Alte und neue Hits Ulla Meinecke und Band kamen in Bad Rothenfelde in Fahrt

Von Frank Muscheid

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Überzeugten vor ausverkauftem Haus: Ingo York, Ulla Meinecke und Reinmar Henschke riefen im Publikum Erinnerungen und den Sound einer Ära wach. Foto: Frank MuscheidÜberzeugten vor ausverkauftem Haus: Ingo York, Ulla Meinecke und Reinmar Henschke riefen im Publikum Erinnerungen und den Sound einer Ära wach. Foto: Frank Muscheid

Bad Rothenfelde. Mit anschmiegsamem Pop, der Ausflüge in Jazz, Bluesrock oder Folk machte, mit Ecken, Kanten und tiefsinnigen Texten haben Ulla Meinecke und Band am Donnerstag 120 Menschen im ausverkauften Haus des Gastes verzaubert.

Die 80er Jahre waren nicht nur neonkühl, das bewies die Pionierin des deutschsprachigen Pop mit dem Liveprogramm „Wir warn mit Dir bei Rigoletto, Boss!“. Das ist auch auf Live-Doppel-CD gebannte Barstimmung, betitelt nach dem Filmzitat aus „Manche mögen’s heiß“. Mitte der 80er Jahre feierte Ulla Meinecke unter anderem mit „Der Stolz italienischer Frauen“ ihren Durchbruch. Und machte keinen Hehl aus der „fliegenden Zeit“, sondern setzte in ihren faszinierend-bildreichen Texten Anti-Aging-Industrie oder neoliberalem Leistungsgehabe menschliche Wärme, ihre tiefe, rauchige, unverkennbare Stimme und Songs über Liebe und das nackte Leben entgegen.

Musikhungrig im Hier und Jetzt

Dazu groovten und schnarrten Gitarre und Bassgitarre von Ingo York in bester Manier. Und man war mit Reinmar Henschke wieder im tiefsten, experimentellen Synthie-Sound einer Ära, die für viele als das popmusikalische Top-Jahrzehnt gilt. Rückblickend und hörbar auch an diesem Abend hat Ulla Meinecke es mitgeprägt. War aber nicht einfach dort hängen geblieben, klang mit ihren beiden Multiinstrumentalisten stattdessen nach 2017, immer noch hungrig nach neuen musikalischen Gefühlsfahrten.

Weiche Keys und knallende Saiten

Trotz durch die Boxen pfeffender Gitarrensoli und treibender Pickings blieb es Pop – wegen dieses weichen, schwebenden Keyboard-Teppichs, wegen der wunderbaren Balladen und leichtfüßig tänzelnden Tasten-Zwischenspiele. Aber Pop, der tief ging, der vorwärtstrieb, versonnen aber wahrhaftig. Pink-Floyd-Intro, sägender Synthie-Bass, so leitete Henschke den Klasse-Abend ein – zwischen LEDs statt Neonröhren. Die Band legte mit sphärisch-reibendendem Blues-Poprock los: „Bin die Herrin meiner Stunden“ hieß es im selbstbewussten Eröffner „Geh mir aus dem Licht“. Und quicklebendig folgte das absolut tanzbare „Schlendern ist Luxus“. Auf stampfendem Vierviertel-Bass sang Ulla „Weiche Schultern, leichter Gang, so könnt‘ ich laufen, stundenlang“. Die Band hatte richtig „Bock“ auf Hits, auf das swingend-funkige „Süße Sünden“ zum Beispiel, in dem sich York als feiner Schlagzeuger und pointierter Riffer auf einem absolut ausgeschlafenen Keyboard erwies: „Es gibt keine süßen Sünden ohne Seele“ verkündete Ulla Meinecke mit einmaligem Timbre in ihrem frivolen Text über zu enge Betten.

Mal wehmütig, mal frech

Nach Chanson klang die pianogetragene melancholische Ballade „Hafencafé“ samt wehmütiger Gitarre. „Zu alt“ dagegen frech gegen den Strich und gegen Anti-Falten-Cremes gebürstet, die so erfolgreich seien wie „eine Katzenklappe an einem U-Boot“ – das war Ironie auf Rock’n’Roll-Droge: „Mit mir zu reden, ist wie Nekrophilie“. „Die Tänzerin“, der Meinecke-Hit schlechthin, war ein knarzendes Disco-Sahnestück gegen Ende, dem nur die Stühle im Weg waren. Mit Zeilen wie „Du bist die Tänzerin im Sturm“ zeigte der Song textlich und rhythmisch Zähne, auch heute noch perfekt für heiße Partys. Keltischer Folk der Marke „Junge sieht Mädchen und fällt vor Liebe tot um“ stand neben einem Tom-Waits-Cover und Glanzstücken wie dem schneidigen „50 Tipps“, um „den Kopf zu verlassen“. Der Abend war Reminiszenz und Aufbruch gleichzeitig, frisch und musikalisch versiert, eine Liebeserklärung an Poesie und Freiheitsgefühl. Da haben Ulla Meinecke und Band, um ihr schottisches Sprichwort zu zitieren, „eine Münze in den Automaten geworfen“, für Kopf und Bauchgefühl.


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