Die Münstersche Straße Bad Rothenfelder Eingangstor mit Zollstation und „Public Viewing“


Bad Rothenfelde. Die Münstersche Straße verändert sich, und sie wird sich noch stärker wandeln. Der Westfälische Hof wird runderneuert, die angebauten Flachbauten abgerissen. Andere historische Häuser bleiben. Zeitreise mit kundigen Begleitern durch ein bedeutendes Eingangstor des Kurortes.

Gemeindearchivar Dirk Lange-Mensing, der sich intensiv mit den Gebäuden beschäftigt hat, sowie Fotograf Manfred Nieweler gehören ebenso dazu wie die langjährigen Anwohnerinnen Isolde Otte und Nanett Maßmann und Peter Heuer, einer der neuen Eigentümer des Westfälischen Hofs.

„Die Münstersche Straße gehört zu den ältesten Straßen des Ortes und war lange vor Existenz des Niedersachsenrings die Hauptstraße nach Laer“, sagt Lange-Mensing. Deshalb gab es hier seit dem 19. Jahrhundert, so wie an der heutigen Lindenallee, eine Zollstation mit Schlagbaum. Oft waren es Wirte, die diese Abgabestellen betrieben und dafür 125 Mark Lizenzgebühr an das Iburger Amtsgericht zahlen mussten. Das Geschäftsmodell rechnete sich. „Heller und Pfennig“ summierten sich für die Wirte, auch in der 1890 erbauten Gaststätte Hellerkotten, die nach einem großen Brand im Frühjahr 1889 neu errichtet wurde.

Zwei Pfennige fürs Pferd

Das Wegegeld wurde in fünf Pfennigen berechnet, ob Fuhrwerk oder Kutsche, Kabriolet oder Zugtier. Pferde und Maultiere mit und ohne Reiter waren günstiger: Für sie mussten bloß zwei Pfennige berappt werden. Kam aber ein Kraftwagen ohne Gummiradreifen mit mehr als vier Sitzplätzen, musste der Fahrer satte 15 Pfennige bezahlen.

Drei Generationen lang betrieb Familie Tepe die Gastwirtschaft. Ältere Bad Rothenfelder erinnern sich noch an „Tropi“, eine eigens von Heinz Tepe senior kreierte Fruchtbrause, denn 1950 gehörte auch eine Mosterei zum Hellerkotten. Von 1960 an führte Familie Schlippschuh die Gastwirtschaft neben ihrem Hotel zur Post. Vor 28 Jahren wurde der Hellerkotten abgebrochen. Wo einst Bier und Stullen vertilgt wurden, stehen heute Autos. Das Grundstück ist heute Parkplatz des evangelischen Gemeindehauses.

Flachbauten für den Fortschritt

Es war 1976, als die Altbauten links neben dem Westfälischen Hof abgerissen wurden. „Ein Schmuckstück war die Fassade dieses Wohn- und Geschäftshauses schon seit Jahren nicht mehr, so dass es von der Allgemeinheit nur begrüßt werden dürfte, wenn hier nun bald ein Neubau entsteht. Auf diesem Grundstück werden vier Läden in zunächst nur eingeschossiger Bauweise (Flachdach) gebaut. Die Bauflucht an der Münsterschen Straße wird zurückspringen, so dass – ähnlich wie an der Kirchstraße – ein Arkadengang zur Verbreiterung des Gehweges entstehen kann“, heißt es in einem Zeitungsbericht aus der Zeit.

Die Bauten sind untrennbar mit den Geschäften Radio Sommer und GCLA Reisebüro und Tabakwaren verbunden, beide echte Rothenfelder Institutionen. Geradezu legendär ist noch immer die Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaft 1954, als Sommer als weit und breit einziger Rundfunkladen zum „Public Viewing“ einlud. Für Jugendliche war Sommer jahrelang erster und liebster Anlaufpunkt, wenn es um die neuesten Schallplatten ging.

Geschichte voller Pferdestärken

Heute sind die einst fortschrittlichen Flachbauten tüchtig in die Jahre gekommen. Und auch sie werden bald in Trümmer gelegt, um Platz für Neubauten zu machen, erklärt der neue Eigentümer Peter Heuer.

Das gilt auch für den früheren Schlecker-Markt, der eine Geschichte voller Pferdestärken hat. Denn hier standen die Garagen des Westfälischen Hofs: Unten waren die Karossen untergebracht, im Stockwerk darüber schliefen die Chauffeure. Und wenn sie Glück hatten, wärmten die Motoren ein bisschen ihre Zimmer.

Die Kurlichtspiele aber werden bleiben. 1957 eröffneten Bernhard und Margret Hessling im Neubau an der Kirchstraße ein modernes Kino, das schnell zum beliebten Treffpunkt für Rothenfelder und Kurgäste wurde. Seit 17 Jahren betreibt Tochter Marion Erdtmann das Kino, das seine Filme heute natürlich digital präsentiert.

Erst zum Essen, dann zur Wasserwelle

Weiter westlich, auf der anderen Seite der Kirchstraße, steht das frühere Hotel Phönix, heute das Restaurant Dalmatien. Schon vor 119 Jahren konnten Bad Rothenfelder hier gepflegt speisen. Aber nicht nur das: Im benachbarten Friseursalon wurden Haare und Bart in Form gebracht. Ein gerne genutztes Kombi-Angebot.

Als 1920 das Ehepaar Röhrig das Haus erwarb, musste der Salon einem Fahrradgeschäft Platz machen. Die Gastwirtschaft blieb: Bis 1971 war sie in der Hand der alten Eigentümer, erzählt Dirk Lange-Mensing. Seitdem gehört das Lokal Pasco Baricevic.

Gegenüber steht das Haus Voigt, ein repräsentativer Eckbau an der Kirchstraße, heute vielen als Haus Descho-Otte bekannt. Erbaut worden ist es aber 1898 von Klempnermeister Voigt aus Vegesack: Über dem Eingang zieren noch heute seine stilisierten Stuck-Initialen die Fassade.

Haare schneiden unter polizeilicher Aufsicht

Später gehörte das Gebäude Familie Meyer. Eine Schwester des Spediteurs, verheiratete Hagemeyer, bewohnte bis 1962 das Erdgeschoss und betrieb ein Gardinengeschäft mit eigener Polsterei. In der ersten Etage wohnten von 1920 bis 1969 Schneidermeister Kappelmann und seine Frau, darüber von 1960 bis 1972 die Familie des Fernfahrers Krösche.

1968 erwarb das Ehepaar Descho das Haus: Jahrzehntelang schnitten, fönten und dauerwellten die beiden die Haare der Rothenfelder in ihrem beliebten Friseursalon, davon ein Jahr unter Aufsicht der Obrigkeit, denn auch die Polizeistation war hier bis 1969 untergebracht. Praktisch: Polizist Karl-Heinz Bremer wohnte im Erdgeschoss.

Luftaufnahmen aus dem Fesselballon

Inzwischen hat sich Familie Tempel mit einer Osteopathiepraxis und einem Geschäft für Kaffeespezialitäten im Haus niedergelassen. Es ist aber noch immer in Besitz ihrer Familie, erzählt Isolde Otte vor der Fassade mit dem Türmchen.

Ein direkter Vorfahre Nanett Maßmanns war der in Bad Rothenfelde bekannte Fotograf Heinrich Hemmelskamp. Er ließ sich 1902 auf der anderen Straßenseite ein eindrucksvolles Haus im Stil der Zeit bauen. Viele seiner Motive wurden auf Postkarten gedruckt und von Bad Rothenfelde in alle Welt verschickt. Aus einem Fesselballon machte er sogar Luftaufnahmen, weiß Nanett Maßmann.

Kinder aufgepäppelt

Noch während das Fotoatelier im Erdgeschoss Anlaufpunkt für grüne bis diamantene Hochzeitspaare und all die anderen Ereignisse war, die es für die Ewigkeit festzuhalten galt, diente Haus Hemmelskamp auch als Pension und Kinderkurheim Oldenburg. Bis in die 50er Jahre wurden hier kleine Kurgäste aufgepäppelt. In den 60er Jahren war es ein privater Kindergarten. Später wurde es als Wohn- und Geschäftshaus genutzt: So waren dort das Tiergeschäft und der Hundesalon „Figarello“ untergebracht.

Geschichtsträchtig ist auch das Haus Grafe, das Witwe Anna Grafe 1907 bauen ließ. Zuvor hatte sie ihren Konfektionssalon im Haus des Gradiermeisters. Doch das Gradiermeister-Haus wurde abgebrochen, um dem Neuen Badehaus Platz zu machen. Nebenan steht das ehemalige Haus der Geschwister Hörsting, die mit ihrem Spielwarenladen Generationen von Rothenfelder Kindern glücklich machten.

Gottesdienst im Siedehaus

Historische Häuser gibt es rund um Münstersche und Kirchstraße viele mehr, nicht von jedem ist die Geschichte bekannt. Das prägendste Gebäude ragt seit 90 Jahren ein Stückchen weiter westlich in die Höhe. Ursprünglich waren die evangelischen Christen Rothenfeldes dem Kirchspiel Dissen zugeordnet. Doch seit der Vermarktung der Solequellen wuchs Rothenfelde: schon um 1870 wurden deshalb erste Gottesdienste im Durchgang des Siedehauses gefeiert.

Ab 1874 wanderten die Gottesdienste in die Evangelische Kinderheilanstalt südlich der Waldstraße. Auch dieser Raum wurde rasch zu klein, der Wunsch nach einem eigenen Gottesdienstraum größer. 1877 endlich entstand an der Stelle der heutigen Kirche eine Kapelle mit 300 Plätzen.

Eine Kuh für die Kirche

30 Jahre später wurde Bad Rothenfelde eigenständiges Kirchspiel. 1927 konnte schließlich auch der Grundstein für eine eigene Kirche gelegt werden – der Spendenfreude der Gläubigen sei Dank. „Nicht selten wurden 1000 Reichsmark oder eine Kuh gegeben“, heißt es in der Chronik. Das half: Ein Jahr später konnte die neue Kirche eingeweiht werden.


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