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Die Frau im Ohr der Kanzlerin Polit-Kabarett mit Simone Solga in Bad Rothenfelde

Von Stefanie Adomeit | 20.09.2011, 15:39 Uhr

Sie ist das Vorauskommando für den Kampfhosenanzug aus Berlin. Sie trägt Frau Kanzler die Tasche, flüstert ihr über einen Knopf im Ohr Koseworte für den Gatten und für das bilaterale Gespräch mit „Sarko“ das passende Bonmot ein. Denn „Politiker können doch nicht immer gestochen scharf formulieren. Das sind doch keine Fußballspieler.“

Simone Solga ist Kanzlersouffleuse und prüft das Rothenfelder Kurhaus auf seine Tauglichkeit als kurzzeitiges Zentrum der Macht, soll Angela Merkel hier doch während ihrer Regierungsoffensive Station machen. Aktuell, frech, schnell und wortgewaltig – hochklassiges Polit-Kabarett bot die 48-jährige Sächsin Solga mit dem Programm „Bei Merkels unterm Sofa“ bei der Kultur-Lichtsicht im ausverkauften Kurhaus – und erntete frenetischen Applaus.

Denn bei Schwarz-Gelb knirscht es mächtig im Koalitionsgetriebe. „Die kleine FDP möchte an der Fünfprozentschwelle abgeholt werden.“ Und das einzig Sinnvolle, was Familienministerin Schröder zustande gebracht hat, ist ihre Tochter: „Da kam wenigstens mal etwas mit Hand und Fuß heraus.“

Vor fiesen Seitenhieben schreckt Solga nicht zurück, Angela und Renate werden ebenso rabiat gerupft wie ihr Rothenfelder Publikum – „Sie sehen viel zu sozialdemokratisch aus“ – und das klamme Kurhaus. Trotzdem findet es die Vorhut der Kanzlerin gemütlich im Südkreis, packt heißen Tee und Stulle aus und sinniert über einen Fehler aus ihrer Anfängerzeit als Souffleuse Norbert Blüms. Dessen legendäre Versprechung „Die Rente ist sicher“ ist einem Schlafanfall der übermüdeten Solga geschuldet und sollte eigentlich mit den Worten „nie wieder zu finanzieren“ enden.

Jahrelang auf der Bühne der Leipziger Pfeffermühle und der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, jongliert Solga mit Worten, versprüht männermordenden Charme und rabenschwarzen Humor. Wie auch sonst kann das Chaos der Euro-Krise bewältigt werden, in der Schäuble mit Summen umgeht, die so hoch sind, dass sie nur noch von Hunden gehört werden können, in der uns die Ritter der Schwafelrunde in den Tiefschlaf talken und Jugendliche auf die Frage „Kennst Du die Zehn Gebote“ antworten: „Klar, hab ich gerade bei E-Bay abgegeben.“

Solga kommt von Hölzchen auf Stöckchen, von der Handtasche auf Frau Kanzlers Jäckchen. Kokett besingt und betanzt sie Intimitäten mit dem Vibrationsalarm ihres Handys, derb und deftig schlägt sie Spannungsbögen, die ihre Zuhörer atemlos machen. Und dann wird sie plötzlich leise, gefühlvoll, stumm: Und auch hier zeigt sich die Könnerschaft: wenn Solga einem unbekannten Soldaten ein Denkmal setzt, das beinahe eines Tucholskys würdig ist, und sie das nichtssagende Wort der offiziellen Verlautbarungen – „Fallen“ – als Verbrämung eines „Scheißtodes“ in Afghanistan brandmarkt.