Silvester 2015 Neues Jahr, neues Ich? Was Vorsätze bringen



Bad Rothenfelde. Neue Jahre haben es in sich. Sie haben eine Symbolkraft, die uns immer wieder dazu verleitet, gute Vorsätze zu fassen. Aber macht uns das neue Jahr wirklich besser? Warum wir uns etwas vornehmen oder es schon lange aufgegeben haben. Ein Silvesterleuchten.

Die einen haben ihn lang und sorgfältig überlegt, die anderen fassen ihn nie oder spontan in der Silvesternacht: den guten Vorsatz fürs neue Jahr. Weniger Alkohol, nicht mehr rauchen, mehr Sport? Traditionell zum Jahreswechsel beschleicht viele Menschen das Gefühl, eine gewisse Ordnung herstellen zu müssen und einen Neubeginn wagen zu können. Dicht gefolgt ist diese Sehnsucht aber von der Gewissheit, dass die Vorsätze oft genauso schnell verpuffen wie das Silvester-Feuerwerk , zeigt eine Umfrage im Kneipp-Erlebnispark in Bad Iburg .

Selbstoptimierung?

„Das kennt man doch“, nennt Ulrike Niemeyer ein Beispiel. „Weniger zu essen nimmt man sich vor, zieht das vier Wochen durch, steigt auf die Waage und wiegt immer noch so viel wie vorher. Weg mit den Vorsätzen“, sagt sie lachend. „Das ist doch befreiend.“ Weg mit der krankhaften Selbstoptimierung. „Mit dem neuen Jahr ist es nicht anders als mit neuen Heften in der Schule“, findet sie einen Vergleich. Wenn man sie beginnt, gibt man sich besonders viel Mühe, aber spätestens auf Seite drei ist vergessen, dass das Heft neu ist und die Sauklaue hält Einzug.

„Wer zu viel, wird scheitern“

Also von Beginn an rumschmieren? „Das neue Jahr hat eine gewisse Symbolik, die genutzt werden kann“, findet Dr. Markus Quirin, Psychologe an der Universität Osnabrück mit dem Forschungsschwerpunkt Motivation. Ritualisiertes Reset. Neuanfang, der nach ungeahnten Möglichkeiten riecht. Dass mit dem neuen Jahr auch gleich ein neues Ich installiert werden kann, hält aber auch der Psychologe für utopisch und warnt vor der übersteigerten Selbstverbesserung. „Wer zu viel will, wird scheitern.“ Allenfalls die Chance für eine Kurskorrektur bietet der Schnitt, finden die Befragten im Kneipp-Erlebnispark und Psychologen.

Vorsätze mittlerer Schwierigkeit

Keinesfalls dürften Vorsätze zu hoch angesetzt werden. Die „Ich-werde-jetzt-mal-eben-ein-besserer-Mensch“-Theorie muss geknickt werden. Je konkreter und nahbarer der Vorsatz, desto besser. „Eine Person, die eine Tendenz dazu hat, ständig kaum erreichbare Vorsätze zu generieren, wird vermutlich nicht glücklich werden“, sagt Quirin. Aber genau das wollen wir doch. Wer nie Sport gemacht hat, muss nicht gleich einen Marathon laufen wollen. Warum nicht erst einen Zehn-Kilometer-Lauf anpeilen? Schließlich bestehe das Leben nicht nur aus Willen und Vorsatz, sondern auch aus unplanbaren Ereignissen, Stress, Erfahrungen, die Menschen umschwenken lassen. „Je mehr stressverursachende Faktoren und Konflikte vorherrschen, desto schwieriger ist die Umsetzung der Vorsätze ohnehin“, sagt Quirin und appelliert an ein gesundes Maß. Optimal seien Vorsätze mittlerer Schwierigkeit, die eine Herausforderung darstellen, aber zugleich die realistische Möglichkeit böten, auch umgesetzt werden zu können.

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Positive Verknüpfung nicht vergessen

Schließlich bewirke der Vorsatz allein noch keine Veränderung: „Nur positive Emotionen, die mit ganz konkreten Vorsätzen mental in Verbindung gebracht werden, helfen bei einer tatsächlichen und dauerhaften Umsetzung der Absichten“, sagt der Motivationspsychologe. Studien belegen, dass das menschliche Durchhaltevermögen entscheidend von der Verknüpfung eines Ziels mit Gedanken an schöne Dinge abhängt. Quirin rät deshalb zu „Wenn, dann“-Brücken. Wenn ich mich bewege, dann lassen Rückenschmerzen nach. Oder: Wenn ich weniger rauche, habe ich mehr Puste für die nächste Party. Dieses Gefüge funktioniert laut Quirin auch, wenn man konkret Zeit und Raum benennt: Immer wenn ich morgens ins Büro will, nehme ich die Treppe, nicht den Aufzug.

Mehr Farbe

Das Gute an der Treppe: Sie bleibt in der Regel das ganze Jahr. Von der Idee, allein an Silvester die Chance auf Kurskorrektur zu haben, dürfen wir uns also gerne verabschieden. „Ich habe seit Anfang letzten Jahres den Plan, mehr Farbe in mein Leben zu bringen“, erzählt Werner Vian aus Bad Iburg und zieht den konsequent durch. Was könnte es besser belegen als sein neongrüner Pulli und die Rollschuhe aus den Achtzigern? „Ich war irgendwie dabei zu versauern“, nennt er den Auslöser für seine Farbtheorie und -praxis. In diesem Jahr gesellt sich zu den Rollschuhen vielleicht noch eine Posaune, damit er sich selbst beim Fahren musikalisch begleiten kann. „Noch mehr Farbe“, will der 59-Jährige im Jahr 2016. „Das Leben bietet jeden Tag die Chance.“

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Franz Niemeyer


„Ich habe die guten Vorsätze noch nicht aufgegeben“, sagt Franz Niemeyer. „Einiges habe ich allerdings schon abgearbeitet“, sagt der 64-Jährige: Küche renovieren, umbauen, den Garten neu gestalten. Projekte statt Selbstverbesserung nimmt er sich vor. „2016 möchte ich in einigermaßen gutem Zustand in den Ruhestand gehen“, nennt er ein neues Ziel. „Da darf man dann vielleicht auch endlich spontan sein?“
Foto: Michael Gründel



Thea Jörgens

„Ha! Gute Vorsätze? Jede Menge“, sagt Thea Jörgens. „Ich fange an zu rauchen“, schlägt sie vor. „Auf keinen Fall die Enkelkinder hüten“, fällt ihr ein weiterer guter Vorsatz ein, den sie in der Silvesternacht umsetzen will. Seit 35 Jahren ist sie verheiratet. „Wir bleiben dieses Jahr einfach mal zu Hause. Endlich mal Ruhe“, findet die 58-Jährige. Der Humor dürfe aber auch im neuen Jahr bleiben. Ausnahmsweise.
Foto: Michael Gründel



Ulrike Niemeyer

Von Vorsätzen fürs neue Jahr hält Ulrike Niemeyer nichts. „Man wirft sie ja doch gleich wieder über Bord“, sagt die 57-Jährige. Man nehme sich vor abzunehmen, diszipliniere sich, steige nach vier Wochen auf die Waage und wiege so viel wie immer. „Das braucht kein Mensch.“ Sich des Lebens zu erfreuen und die Tage zu nehmen wie sie sind, das sei die Kunst. Sie fährt damit besser als hohen Idealen nachzueifern.
Foto: Michael Gründel



Hermann Jörgens

„Ab morgen esse ich das leckere Essen meiner Frau nicht mehr“, schlägt Hermann Jörgens vor. Aber immer „ab morgen“, nennt er die Endlosschleife seines Vorsatzes. „Am Knie will ich mich auch operieren lassen“, sagt er. Das habe er sich schon häufiger vorgenommen, aber immer gute Ausreden gefunden, es nicht zu tun. „2016 will ich es durchziehen“, sagt der 61-Jährige überzeugt.
Foto: Michael Gründel



Nelli Lengefere

In Lettland gibt es zum neuen Jahr Schwarzen Balsam, Likör mit 45 Prozent Alkoholgehalt. Er lässt die Menschen den Jahreswechsel entspannt erleben, weiß Nelli Lengefere, die seit 14 Jahren in Bad Iburg lebt. Keine Vorsätze für sich und Hund Tima, sondern Wünsche für die Welt hat die 67-Jährige für 2016: kein Krieg, kein Terror, mehr Frieden und Gesundheit für die Menschen.
Foto: Michael Gründel


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