Ochsenziemer und Planschbecken Das erste Jahr mit Lotte (1)

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Bad Iburg. Das ist Lotte. Neun Wochen alt. Ihre Nachnamen: Zwerg Nase, Hupfdohle, Kleiner Diktator. Mehr über die ersten Monate der kleinen Iburgerin erfahren Sie in unserer lockeren Lotte-Serie.

Sie purzelte uns vor die Füße. Via Ebay-Kleinanzeigen. Das Ergebnis der Frühlingsaffäre einer Iburger Beagle-Hündin und eines Tecklenburger Bearded Collie. Beagle-Besitzer Henrik klang nett am Telefon und auch, als er am nächsten Morgen sein Gartentor für uns öffnete. Rund um einen Koi-Teich dösten drei schwarz-weiße Bündel in der Sonne.

Eine Frühlingsliebe

Die Bande riskierte je ein müdes Auge. Lass uns bloß in Ruhe, stand ihnen auf der Stirn. Wir hatten heute schon genug Stress. Impfen und chippen. Und gleich die erste Glaubensfrage. Rüde oder Hündin? Hündinnen werden zweimal im Jahr läufig. Rüden pinkeln überall hin, „warte mal auf die Pubertät“, warnte die kundige Kollegin. Also nichts für Bio-Salat und Mangold im Garten.

Henrik kannte keine Gnade mit den komatösen Welpen, schnappte sich die Kleinste und legte sie mir auf den Arm. Sie zitterte – alles viel zu aufregend – schob den Kopf an meinem Hals hoch und schaute mir tief in die Augen. Nach zwei Minuten schlief sie – und ich war schockverliebt.

Im weichen Reisig

Als die Namenlose runter vom Arm musste, hatte sie endgültig die Schnauze voll, kraxelte eine Böschung hoch und verschwand im Dickicht. Irgendwann suchten drei Erwachsene in einem überschaubaren Garten nach einem überschaubaren Hund, „Mucki“, rief Henrik. „Die heißen für mich alle Mucki“, klärte er uns auf. Mucki muckste sich nicht. Nach 20 Minuten klaubte Henrik sie, tief schlafend, unter einer Tanne vom weichen Reisig.

Wir überlegten. Einen Tag und einen Abend. Um 21.30 Uhr stand fest: Ja, wir möchten Dornröschen beim Großwerden begleiten. Ich klingelte Henrik um neun, nein, nicht aus dem Bett, nur an. Kleine Hunde stehen früh auf. Noch eine Woche sollte die Lütte bei Geschwistern und Mutter bleiben, das Beste für ein gutes Hundeleben.

Der Kulturschock

Gab ja auch viel zu tun bis zu ihrer Ankunft. Einkaufen zum Beispiel. Der Fachmarkt: ein Kulturschock. Dabei fühlten wir uns gewappnet: Der Einkaufszettel stand. Von karierten Näpfen im Country-Look und mit Sprüchen wie „Pfoten weg! Meins“ würden wir uns ganz sicher nicht beirren lassen. Klar, Lotte würde der schlaueste Hund auf Erden. Aber lesen....

Ja genau. Sie sollte Lotte heißen. Das passte einfach. Jette erinnerte an die Modeziege, Frida hieß die geliebte Oma, und die übrigen 500 Namen im Internet gefielen uns nicht.

Die Verkäuferin im Fachmarkt hatte Ahnung, man merkte es gleich, holte zwischendurch den eigenen Welpen aus dem Hinterzimmer, um die Größe des halsschonenden Geschirrs zu testen. Man sagt’s ja nicht – das ist wie bei Babys – aber hübsch war der Hund nicht, der da aus dem Büro wackelte.

Barfen oder nicht?

Nächster Halt: das Futterregal. Und die Überlegung: Barfen, also pures rohes Fleisch, Obst und Gemüse füttern? Abwarten und erst mal weitermachen wie Henrik. zweimal täglich ein gutes Dosen-, einmal ein Trockenfutter. „Haferflocken im Nassfutter sind Mist“, sagte die Verkäuferin mit Brauenpiercing. Die triezten die Bauchspeicheldrüse, Kartoffeln seien in Ordnung. Dazu brauchten wir Belohnungsleckerli, Kauknochen, Kotbeutel.

Einen XXL-Hundekorb hatten wir noch von Vorgängerin Philine. Er sollte Lottes Schlafplatz im Flur werden. Dass er später bloß zum Weidenwegknabbern gut sein würde: geschenkt. Das neue Hundebett für den Wintergarten fand sich schließlich im Keller: Die kuschelweiche Schafwolldecke ist ein Erbstück, dessen Herkunft offenbar mit einer großmütterlichen Kaffeefahrt in Verbindung steht.

Fort Knox für Hunde

Fehlte noch die Hundebox fürs Auto, 320 Euro für die Ewigkeitsvariante mit Fort-Knox-Gitterstäben hielten wir für leicht übertrieben. Die sperrige Mischung aus Plastik und Drahtgestänge passte nicht ins Auto, immerhin ein Kombi. Die Variante aus Stoff fand vor den Krallen der Verkäuferin keine Gnade, „die hat ihr Hund ruck zuck zerlegt, wenn er mit den Klauen übers Gitter rammt“. Wir nahmen die leichte Kiste trotzdem. Man muss auch mal an den eigenen Rücken denken.

Den „Dog Pool Keep Cool“ für 50 Euro, man könnte auch Hundeplanschbecken sagen, kauften wir nicht. Die Stoppersocken für Hundepfoten auch nicht. Nächste Abteilung: Spielzeug. Natürlich aus Naturmaterial und bloß keine quietschbunten Plastikpuppen mit quiekenden Silikonteilen für den zahnenden Hund: „Stechen Sie da am besten gleich ein Loch rein, sonst werden sie irre.“ Noch besser: gar nicht erst kaufen. Denn Lotte hat Stil.

Ein Kissen für Dutzi

Eine gute Freundin hatte nach dem ersten Whatsapp-Foto einen eigenen Namensvorschlag: „Nennt Sie doch Dutzi.“ Wie bitte? „Na sie guckt so verdutzt.“ Ich war ansatzweise fremdbeleidigt. Aber Kerstin wollte für Dutzi ein Kissen fürs Körbchen nähen. Hammer!

Wir waren kurzzeitig versucht, aus dem neuen Zuhause für das Hündchen einen Hochsicherheitstrakt zu machen. War natürlich Quatsch – dachten wir dann. Klar, die polierte Holztreppe in den ersten Stock mit den offenen Stufen, direkt über den Steinstufen zum Keller, sperrten wir ab. Glücklich, wer noch eine Kindersicherung hat. Ansonsten tut‘s der hochkant gestellte Wäscheständer genauso.

Nummer fünf lebt

Die Woche war rum. Überraschung in der Iburger Krabbelstube: Alle Fünf, einer war schon abgereist, waren putzmunter, purzelten über die Rabatten und quälten ihre Mutter, die ihnen mit beherztem Schnauzengriff zeigte, wo die Milch nicht hängt.

Nach zehn Minuten zählte ich durch: Vier plus Mama. Wo war Nummer fünf? Und wer war Nummer fünf? Lotte! Auf dem Bürgersteig leuchtete ein rotes Halsband – auf der anderen Seite des Jägerzauns, direkt vor den Autos.

Ein Spurt: Da war sie, stolperte übers Trottoir, guckte und hopste mir begeistert entgegen. Nummer fünf lebte. Ich nahm sie auf den Arm. Sieben Pfund Hund, die zielsicher das Loch zwischen zwei Kaninchendrahtbahnen gefunden haben. Als Erste. Lotte Ausbrecherkönigin.

Im Kofferraum wurde sie liebevoll im ausgepolsterten Weidenkorb neben Leckerlis und einem Spieltau platziert. Wir stiegen ein, einer auf den Rücksitz, was sich schnell als gute Idee erwies: Noch während ich mit einem Blick in den Rückspiegel aus der Einfahrt rollte, schob sich neben dem Sicherheitsnetz zum Kofferraum ein schwarz-weißer Kopf über die Rückenlehne. Fünf Sekunden später stand Lotte auf den Schultern meines Begleiters. Okay, sie fuhr auf dem Schoß mit. Konnte rausgucken. Erzielte den ersten Etappensieg.

Fußfetischistin

Zuhause erkundete sie jede Ecke, fand, vielen Dank, die vergessene Wollmaus, knabberte an Socken, Taschenhenkeln, Büchern, Ausweisen, Armlehnen, und ja, auch an uns. An Haaren, Schmuck, Gürteln, Zehen.

Die läppischen Kaustäbchen für Welpen erledigte sie in zehn Minuten. Nehmt einen Ochsenziemer, riet der Besitzer des vier Monate alten Leo, der übrigens ein eigenes Planschbecken hat. Leo, nicht der Besitzer. Zum Glück das billige Kinderbecken aus der Postenbörse. Ansonsten hätte ich meine Meinung erheblich revidieren müssen. Das Beweisfoto jedenfalls spricht Bände. Herrchen steigt mit Leo auf dem Arm in das 30 Zentimeter tiefe Becken.

Auch wir rüsteten auf. Der lächerliche Jägerzaun bekam einen 1,20 Meter hohen Vorgesetzten. Auch nicht schöner, aber höher. Für die Verankerung im Boden bestellten wir 30 Camping-Heringe. Lotte kam an.

Doppelt so schnell zurück

Und wollte bleiben. Nach 500 Metern Spaziergang als Hupfdohle durchs hohe Gras versiegte ihr Elan. Sie drehte um, ließ sich durch Snacks und einschmeichelnde Worte nicht erweichen, klammerte sich an den Beinen fest, wollte auf den Arm, quiekte und fiepte. Der Rückweg ging doppelt so schnell. Alles ganz normal.

Körperlich kommen die Kleinen weiter, nur der Kopf ist schnell überfordert. Andere Hunde, Rollstühle, Fahrräder, Kinder: alles neu. Stolz waren wir, dass Lotte nach jedem anfänglichen Zögern entspannt auf alle und alles zuging.

Zuhause klebte sie an uns an den Fersen. Ich dachte kurz über einen Laufstall nach. Doch wo gibt’s den mit 1,20 Meter Gitterhöhe? Denn Lotte, selbst knapp 25 Zentimeter hoch, hatte mehr Sprungkraft als jede dreiwettertaftgestählte Locke. Sie hopste auf Sessel, Stühle, 70 Zentimeter hohe Tische, aufs Bett – ja, ich weiß – am liebsten noch auf Fensterbank und Esstisch. Aber die hoben wir uns für später auf.

In der Petersilie

Auf dem höher gelegten Kräuterbeet ruhte es sich hervorragend, und der flauschige Dill schmeckte offenbar bezaubernd. Auch auf dem Arm gefiel es ihr. Doch sie konnte auch anders. Als die Nachbarskatze, dreimal so groß wie der Wachhund in spe, vom neuen Zaun verwirrt über die Terrasse marodierte, entfuhr Zwerg Nase ein Grollen aus tiefster Kehle. Lotte konnte Bellen. Mit voller dunkler Stimme. Zwischen sich und dem Riesenraubtier auf ihrem Territorium nur eine lachhafte Doppelverglasung.


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