Hommage an großen Kabarettisten Walter Sittler liest Dieter Hildebrandt in Bad Rothenfelde

Von Anke Schneider


Bad Rothenfelde. Wohl jeder kennt ihn, Dieter Hildebrandt, Meister des Kabaretts, Mitbegründer der Lach- und Schießgesellschaft und Protagonist in Formaten wie „Scheibenwischer“ und „Notizen aus der Provinz“. Hildebrandt, der nicht davor zurück schreckte, sich den Mund zu verbrennen und immer wieder auch Auslöser von politischen Kontroversen war.

2013 arbeitete sich Dieter Hildebrandt an seinem letzten Programm „Kommen Sie zum Schluss, Hildebrandt“ und niemand ahnte, dass das endgültige Finale bevorstand. Hildebrandt starb am 20. November. Sein Programm beendete er nicht mehr. Es erschien aber als Buch mit dem Titel „Letzte Zugabe“ bei Randomhouse.

Hang zum Kabarett

Walter Sittler, seinerseits Schauspieler und Filmproduzent mit durchaus spürbarem Hang zum Kabarett, hat das letzte Programm aufgegriffen und seine Gedanken weitergesponnen. Im Kurhaus gab er Hildebrandts Aufzeichnung unter der Überschrift „Ich bin immer noch da“ zum Besten. „Für Dieter, der seit einigen Jahren langfristig verhindert ist“, sagte er zu Beginn der gut zweistündigen Show.

Die Texte zeigen Dieter Hildebrandt wie er war. Ein Experte in Sachen satirischer Auseinandersetzung mit den Vorgängen in unserem Land, mit der Politik und ihren Marionetten, unerbittlich aufklärend, kritisch und vor allem heiter. So heiter, wie man angesichts mancher gesellschaftlicher Entwicklungen eben sein kann.

Unter der Bettdecke

In dem Programm geht es um Euro-Millionen, von denen es viel mehr gibt, als Besitzer derselben. Bei so vielen herrenlosen Millionen sei es kein Wunder, dass Menschen wie Walther Leisler Kiep sie einfach so unter der Bettdecke finden, sagte Walter Sittler. Prinz Casimir zu Sayn-Wittgenstein beispielsweise habe einmal 40 Millionen in einer völlig leeren Parteikasse gefunden und musste dann schnell ein paar reiche Juden suchen, die sie gespendet haben könnten. „Diese Leute haben keinen Dreck am Stecken, sie sind der Dreck am Stecken“, so Sittler.

Neben Politikern, die unter einem gewissen Spendenmagnetismus leiden, hatte Hildebrandt wohl auch damals schon die „Analphabeten der braunen Bande“ im Auge, die inzwischen wieder auf den Bäumen hocken und ihre Parolen ins Volk werfen. Die von der besonders feigen Sorte, die ihre Opfer im Schlaf anzünden. „Warum geht die Polizei so vorsichtig mit ihnen um?“, fragte Sittler. „Warum konnte schon um die Jahrtausendwende das Killertrio von der NSU jahrelang unbehelligt durch Deutschland ziehen?“ Wer die Nadel mit bloßem Auge nicht sehe, der brauche auch keinen Heuhaufen, sagte Walter Sittler.

„Denkzettel“

Der Bühnenakteur holte dann eine Reihe „Denkzettel“ hervor, auf denen Hildebrandt kurze Notizen gemacht hatte, die er später verwertete oder verwerten wollte. Darauf hatte er beispielsweise Gedanken zu Stuttgart 21 niedergeschrieben, dem geplanten Bau eines unterirdischen Durchgangsbahnhofs in der Landeshauptstadt. „Hildebrandt hat die Großtaten von Alexander Dobrindt gar nicht mehr mitbekommen, die wir jetzt in vollen Zügen genießen können“, sagte Sittler. Niemand wisse, wo Dummheit herkomme oder wo sie hingehe. „Bei Dobrindt kann man sie allerdings ziemlich sicher verorten.“ Mehr aus Bad Rothenfelde

Die Denkzettel waren ein bunter Mix aus Heiterem, manchmal Wehmütigem und auch Ärgerlichem. Das war der tote Iglo-Schauspieler, der den Fischstäbchen jahrelang ein Gesicht gab, der Politiker Horst Seehofer, dem Tatsachen grundsätzlich nicht viel ausmachen, da war die Merkel, die nach 16 Jahren Politik zu nichts mehr zu gebrauchen ist und der Berliner Flughafen Tegel, in dessen Halle zwei Feuerlöscher fehlen. „Die Halle, wo sie fehlen, steht allerdings noch nicht“, so Sittler. Die Gäste im Kursaal hatten ihre helle Freude und keine Probleme damit, ihren Lieblingskabarettisten wiederzuerkennen. Ein gelungener Abend, zu dem Walter Sittler sich beglückwünschen kann.