Folgt ein Nexit? Bad Rothenfelde: Engländer stimmt gegen den Brexit

Der britische Bad Rothenfelder Steve Humphrey blickt heute mit Spannung nach Großbritannien. Foto: Jörn MartensDer britische Bad Rothenfelder Steve Humphrey blickt heute mit Spannung nach Großbritannien. Foto: Jörn Martens 

Bad Rothenfelde. Fünf Minuten: Länger brauchte Steve Humphrey nicht. Und doch waren sie entscheidend: „Ich habe gegen einen Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt“, sagt der Wirtschaftsprofessor der Uni Osnabrück. Er hofft, dass sich eine Mehrheit gegen den Brexit findet.

Sicher, dass es so kommen wird, ist der Bad Rothenfelder aus Leicester aber keinesfalls. Am Donnerstag blickt er deshalb mit Spannung auf seine Heimat. „Die Menschen sind schon lange unzufrieden mit der EU-Politik“, sagt er. Dass nun eine Volksabstimmung über den Verbleib in der Europäischen Union entscheidet, erstaunte ihn allerdings doch. „Ich hätte eher erwartet, dass Premierminister David Cameron versucht, den Integrationsprozess zu verlangsamen“, sagt er. Nun geht es also doch um’s Ganze. In der EU sein – oder nicht sein, das ist die Frage.

Wirtschaftliche Bedenken

„Dabei geht es gar nicht so sehr darum, dass die Briten sich nicht mit der EU oder den anderen EU-Ländern identifizieren könnten“, glaubt Humphrey. Frieden durch Handel: Das sei immer noch eine gute Idee, hinter der auch viele Brexit-Enthusiasten in Großbritannien stehen. „Viele denken aber, dass die EU an Grenzen gestoßen ist.“ Genauer: An Kapazitätsgrenzen. Zu viele Mitgliedsstaaten seien in zu kurzer Zeit aufgenommen worden. Hinzu kämen Länder, die länger dabei sind – denen aber finanziell unter die Arme gegriffen werden muss. Mittlerweile – so denken viele Briten – bringe die EU keinen wirtschaftlichen Mehrwert. Im Gegenteil.

Multi-Kulti auf der Insel

Der berühmte letzte Tropfen sei letztendlich aber die Flüchtlingspolitik der EU gewesen. „Viele Briten hatten das Gefühl, dass die Deutschen sehr emotional mit dem Thema umgehen“, berichtet Steve Humphrey. Das liege jedoch nicht daran, dass seine Landsleute fremdenfeindlich wären. Den Selbsttest machte seine Frau Inka, die als Deutsche in England lebte. „Engländer nehmen das Anders-Sein einfach hin“; berichtet sie. Multi-Kulti werde auf der Insel gelebt. Gleichzeitig betrachteten die Briten das Thema Migration deutlich nüchterner. „Viele fürchten, dass die EU mit der Aufnahme aller Flüchtlinge finanziell überfordert ist“, erklärt Steve Humphrey.

Austritt kostet

In der Diskussion sei daher immer wieder die Forderung laut geworden, all das Geld, das im weitesten Sinne in die EU fließt, besser für soziale Belange im eigenen Land auszugeben. Steve Humphrey glaubt allerdings nicht, dass diese Rechnung aufgeht: „Die Steuergelder, die etwa nach Griechenland fließen, werden nicht eins zu eins in das Gesundheitssystem gesteckt.“ Denn auch der Austritt wird kosten.

Der EU zuliebe

Gegen den Brexit hat Steve Humphrey jedoch vor allem der Europäischen Union zuliebe gestimmt. „Wenn Großbritannien austritt, könnte auch jedes andere Land austreten“, erklärt der Wirtschaftsprofessor. Dann würde möglicherweise nicht nur ein Grexit folgen – als nächstes käme vielleicht auch der Nexit. Denn viele Niederländer seien nicht glücklich in der EU. Wirtschaftlich starke Länder könnten auf diese Weise immer wieder in Betracht ziehen, die Union zu verlassen. Damit würde die EU ihre Zuverlässigkeit einbüßen. – eine Eigenschaft, die bisher als wirtschaftliches Erfolgsrezept gegolten hat.

Keine Prognose

„Die meisten unserer Freunde werden gegen den Austritt stimmen“, sagt Steve Humphrey. Das repräsentiere aber nicht zwangsläufig die Mehrheit der Briten. „Ich wage keine Prognose“, sagt er. Doch er hofft, dass sich die Briten, wenn sie am 23. Juni von morgens früh bis abends spät an die Wahlurnen treten, gegen den Brexit stimmen. „Alles andere könnte wirklich katastrophale Folgen haben“.


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