Scharfer Beobachter seiner Zeit Kurt-Tucholsky-Abend mit Ludger Hellermann in Belm

Mit einem Strohhut auf dem Kopf hatte sich Ludger Hellermann in die Rolle Kurt Tucholskys eingefunden. Foto: Andreas WenkMit einem Strohhut auf dem Kopf hatte sich Ludger Hellermann in die Rolle Kurt Tucholskys eingefunden. Foto: Andreas Wenk

awen Belm. „Freundlich schaun die Schwarzen und die Roten, die sich früher feindlich oft bedrohten. (...)Schließen wir nen kleinen Kompromiss! Davon hat man keine Kümmernis …“ Deutlicher hätte Ludger Hellermann nach den Berliner Koalitionsverhandlungen und zum Auftakt seines Literaturabends mit Bikult Belm kaum aufzeigen können, dass Kurt Tucholsky bis heute hoch aktuell ist.

Mit einem Strohhut auf dem Kopf hatte sich Hellermann in die Rolle seines „Tucho“ eingefunden und machte aus seiner Verehrung für den Journalisten, Anti-Faschisten und Dichter keinen Hehl. Mit starker Präsenz und deutlicher Aussprache zitierte, rezitierte und analysierte Hellerman vor rund 50 Besuchern Tucholsky-Texte und zeigte Parallelen von Tucholskys schneidender Politik-Analyse zur Gegenwart auf.

Essay „Der Verkehr“

Spöttisch merkte Hellermann an, Tucholsky habe auch schon das Problem Osnabrücker Neumarkt in seinem Essay „Der Verkehr“ vorausgeahnt. Dort heißt es zum Schluss: „Schade, dass es nicht geht. (…) der deutsche Verkehr. Man fährt am besten um ihn herum.“

Herz für die Linke entdeckt

Mehrdimensional skizzierte Hellermann Lebenswerk Tucholskys, der bis zum frühen Tod seines Vaters in bestsituierten Verhältnissen aufgewachsen war und sein Herz für die politische Linke entdeckt hatte. Zugleich blieb ihm kleinbürgerliches und engstirniges Denken zeitlebens fremd.

Liebe zu Frankreich

Als Schüler blieb Tucholsky einmal sitzen. Deutsch: Note: 5. Ein Privatlehrer führte ihn schließlich zum Abitur. Dafür war er gut in Französisch. Über seine Liebe zu Frankreich, so Hellermann, habe Tucho gesagt: „Schade, sie haben mich falsch geboren.“ Später ging er für die Weltbühne und die Vossische Zeitung als Korrespondent nach Paris.

Von der Verführbarkeit der Massen

Tucholsky verachtete die Verführbarkeit der Massen und auch sich selbst dafür, dass er im Ersten Weltkrieg versucht hatte, mit den Wölfen zu heulen und sich etwa als Kompanieschreiber durchzulawieren. „Dafür schäme ich mich“, soll er später geschrieben haben und auch die Intellektuellen, seien „nur einzeln klug.“. Um Beamter werden zu können, so Hellermann, habe Tucholsky, der den jüdischen Glauben schon zuvor abgelegt hatte, sich später protestantisch taufen lassen.

Scharfer Beobachter

Als scharfer Beobachter hatte Tucholsky auch Europa kritisch im Blick. Selbst hier, so machte Hellermann deutlich, habe Tucholskys Analyse nichts an Aktualität eingebüßt. So schrieb er bereits 1926: „So, wie kein Mieter das Recht hat, in seiner Wohnung Feuer anzuzünden, mit der Berufung auf die Heiligkeit des Heims, sowenig dürften Staaten ohne Gefährdung des Friedens Innenpolitik auf eigene Faust machen“.

Desillusioniert, verzweifelt und verarmt nahm sich der geniale Bohemien 1935 im Exil das Leben. Sich diesem Punkt seines Alter Ego zu nähern, kostete Hellermann sichtbar Kraft.