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Erregte Diskussion über Klinikerweiterung Bad Rothenfelder gegen „Manhattan im Kurpark“

Von Stefanie Adomeit | 13.05.2016, 19:39 Uhr

Die schwüle Luft in der Grundschulaula passte zur hitzigen Stimmung bei einigen der mehr als 220 Einwohner: Die Versammlung zu den Neubauplänen von Jens Hasselmann zeigte: Die Bad Rothenfelder sind meinungsfreudig – und ihre Meinung zu den Bauprojekten ist ganz überwiegend: Nein, solche Gebäude möchten wir im Ortskern nicht haben.

Worum geht‘s?

Geplant ist nicht ein Gebäude, sondern vier. Da ist zum einen der geplante Abriss und Neubau des Therapiebades und der Turnhalle am Kurmittelhaus. Dann folgt das eigentliche Großprojekt: ein vierstöckiges Klinikgebäude mit einer Grundfläche von je 1200 Quadratmetern. Und – völlig neu für die Öffentlichkeit: Die Investoren planen Abriss und Neubau der Sparkasse und ein zweigeschossiges Parkdeck auf dem Freibadparkplatz. Viel Holz also für einen Kurort von 7000 Einwohnern.

Im Grundsatz geht es für Bad Rothenfelde um die Frage: Wollen wir das? Tun die Projekte dem Ort gut? Ob diplomatisch formuliert oder drastisch: Der Tenor war fast immer derselbe: „Wir dürfen nicht noch mehr Kurparkfläche opfern“. „Wir wollen kein Manhattan im Kurpark“ und „Holla, dann kann ich meine Kur ja gleich auf dem Osnabrücker Neumarkt machen“ lauteten Urteile, für die es viel Beifall gab.

Neutral formuliert: Wollen die Bad Rothenfelder die Neubauten mit all ihren positiven und negativen Folgen in ihrem Ort sehen oder nicht? „Wir sollten einen Bürgerentscheid initiieren“, regte eine Einwohnerin an. Ein Vorschlag, den Bürgermeister Klaus Rehkämper abschwächte: „Es könnte ja auch eine Bürgerbefragung sein.“ Unterschied: Der Entscheid ist für die Gemeinde rechtlich bindend, die Befragung nicht.

Die Ideen der Firmengruppe Hasselmann

Was Hasselmann im Detail plant, stellten Geschäftsführer Ulrich Kruthaup und Architekt Thorsten Krogmann vor. Die Klinik im Kurpark mit ihren 215 Betten für Reha-Patienten platze aus allen Nähten, berichtete er. Jede Woche müsse er 40 bis 70 Patienten ablehnen. „Und die Zahlen werden in den nächsten Jahren steigen“, prognostizierte Kruthaup. Die Zimmer seien modern, die Anbindung ans Kurmittelhaus aber „ein bisschen oll“. Auch der Empfang sei „nicht mehr so schick“.

Dass man Alternativen geprüft habe, berichtete Thorsten Krogmann: So habe man zunächst den Innenhof zwischen Kurmittelhaus und Klinik ins Visier genommen. Mit dieser Fläche sei der Denkmalschutz nicht einverstanden gewesen. Er will die freie Sicht auf die Kurmittelhaus-Rückfassade erhalten.

Die Gemeinde habe dann vorgeschlagen, sich Richtung Westflügel zu wenden. Das Gebäude aus den 70er Jahren könne abgerissen werden. Gymnastikhalle und Solebewegungsbad seien ohnehin in die Jahre gekommen. Beide könnten, so Krogmann, unter der Grünfläche im Innenhof neu gebaut werden. „Die Turnhalle wird viermal so groß wie die alte.“ Eigentumsrechtlich stellt sich Hasselmann folgende Lösung vor: Für das Kurpark-Grundstück möchte er das Erbpacht-Modell, im Gegenzug will er die Therapieeinheit erneuern.

Die Sparkasse solle abgerissen und ein Stückchen weiter südlich über drei Etagen in die Höhe gebaut werden. „Der Turmcharakter passt zur Klinikerweiterung“, so der Architekt. Wie viel Platz braucht das Projekt? Die Klinik soll eine Grundfläche von 1180 haben. 890 Quadratmeter Kurpark würden versiegelt, weitere 230 Quadratmeter Grünfläche fielen weg. „Dafür rückt der Kurpark an die Frankfurter Straße heran“, stellte Krogmann in Aussicht, weil der Blick von der Münsterschen Straße aus nicht mehr von der Sparkasse dominiert würde.

Allerdings rückt auch die zwölf Meter hohe Klinikerweiterung direkt an die Frankfurter Straße heran. Die Buchen an der Straße müssten gefällt werden. Hier sollen täglich bis zu zehn Transportbusse für die Patienten an- und abfahren, hier sieht die Klinik ihren Haupteingang.

Im Erdgeschoss soll der Speisesaal Platz finden. Eine Terrasse mit Tischen für die Patienten öffnet sich zum Vorplatz des Carpesol und der Frankfurter Straße und soll, so Krogmann, das Ortsbild beleben.

Stadtplanerin Tanja Schrooten sah das Ganze eher positiv: Da die Bebauung auf der Westseite der Frankfurter Straße uneinheitlich sei, steuerten die neuen Gebäude mit ihrer Einheitlichkeit dagegen. Positiv sei die Trennung in zwei Neubaugebäude, Sparkasse und Klinik. Aber sie sagte auch: „Die Gebäude machen die Frankfurter Straße enger. Es ist ein massiver Baukörper.“

Auch der Freibad-Parkplatz könnte ein anderes Gesicht erhalten. Hasselmann plant dort zwei Parkdecks mit insgesamt 90 Plätzen.

Die Idee der Gemeinde

Selbst wenn Hasselmann seine Klinik bauen darf, ist er an der Pacht weiterer Räume im Kurmittelhaus interessiert. Die Gemeindeverwaltung möchte dann in den Westfälischen Hof ziehen , der passend umgebaut werden soll.

Der Verwaltung ist es im Kurmittelhaus zu eng, die Räume der Abteilungen liegen weit voneinander entfernt in den beiden Türmen. Rehkämper: „Ein Umzug wäre hilfreich.“

Was das kosten würde? Die Gemeinde zahlt 55000 Euro jährliche Kaltmiete für 756 Büroquadratmeter im Kurmittelhaus an die Kur-GmbH. Für großzügigere Räume im Westfälischen Hof seien „etwa 100000 Euro mehr“ fällig, so Rehkämper.

Käme es dazu, würde die Gemeinde einige der freiwerdenden Räume im Kurmittelhaus selbst für den Kurbetrieb nutzen – und den Großteil an Hasselmann vermieten. Der wolle für die Räume aber nicht mehr bezahlen als die Gemeinde.

Die Fragen der Einwohner

„Was bedeuten die Bauten für die Frankfurter Straße?“ Rehkämper: „Wir werten das westliche Kurzentrum auf. Aber es stimmt wohl, die Frankfurter Straße würde verengt. Es ist ein bisschen schwierig, das vernünftig zu beantworten.“ Gelächter im Publikum.

„Stehen Bad und Turnhalle weiterhin allen Bürgern zur Verfügung?“ Bürgermeister Klaus Rehkämper: „Es ist anders herum: Die Patienten der Klinik werden bei uns therapiert.“ „Uns“, das ist die Kurmittelhaus-Betriebs-GmbH, eine 100-prozentige Tochter der Kur-GmbH, die wiederum eine 100-prozentige Tochter der Gemeinde ist. Die Betriebs-Gesellschaft habe 2015 einen Umsatz von 1,1 Millionen Euro gemacht.

„Was passiert mit dem Klinikeingang an der Hannoverschen Straße?“ Krogmann: „Der ist künftig für Angestellte und Anlieferungen bestimmt. Der Hauptverkehr entsteht aber am Neubau.“ Rumoren im Publikum.

„Wie viele Gäste verlieren wir durch die langen Bauarbeiten und die Veränderung des Kurparks?“ Rehkämper: „Das ist schwer zu beantworten. Das muss die Gemeinde ermitteln.“

Hasselmann plant eine Medical-Wellness-Klinik. Was das denn eigentlich sei, wollte eine Zuhörerin wissen. Kruthaup: „Bei Medical Wellness geht es um Prävention für Selbstzahler.“ Dass das Zukunft habe, davon ist die Klinikgruppe überzeugt. Was dafür spreche? Die demografische Entwicklung, die Vielzahl solventer Rentner und die Erwartung, dass der Gesetzgeber solche Angebote bald bezuschussen werde. Die Hälfte der 100 Betten sei für Selbstzahler gedacht, die andere für Reha-Patienten.

„Was sagt die Sparkasse zu den Plänen?“ Weil der Bürgermeister dazu zunächst keine klare Antwort gab, hakte ein anderer Bürger nach, worauf Rehkämper erklärte: „Die Sparkasse hat noch keine verbindliche Auskunft gegeben.“ Vernehmliches Oho im Raum. Kruthaup ergänzte: „Aber die Sparkasse hat nicht Nein gesagt.“

Bei den privaten Vermietern gehen die Gästezahlen zurück. Sollen die Angehörigen der Patienten bei Ihnen wohnen?“ Kruthaup: „Wir schicken niemanden weg.“ Und was tun Sie, wenn Ihre Pläne abgelehnt werden? Kruthaup: „Darüber denken wir nach, wenn es so weit ist.“

Die Meinungen der Einwohner

Die Berichterstattung der NOZ über die Pläne von Gemeinde und Klinikgruppe habe ihm am Samstag einen Schock versetzt, sagte ein Einwohner. „Das ist der ortsplanerische Supergau. Der Neubau sieht aus wie ein Bunker.“ Er selbst habe im Laufe seiner Ratsarbeit gelernt: „Prüfe bei jeder Entscheidung, ob sie kurortverträglich ist. Das gilt jetzt wohl nicht mehr.“

„Sie haben uns den Umbau der Frankfurter Straße als Verkehrsberuhigung verkauft. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein.

„Bad Rothenfelder würde noch städtischer.“ „Wir dürfen nicht noch mehr Kurpark opfern. Für die Klinik im Kurpark ist schon viel Fläche weggefallen.“

„Die Neugestaltung der Frankfurter Straße hat man uns mit dem Argument von mehr Großzügigkeit verkauft. Die Straße ist noch nicht fertig, da wird sie schon wieder verengt. So geht das nicht.“

„Wenn sie als Klinik 100 weitere Patienten bekommen, heißt das nicht, dass mehr andere Gäste kommen – im Gegenteil. Das können wir uns nicht leisten. Und dass noch ein Quadratmeter Kurpark wegfällt, noch viel weniger.“

Der Aussage von Ulrich Kruthaup, dass es am neuen Eingang keinen Parkverkehr geben werde, widersprach ein Rothenfelder: „Das ist falsch. Oder ändern sich Abläufe innerhalb der Klinik?“

„Die Geschäftsleute an der Frankfurter Straße täten mir leid.“ „Wir brauchen nicht noch mehr Leuchttürme in Bad Rothenfelde. Wir haben schon einen.“ „Die Erweiterung um 100 Patienten macht mir Sorge. Wo waren sie bisher?“ Man sieht: Die Rothenfelder sind skeptisch.

Das Ergebnis des Abends

Die Präsentation des Architekten soll auf die Homepage der Gemeinde gestellt werden. Und: Die Bürger sollen an der Entscheidungsfindung über die Baupläne weiter beteiligt werden. Wie das genau aussehen soll, steht noch nicht fest.