„Bademeister beherrscht Job nicht“ Todesfall im Carpesol: Zeugen erheben schwere Vorwürfe

Das Schwimmbecken im Carpesol, in dem die Frau am Beckengrund gefunden wurde, ist an der tiefsten Stelle zwei Meter tief. Rechts liegt die Treppe, von der Ute Wittbrodt ins Wasser stieg. Foto: Jörn MartensDas Schwimmbecken im Carpesol, in dem die Frau am Beckengrund gefunden wurde, ist an der tiefsten Stelle zwei Meter tief. Rechts liegt die Treppe, von der Ute Wittbrodt ins Wasser stieg. Foto: Jörn Martens

Bad Rothenfelde. Nach dem Tod einer 73-Jährigen im Bad Rothenfelder Carpesol erheben Zeugen schwere Vorwürfe gegen das Team der Therme. Zwei Badegäste sind sich sicher: Die Frau lag schon länger auf dem Beckengrund.

Und auch nach ihrer Rettung aus dem Bassin sei einiges falsch gelaufen, meinen Ute und Arno Wittbrodt: Die Badeaufsicht sei erst unaufmerksam und dann unfähig gewesen, beim Alarmieren des Rettungsdienstes habe es Verzögerungen gegeben.

Vor acht Tagen war eine Frau aus dem Ruhrgebiet im Carpesol verstorben. Sie war gegen 15.45 Uhr auf dem Boden des bis zu zwei Meter tiefen Sportbeckens gefunden und geborgen worden. Versuche, die 73-Jährige wiederzubeleben, blieben erfolglos. Wie sich bei Ihrer Obduktion herausgestellt habe, sei die Frau tot gewesen, als sie ins Becken gefallen sei, sagte der Osnabrücker Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer auf Anfrage unserer Redaktion. Es gebe keinerlei Anzeichen für einen Ertrinkungstod.

Nochmal ins Sportbecken

Das konnte bei ihrem Auffinden und der Reanimation noch niemand wissen. Carpesol-Betreiber Helmut de Witt ist aber sicher, dass bei der Rettung der Frau alles gut gelaufen ist. Er berichtet auf der Internetseite der Therme von einer reibungslosen Bergungs- und Hilfsaktion. Weiter Stellung nehmen wolle er zu dem Fall nicht, teilte er auf Nachfrage unserer Redaktion mit.

Der Osnabrücker Arno Wittbrodt kommt regelmäßig mit seiner Frau Ute zum Schwimmen und Erholen in die Therme. Immer wieder gerne. Bis vor acht Tagen: Kurz bevor die beiden die Therme verlassen wollten, ging Ute Wittbrodt noch einmal ins Sportbecken. Sie habe die innen liegende Treppe genommen und die erste Bahn geschwommen. Ihr Mann erzählt, dass er sie dabei vom Garten aus im Blick gehabt habe.

Den Bademeister alarmiert

Am Ende der Bahn habe seine Frau unter sich einen Menschen auf dem Beckenboden gesehen. „Meine Frau schrie plötzlich und rief um Hilfe und schwamm zurück zur Treppe, weil zunächst niemand kam und sie selbst nicht tauchen kann“, erzählt Arno Wittbrodt. „Ich bemerkte, dass meine Frau gestikulierte und völlig aufgelöst war. Ich bin sofort ins Carpesol hineingegangen: Ein Bademeister saß zu diesem Zeitpunkt in seinem Häuschen am Fenster in der Nähe der Becken. Als ich ihn alarmierte, biss er noch einmal ins Butterbrot und trank einen Schluck Kaffee.“ Dann habe der Bademeister seine Schuhe und sein T-Shirt ausgezogen, sei ins Becken gesprungen und habe die Frau herausgeholt, erinnert sich Wittbrodt.

Badbetreiber de Witt schildert das Ganze auf seiner Internetseite anders: „Badegäste hatten den Sturz der Frau ins Schwimmbecken und den sofortigen Untergang beobachtet und die nur 15 Meter entfernt befindliche Badeaufsicht gerufen. Diese kam sofort herbeigelaufen, ist ins Becken gesprungen, hat die Frau hochgeholt und unter Mithilfe eines Gastes aus dem Becken gehoben. Am Beckenrand wurde dann sofort von der Badeaufsicht mit der Reanimation begonnen.“

Zur Rezeption gelaufen

Nach Angaben von Arno Wittbrodt sah das so aus: Der Bademeister habe sich die kleine, zierliche Frau ruppig vor den Bauch genommen und geschüttelt. „Ihr Oberkörper fiel nach vorne, Blut und Schleim kamen heraus.“

Wittbrodt sei dann zur Rezeption gelaufen und habe erklärt, warum sofort ein Notarzt gebraucht würde. Weil im Kassenbereich viel los gewesen sei, habe man sich zunächst weiter um die Gäste gekümmert. Als er schon wieder kehrtmachen wollte, habe die Rezeptionistin gerufen: „Wen muss ich denn jetzt rufen?“ Er habe ihr geantwortet: „Sie müssen die 112 wählen.“

Zurück am Schwimmbecken, habe der Bademeister, so der Eindruck von Arno Wittbrodt, eher lasch und ausschließlich auf das Herz der geretteten Frau gedrückt. Wittbrodt habe dem Bademeister dann gesagt: „Sie machen das falsch. Sie müssen regelmäßig tief auf die Mitte des Brustkorbs drücken.“

Badegast übernimmt Herzdruckmassage

Schließlich habe Arno Wittbrodt die Herzdruckmassage übernommen, während der Bademeister eine, wie Wittbrodt meint, völlig unzureichende Mund-zu-Mund-Beatmung durchgeführt habe. „Er blies in den Mund, ohne die Nase zuzuhalten.“

Dann sei die Rezeptionistin gekommen und habe den Bademeister gefragt: „Brauchen wir denn noch einen Notarzt?“ Wittbrodt habe das energisch bejaht und dazu aufgefordert, den Defibrillator zu holen, den es im Carpesol gibt.

Der Bademeister habe ihm dann gesagt: „Ich kann das nicht. Das habe ich noch nie gemacht.“ Deshalb habe Wittbrodt das Gerät bedienen müssen, das sich zum Glück selbst erkläre. „Der Bademeister hatte keine Ahnung“, ist sich der 58-jährige Wittbrodt sicher – und immer noch entsetzt.

Bis der Notarzt kam

Dann sei ein Badegast, selbst Arzt, gekommen und habe solange weiter versucht, die Frau wiederzubeleben, bis der Notarzt gekommen sei. Beide Ärzte hätten sich intensiv um die Frau bemüht.

Für den Carpesol-Chef stellt sich der Verlauf so dar: „Die Reanimation durch die Badeaufsicht wurde im weiteren Verlauf durch einen Gast und einen zufällig im Carpesol befindlichen Arzt unterstützt, bis nach kurzer Zeit die Rettungssanitäter eintrafen. Durch den Arzt war auch der im Carpesol vorhandene Defibrillator eingesetzt worden“, schreibt de Witt auf seiner Homepage.

„Niemand hat der Frau während der ganzen Zeit eine Decke gebracht. Sie lag die ganze Zeit auf den nackten Fliesen“, wundert sich Arno Wittbrodt. Die Carpesol-Mitarbeiter hätten ganz normal weitergearbeitet.

Und noch etwas sei ihm aufgefallen: „Ein Rettungssanitäter hat den Ausgang nicht gefunden, als er etwas von draußen holen wollte. Er probierte drei Türen, weil der Ausgang nicht markiert war.“

Am Beckengrund bemerkt

Arno Wittbrodt und seine Frau Ute sind überzeugt: „Die verstorbene Frau lag bereits längere Zeit im Becken.“ Seine Frau sei die Erste gewesen, die die Frau am Beckengrund bemerkt habe, als sie ans Ende ihrer ersten Bahn im Becken kam.

Ein weiterer Badegast, Kampfschwimmer, der nach einer OP und mit frischer Narbe nicht habe helfen können, habe ihm später gesagt, dass der Bademeister alles verkehrt gemacht hätte, was man verkehrt machen kann.

Arno Wittbrodt und seine Frau Ute fragen sich nun, wo die anderen beiden Bademeister während der Rettungsaktion waren. Und warum ein Bademeister, wie sie nach den Erfahrungen vor Ort meinen, seinen Job nicht beherrsche. „Und warum hat er nicht gleich aus seinem Häuschen heraus den Notarzt alarmiert?“ Sie finden, dass „solch ein Desaster nicht noch einmal passieren“ darf. Deshalb hätten sie ihre Geschichte erzählt.


Hauptsache, man tut etwas

1,5 Millionen Menschen sterben jedes Jahr in Europa und den USA am plötzlichen Herztod. Viele Betroffene sind jünger als 65 Jahre und waren bis dahin beschwerdefrei. Wenn jemand bewusstlos zusammenbricht und nicht atmet, liegt im Regelfall ein Herzstillstand vor. In den nächsten 15 bis 20 Minuten besteht nach Angaben von Medizinern eine reale Chance, erfolgreich einzugreifen. Reanimation gehört deshalb in manchen Ländern zum Unterrichtsstoff der Schulen. Falsch machen kann man dabei nichts. Es sei denn, man tut gar nichts. „Prüfen. Rufen. Drücken“ heißt das Motto für die Wiederbelebung. Das bedeutet: Prüfen, ob die Person noch atmet. Unter der europaweit gültigen Notrufnummer 112 den Rettungsdienst rufen. Fest und mindestens 100 Mal pro Minute fünf bis sechs Zentimeter tief mit dem Handballen in die Mitte des Brustkorbs drücken und nicht aufhören, bis Hilfe eintrifft. Dabei kann der Rhythmus von „Staying alive“ von den Bee Gees helfen. Laienhelfer, die die Mund-zu-Mund-Beatmung nicht beherrschen, machten oft Fehler. Deshalb sollen sich Ungeübte auf die Herzdruckmassage beschränken. Wenn ein Defibrillator in der Nähe ist, gekennzeichnet durch eine grüne Box mit Blitz, öffnet man das Gerät und folgt den Anweisungen. Die Reanimation durch einen Laien erhöht die Wahrscheinlichkeit, einen Herzkreislaufstillstand zu überleben, um das Zwei- bis Dreifache.

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