Zwei Jahre später Wer ist der „genetische Zwilling“ der Bad Rothenfelderin Lea Sophie?

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Lea Sophie kann sich nach Jahren der Krankheit wieder voll und ganz ihrer großen Leidenschaft widmen: Pferde. Foto: Sylvia WinterLea Sophie kann sich nach Jahren der Krankheit wieder voll und ganz ihrer großen Leidenschaft widmen: Pferde. Foto: Sylvia Winter

Bad Rothenfelde. Wie geht es eigentlich Lea-Sophie? Vor gut zwei Jahren bekam die an Krebs erkrankte junge Bad Rothenfelderin die lebensrettende Stammzellenspende. Eine ganze Region hielt damals zu ihr. Nun führt sie das Leben eines ganz normalen Teenagers. Fast: Denn erst kürzlich stellte sie sich die Frage: Was schreibe ich meinem Lebenretter?

Einer Person, von der sie bislang nur wusste, dass sie ihr „genetischer Zwilling“ ist. Nun ist sie froh ihrem Lebensretter endlich einmal „Hallo“ sagen zu können – oder in diesem Fall wohl „Hello“, denn ihr Knochenmarkspender und Lebensretter kommt aus den USA, lebt in einem Ort nahe Los Angeles. Seine Adresse gab die DKMS nun nach einer Sperrfrist von zwei Jahren an die 12-Jährige weiter. „Man möchte einfach wissen: Wer hat mir das Leben gerettet? Wem habe ich das Leben gerettet?“, sagt ihre Mutter, Sylvia Wernemann-Winter. So geht es auch Eckhard Stumpe, den die Sorgen und das Leid seiner Freunde vor zwei Jahre sehr berührte. Gemeinsam mit fast 2000 Personen ließ er sich damals typisieren. Aus Mitgefühl wurde Hoffnung. Nicht nur für Lea-Sophie – auch für mittlerweile zehn weitere schwer kranke Menschen.

Besonders verbunden

„Sehr vielen Spender und Spendenempfängern geht es so“, berichtet Julia Runge von der Unternehmenskommunikation der DKMS. Wie begegnet man seinem Lebensretter? Was sagt man, wenn ein Danke profan klingt? Lea-Sophie ließ sich von ihrer Neugierde leiten: Was macht ihr Lebensretter? Wie sieht er aus? Hat er Hobbys? Treibt er Sport? Mag er Tiere? Der US-Amerikaner antwortete umgehend – und ausführlich: Neben seinem Hobby Fußball, berichtet er von den Tieren seiner Eltern, die auf ihrem landwirtschaftlichen Betrieb leben, vor allem Kühe und Ziegen. „Viele treffen sich“, berichtet Julia Runge. Zwei Frauen aus Berlin trinken seit Jahren regelmäßig einen Kaffee beim Bäcker an der Ecke – eine andere Spenderin wurde sogar zur Hochzeit ihres „Zwillings“ nach Brasilien eingeladen. Vom Zufall eines außergewöhnlich ähnlichen Immunsystem zusammengebracht, verband sie schnell ein besonderes Band des Vertrauens und der Freundschaft. Doch nicht alle wünschen eine Kontaktaufnahme. „Das gibt es immer wieder“, sagt die Pressesprecherin der DKMS. Auch das ist in Ordnung. Der Deutschen Knochenmarkspende geht es auch um Toleranz. Toleranz für die vielen menschlichen Schattierungen.

Der Schwung des Lebens

„Gerade jugendliche Krebspatienten ziehen oft einen viel deutlicheren Schlussstrich“, berichtet Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes KID. Dazu gehört auch zu vergessen: Dass Lea Sophie immer noch zu regelmäßigen Untersuchungen zum Uniklinikum Münster fährt, dass ein Krebspatient erst nach fünf Jahren als geheilt gilt, dass das Leben der jungen Bad Rothenfelderin nicht normal war und nicht normal ist – dass ihre Mütze eben kein lieb gewonnenes modisches Accessoire ist. In ihrem Alltag sind mittlerweile andere Dinge wichtig geworden: Frühes Aufstehen auf dem Weg zum Gymnasium in Bad Iburg zum Beispiel. Kein leichtes Unterfangen für jemanden, der morgens gerne länger schläft. Immer wieder döst sie im Bus ein und wieder weckt sie schließlich eine liebe Freundin kurz vor dem Ziel. Das Leben hat sie wieder. So viel steht fest. „Denn es ist so viel mehr als der Freibadbesuch an einem heißen Sommertag oder Lea-Sophies Liebe für eine rasante Fahrt mit Achterbahn: Es ist der Schwung des Lebens, der junge Patienten schneller verdrängen und leichter vergessen lässt: Nichts liegt in der Vergangenheit – alles in der Zukunft.

Gänsehaut

Das dabei nicht zu viel unverarbeitet bleibt, ist den Eltern wichtig. Sie sprechen offen über die schwierigen Jahre: „Ich mache das auch für Lea-Sophie“, sagt Sylvia Wernemann-Winter. Kaum vorzustellen, was die Zeit auch für die Eltern und ihren Ehepartnern bedeutet hat. Die Beklemmung nichts tun zu können, ist ihnen immer noch präsent. Doch nicht alles war schlecht. Auf seinem I-Pad ruft Mike Winter ein Youtube Video von der Typisierungsaktion vor zwei Jahren mit dem Freundschaftsspiel zwischen dem SV Bad Rothenfelde und dem VfL Osnabrück auf. Wenn er an dem Feuerwehrgerätehaus vorbei fährt, hat er immer noch „eine Gänsehaut“ vor Dankbarkeit für die Unterstützung und den überwältigenden Zuspruch, den die Familie damals erfuhr.

Ein vierter Sohn

Für Eckhard Stumpe war es an diesem Tag eine Selbstverständlichkeit eine Probe abzugeben. Als er schließlich informiert wurde, dass jemand seine Hilfe braucht, war für ihn sofort klar: Er half. Dass ein kleiner Junge aus Argentinien sein genetischer Zwilling ist, berührt den Vater umso mehr. Seitdem fragt er regelmäßig bei der DKMS nach, wie es dem Kind geht: „Es ist fast, als hätte ich einen vierten Sohn“.


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