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De Witt steigt aus Mittwoch im Rat Bad Rothenfelde: Übernahme des Carpesol

Von Stefanie Adomeit


Bad Rothenfelde. Die Carpesol-Betreiber steigen aus. Das Problem steht am kommenden Mittwoch, 16. Dezember, im Mittelpunkt der kurzen Tagesordnung der Ratssitzung ab 19 Uhr. Die Gemeinde will – oder muss – einspringen und die Therme mit einer Tochtergesellschaft selbst betreiben.

Ende des Jahres will Mehrheitsgesellschafter und Geschäftsführer Helmut de Witt das Saunahandtuch zur Seite legen und die Anteile der Carpesol-Gesellschaft abgeben. Die Pacht sei zu hoch. Was die Übernahme kosten wird? Darüber wird verhandelt: Die Gemeinde stellt sich den symbolischen Euro vor. De Witt äußert sich nicht zu Preisvorstellungen. Nach Informationen unserer Redaktion sollen er und sein Mitgesellschafter mehr als 350000 Euro fordern.

Auf Anfrage unserer Redaktion sprachen Bürgermeister Klaus Rehkämper, die Fraktionsspitzen Franz-Josef Albers (SPD), Arno Schomborg (CDU) und Matthias Beckwermert (Grüne) sowie im zweiten Teil auch Helmut de Witt auf Basis des frisch vorliegenden Gutachtens der Unternehmensberatung Rödl & Partner über Soll und Haben, Vertrauen, Fehler und Verlässlichkeit.

Das Gutachten

Ein Gutachten mit einer positiven Fortführungsprognose ist eine von drei Voraussetzungen dafür, dass der Landkreis Bad Rothenfelde nach dem ersten Zuschuss von zwei Millionen Euro mit einer weiteren halben Million Euro für das Carpesol unter die Arme greift. Die Prognose ist positiv ausgefallen. Zur nichtöffentlichen Vorstellung des Werks im Rat war auch der Leiter der Kommunalaufsicht des Kreises, Hans-Jörg Haferkamp, in den Kurort gekommen. Beide Teile des Gutachtens, Wirtschaftsprüfung und Analyse, wandern jetzt in den Kreisausschuss.

Der Start

Wie beurteilen die Berater die Startphase der Therme? Schwierig. Die Eröffnung im Hochsommer, Managementfehler und ein falsches Marketing hätten gleich zu Beginn Verluste und Liquiditätsprobleme aufgebaut.

Die aktuelle Situation

Die Carpesol-GmbH hat 2015 drei Sommermonate lang keine Pacht gezahlt. Die Gemeinde stellte die insgesamt knapp 100000 Euro bisher auch nicht fällig. Dazu heißt es: „Die Zahlungsfähigkeit ist überwiegend der Fall.“ Von 270000 Besuchern, die der Betrieb braucht, sind nach Angaben de Witts gut 200000 erreicht. Die Entwicklung ist positiv. Muss sie auch, startete sie doch im Juli 2013 naturgemäß bei Null. Im Vergleich zum Eröffnungsjahr stiegen die Besucherzahlen 2014 um 30 Prozent, der Umsatz um 28 Prozent, von 2014 zu 2015 ist der Anstieg ähnlich.

Die Prokopfumsätze lägen bei gut 15 Euro, drei Euro über dem Branchenschnitt, so de Witt. Rehkämper: „Es wurden anfängliche Fehler ausgemerzt. Die Gutachter sagen uns: Das Konzept ist gut, behaltet es bei.“ Das beweise auch die Zufriedenheit der Gäste. Die meisten Besucher sind Rothenfelder, ihnen folgen Osnabrücker und Landkreisbewohner, Münsteraner (fünf Prozent), Bielefelder, Warendorfer und Gütersloher. „Mit Fertigstellung der A 33 erwarten wir einen weiteren Schwung Gäste“, erklärt de Witt. Weil sie die laufenden Kosten kaum erhöhen, würde das Plus voll aufs Ergebnis durchschlagen.

Die Stellschrauben

Wo können Kosten gesenkt werden? Gespart werden müsse bei der Anzahl der Carpesol-Mitarbeiter, meinen Rödl & Partner.

Schon länger hätten Politik und Gemeinde das Carpesol auch aufgefordert, die hochwertige, aber kostspielige Gastronomie in eine weniger kostspielige umzuwandeln, erzählt Beckwermert. Ein erster Schritt war der Wechsel des Küchenchefs und seines Teams. „Rödl & Partner raten, an dieser Stellschraube weiter zu drehen.“ Das bedeute, nicht beim Wareneinsatz, aber bei der Zubereitung zu sparen.

Die erzielten Verbesserungen seien noch nicht befriedigend, so Schomborg. Zu einem radikalen Einschnitt rieten die Unternehmensberater aber nicht. Mit der Gastronomie einer Therme Geld zu verdienen, sei ohnehin unmöglich, sagt Franz-Josef Albers.

Möglicherweise versucht die Gemeinde, die Gastronomie aus der Carpesol-Gesellschaft auszugliedern.

Die Prognose

Für das kommende Jahr lässt der Wirtschaftsplan einen leichten Überschuss erwarten, der zum Abbau von Verlusten genutzt werden soll.

Die Geschäftsführung

Die Gesellschafter, speziell Mehrheitsgesellschafter und Geschäftsführer de Witt, wollen sich verändern. „Dann machen wir es selbst“, sagt Rehkämper. „Die Aufbauphase ist vorbei, der Regelbetrieb läuft. Dafür würde ein Badleiter ausreichen“, meint auch Albers, „so hätten wir die Kontrolle“, sagt Schomborg, „und die Verlässlichkeit einer Gemeinde“, ergänzt Beckwermert. Sollte die Gemeinde den Betrieb übernehmen, würde sie eine Tochtergesellschaft gründen und die Anteile von de Witt und Jürgen Kannewischer übernehmen. Das empfiehlt Rödl & Partner. Ihr Credo: „Gemeinden können Bäder ebenso gut führen wie Private.“

Das Verhältnis zwischen Gemeinde und Carpesol-Betreibern

„Wir haben uns mit harten Bandagen auseinandergesetzt“, sagt der Bürgermeister dazu. „Und das PPP-Modell wenig gelebt“, kritisiert Albers die Carpesol-Betreiber. „Das ist ein Problem.“ Ein Beispiel nennt Rehkämper, bevor de Witt zum Gespräch hinzukommt: „ Nachdem Herr de Witt aus seinem Privatvermögen Geld in das Unternehmen gesteckt hatte , schickte er uns eine Investitionsliste mit diversen Wunschpositionen ins Rathaus.“ Mit dem Inhalt sei die Gemeinde nicht einverstanden gewesen. „ Wir hätten lieber noch etwas in die Barrierefreiheit investiert.

Im Kern gehe es jetzt um die Frage, wie die Kosten des verunglückten Starts, also die Anfangsverluste bewältigt werden können. De Witt: „Da sind wir unterschiedlicher Meinung.“ Er habe sein Vertrauen in den öffentlichen Partner Gemeinde verloren: „Deshalb möchte ich aus dem Betrieb aussteigen“, und sich in Zukunft mit den Themen Gesundheitsprävention und Ursachenmedizin beschäftigen. Dafür plant er am Zwischenahner Meer ein Gesundheitszentrum und elf Eigentumswohnungen.

Den Vertrauensverlust beklagt auch Rehkämper. „Wir haben uns bewegt und viel Überzeugungsarbeit bei der Kommunalaufsicht geleistet, beispielsweise als es um die baulichen Mehrkosten ging.“

De Witt erklärt die Aufbauarbeit für erledigt. Marketing, Personal, Technik liefen. Er blicke voller Freude auf die vergangenen Jahre, „die wertvollste Zeit meines Lebens“. Er sei nach dem Ausscheiden seines Mitgesellschafters, des ersten Geschäftsführers Ludger Stork, „ohne Risikoprüfung“ ins kalte Wasser gesprungen, habe Probleme bewältigt und Blessuren erlitten.

Der Knackpunkt: Die Pachthöhe

Ihm sei schnell klar geworden, dass der Betrieb so keine Chance habe. Sein Antrag auf eine „Besserstellung des Carpesol“, sprich eine Senkung der Pacht, sei jedoch gescheitert. Denn: Die Gemeinde muss aus den Pachteinnahmen einen Teil von jährlich 700000 Euro Zins und Tilgung für ihr 9,5 Millionen-Darlehen decken. Dass die Pacht höher als der Marktschnitt ist, erkennt Rehkämper an. „Wir wussten, dass das ein Kraftakt sein würde.“ Thermen-Experte Kannewischer spreche von einer möglichen Kapitaldienstabdeckung von 30 bis 70 Prozent durch die Pacht. Für Rothenfelde würden 30 Prozent eine Pacht von 210000 Euro bedeuten, 70 Prozent entsprächen 490000 Euro. Rehkämper: „Da liegen wir mit dem jährlichen Schnitt von 400000 Euro über 25 Jahre an der oberen Grenze.“

Zwar sei diese Pacht wohl ab 2016 zu erwirtschaften, meint de Witt, es bliebe aber nichts für die Deckung der Anfangsverluste und Reparaturrücklagen übrig. „Das Pachtmodell kann so nicht funktionieren.“ Dass er es genau so unterschrieben hat? Schon, ja. Aber in der Angebotsfindungsphase sei Stork Hauptakteur gewesen. „Ich habe das mit meinem damaligen Wissensstand nicht erkennen können.“

Wie kommt man auseinander?

Rehkämper stellt sich vor, dass die Gemeinde die Anteile der Carpesol GmbH und Co. KG für einen symbolischen Euro übernimmt. De Witt will eine „faire Lösung“, die auch eine „Anerkennung „für sein Engagement und die geleistete Aufbauarbeit“ widerspiegeln solle. Da gehe es nicht ums Geld. Aber: Er wolle auch nicht mit einem Verlust aus der Firma gehen. Ein Angebot hat er gemacht. Auch das, als Berater und Architekt weiter für das Carpesol tätig zu sein.

„Wir müssen verhandeln“, sagt Schomborg. Beckwermert ergänzt: „Herr de Witt wird eine maßvolle Forderung stellen müssen, auch im eigenen Interesse.“ Im Übrigen habe die Gemeinde in den letzten Jahren dazugelernt.

Fazit

„Die Gemeinde kann die Therme stemmen“, sagt Klaus Rehkämper. Jetzt entscheidet der Rat, wie es weitergeht.