Lichtsicht in Bad Rothenfelde Ein Kunststück – und das in Deutschlands Provinz


Bad Rothenfelde. Von Frankfurt über Moskau bis New York: Die fünfte Projektions-Biennale hat international Erwähnung gefunden. Nun ist sie zu Ende. Pressesprecherin Sabine Weichel sprach mit der Neuen OZ über kulturverwöhntes Publikum, Geld und die Gradierwerke.

Guten Morgen Frau Weichel. Schön, dass Sie anrufen. Wie fühlen Sie sich jetzt, da „Lichtsicht“ zu Ende ist?

Neben Freude und Stolz empfinde ich schon auch ein bisschen Wehmut. Wenn ich in einem Projekt so tief eingetaucht bin, dann ist es nicht leicht, Abschied zu nehmen.

Aber für Sie als Pressesprecherin ist es sicher noch nicht ganz zu Ende, oder?

Ja, ich bin gerade noch dabei den Pressespiegel für die lichtsicht 5 zu erstellen. Da ist ein großes Konvolut an Beiträgen von Presse, Funk und Fernsehen zusammengekommen.

Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Das Projekt hat viel Aufmerksamkeit bekommen. Natürlich in lokalen Zeitungen. Aber auch in Medien, die überregionaleres Publikum erreichen: NDR, WDR, 3SAT, die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder die Süddeutsche Zeitung haben zum Beispiel berichtet. Sogar ein Moskauer Kulturmagazin und Wallpaper New York haben über die lichtsicht geschrieben. Wir haben eine sehr aktive Pressearbeit betrieben und auf allen Ebenen auf die lichtsicht 5 - Projektions-Biennale aufmerksam gemacht. Mit so international bekannten Künstlern, wie William Kentridge, Robert Wilson, Ryoji Ikeda oder Rosalie bekamen wir natürlich auch große Aufmerksamkeit.

Freuen Sie sich darüber?

Ja, ich freue mich vor allem, wenn Menschen aus kulturverwöhnten Städten, wie Köln, Düsseldorf oder Berlin auf die Biennale aufmerksam werden. Mit den Jahren hat sich auch die Struktur des Publikums verändert, es kommen immer mehr kulturinteressierte Menschen aller Altersklassen gezielt nach Bad Rothenfelde.

Woher wissen Sie eigentlich, dass Sie dieses Publikum angesprochen haben? Klar, sie haben mit 170000 Menschen in knapp fünf Monaten wieder einen Besucherrekord aufgestellt – aber woher wissen Sie, woher die Besucher kommen?

Vor allem durch den persönlichen Kontakt mit den Besuchern bei den Führungen. Wir bekommen viele Briefe und Mails von begeisterten Besuchern.

Dankschreiben an den Bürgermeister

Was steht denn so in den Briefen?

Augenblick, ich muss mal schauen, ob ich jetzt so schnell einen finde... – ... hier zum Beispiel schreibt eine Dame: „...letzte Woche haben wir aus Düsseldorf kommend die Lichtsucht in Bad Rothenfelde besucht und waren einfach begeistert. So viele Künstler, so viele international gefeierte Stars in einem solchen Projekt zusammenzuführen, das ist ein Kunststück für sich. Und das in Deutschlands Provinz ...“. Viele Menschen glauben, es sei ein Projekt der Gemeinde Bad Rothenfelde und bedanken sich beim Bürgermeister. Die Gemeinde unterstützt das Projekt in vielerlei Hinsicht, aber eben leider bisher nicht finanziell.

Vielleicht motivieren ihn die Briefe ja, das zu ändern.

Ja, das wäre wünschenswert. Die lichtsicht 5 hat im Bereich der Projektionskunst internationales Niveau erreicht, was sich ja auch in der Auszeichnung mit dem Deutschen Kulturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e.V., gemeinsam mit der Süddeutschen Zeitung und dem Handelsblatt in der Kategorie „große Unternehmen“ widerspiegelt. Um dieses Niveau zu halten, bedarf es einer langfristigen finanziellen Absicherung für die Zukunft. Das kann nicht mehr nur Sache eines Unternehmens sein. Schließlich profitiert Stadt und Land, Gastronomie, Hotellerie, ja die ganze Region davon.

Die Gradierwerke sind ja auch etwas besonderes: Wie sind die Künstler mit dem Ausstellungsort umgegangen?

Alle Künstler waren durchweg von dem Bauwerk des Gradierwerkes und seiner Dimension der Projektionsmöglichkeit fasziniert. Robert Wilson reiste persönlich zweimal an, um seine „Video Portraits“ auf 312 m Länge sehen zu können. Die historischen Gradierwerke, die mit der lichtsicht ihrer dritten Nutzung zugeführt werden, stellen in ihrer Größe und Konstruktion ein Industriedenkmal mit Alleinstellungsmerkmal dar. Künstler wissen so etwas Einzigartiges zu schätzen.

Finden Sie es grundsätzlich gut, wenn Kunst an Orten gezeigt wird, an denen sie nicht unbedingt gesucht wird?

Ich finde es reizvoll, Menschen auf diese Weise für Kunst aufzuschließen, die vorher nicht so viel damit anfangen konnten. Diesen Aha-Effekt auszulösen, diesem plötzlich Erkenntnisgewinn in ihren Augen gespiegelt zu bekommen, das motiviert mich immer wieder aufs Neue.


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