllen des Antrags half, erhielt sie Leistungen. Auch beim Antrag für eine Krankenkassenkarte unterstützte die Sozialpädagogin sie. Das setzte sich in der Schwangerschaft fort. Gemeinsam gingen sie zu Pro Familia und sprachen mit dem Jugendamt.

Dass sie Hilfe bekommen, sei vielen jungen Menschen gar nicht klar, berichten Wischmann und Michel. Oft würde ein Anruf reichen, damit sie Leistungen erhalten, aber dann fehlen an und zu Motivation und Wille. Deshalb ist der Ansatz von JustiQ sehr niederschwellig. Die Mitarbeiter besuchen die jungen Menschen zuhause und betreuen sie oft über einen langen Zeitraum.

Schuldenfalle Handy

Dazu gehört nicht nur die Vereinbarung von Terminen bei Ämtern, sondern auch die Beratung, um beispielsweise Schulden zu reduzieren. Viele Jugendliche würden gerade durch Handyverträge in die Schuldenfalle geraten. Das ärgert Nico Michel. Seiner Meinung nach müssten die Unternehmen einen Einkommensnachweis verlangen. Denn die jungen Menschen geraten schnell in eine Spirale: Handyvertrag, kein Einkommen, Schulden, Schufaeintrag, keine Wohnung. Gerade bei der Wohnungssuche würden die Jugendlichen zunehmend Hilfe benötigen, weil sie keine Wohnungen mehr finden, so Michel.

Die Arbeit der sozialpädagogischen Mitarbeiter ist vielfältig. Dazu gehört auch die Netzwerkarbeit. Dadurch seien häufig die Kommunikationswege kurz und die Jugendlichen bekämen schnell Hilfe. Seit einiger Zeit gibt es auch ein Bewerbercafé im Belmer Jugendzentrum Gleis 3. Ein Spieleabend einmal im Monat wird ebenfalls gut angenommen.

„Ich war manchmal ganz schön zickig“

Das Bewerbercafé besucht auch die junge Frau regelmäßig, vor allem, wenn Carolina Wischmann da ist. Terminabsprachen und Absagen sorgten aber auch bei den beiden immer wieder für Zoff. „Ich war manchmal ganz schön zickig“, gibt die 19-Jährige zu. Doch egal was vorgefallen war, sie wusste, dass sie trotzdem auf Wischmann zählen konnte – etwas, was sie vorher nicht kannte. „Eine solche Kontinuität, Verlässlichkeit fehlt vielen Jugendlichen heute“, sagt Wischmann.

Momentan kümmert sich die 19-Jährige um ihr Kind. Doch spätestens im Sommer 2019 will sie erneut einen Anlauf wagen, um ihren Hauptschulabschluss in der BIW zu machen. „Ich möchte, wenn mein Kind mich später fragt, wenigstens sagen können, dass ich einen Hauptschulabschluss habe“, sagt sie. Die junge Frau ist außerdem überzeugt: „Alleine hätte ich das nicht hingekriegt. Ohne Carolina wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.“


Das Projekt „Jugend stärken im Quartier“ läuft bis zum 31. Dezember 2018. Voraussichtlich werde es verlängert, sagt Nico Michel. Gefördert wird JustiQ durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit sowie durch den Europäischen Sozialfonds. Das Projekt gibt es im Landkreis außerdem in Osnabrück, Dissen und im Artland.

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