Der ganz alltägliche Wahnsinn Kabarett mit Arnulf Rating in Bad Rothenfelde


Bad Rothenfelde. Ob Politik oder Presse, Griechenland oder Sachsen – vor Arnulf Ratings spitzer Zunge ist niemand sicher. In seinem neuen Programm „Rating akut“ griff der Kabarettist im Bad Rothenfelder Haus des Gastes aktuelle politische Themen auf, wofür er gleich in mehrere Rollen schlüpfte.

Dass Arnulf Ratings Programm nicht nur „akut“ heißt, sondern tatsächlich hochaktuell ist, zeigte sich bereits am Anfang: Als Krankenschwester Hedwig stapft der Kabarettist auf die Bühne und verkündet, dass das Haus des Gastes zur Flüchtlingsunterkunft wird. 400 Feldbetten werden sofort nach Ende des Programms im Saal aufgebaut. Irgendwo müssen die Flüchtlinge ja untergebracht werden: „Die gehen nicht alle von allein im Mittelmeer unter“, ruft Hedwig. Sachsen sei keine Option, „da kommen die ja von einem Kriegsgebiet ins nächste“, so Rating. Kirchen sind da schon was anderes. Die würden ja eh fast nur noch von Touristen aus China besucht, da kann man schon mal ein paar Flüchtlinge unterbringen. Noch ein paar Wohncontainer drumherum und das Ganze hat schon fast etwas von Weihnachtsmarkt.

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Schlagzeilen seziert

Diese kleine Einlage war jedoch nur der Anfang von Ratings Ritt durch das Tagesgeschehen. Kaum, dass er die Schwesternuniform abgelegt hat, nimmt der 64-Jährige einen Stapel Zeitungen hervor und seziert die Schlagzeilen der letzten Tagen, Wochen und Monate – sei es die Buchmesse, das „Oktoberfest der Intellektuellen“, oder der Berliner „Fluchhafen“ oder der angebliche Niedergang von Osnabrück: „Karmann ist ja jetzt auch VW.“ Und dann ist da natürlich noch der Konflikt mit Russland: „Endlich haben wir wieder einen richtigen Feind. Der Russe ist schon was anderes als die arabischen Wickelhauben, den kennen wir, der hat schon immer vor der Tür gestanden.“

„Rudeljournalismus“

Ein Griff zur Perücke und plötzlich wird aus Rating Karl-Heinz, ehemaliger Enthüllungsjournalist, dessen Texte seinen Vorgesetzten jedoch nicht gepasst haben und der deshalb für den Gartenteil der Wochenendausgabe abgestellt wurde. Journalismus heute sei ja nur noch „Anzeigenumfeldgestaltung“, klagt Karl-Heinz alias Rating. Von „Lügenpresse“ mag er trotzdem nicht reden, eher von „Rudeljournalismus“. Besonders kritisiert er jedoch den eingebetteten Journalismus: „Da kann man schief liegen und liegt trotzdem weich.“

Rentner und Finanzmakler

Daneben spielt Rating auch noch den Rentner Kalkowski, der jetzt für 450 Euro Feldbetten aufbaut, und Guido Greuel, ein Finanzmakler, der es kaum erwarten kann, aus der Flüchtlingsunterkunft ein attraktives „City-Wohnhaus“ zu machen. Überhaupt seien die Flüchtlinge doch der perfekte Anlass, den Mindestlohn auszuhebeln: „Das schafft Jobs – und für manche auch mal zwei oder drei.“

Nicht immer zum Lachen

„Nettes Kabarett“, so Rating als Schwester Hedwig, mache er nicht. Zwar fällt der eine oder andere Kalauer („Pofalla ist auch auf Schienen neben der Spur“), aber gerade im letzten Teil ist das Programm oft überhaupt nicht zum Lachen. Insbesondere wenn Rating seiner Empörung freien Lauf lässt und den Drohnenkrieg und die Aushebelung von Menschenrechten im Namen des „Kriegs gegen den Terror“ anprangert, wird es still im Saal. „Was machen wir eigentlich“, fragt Rating immer wieder. Sein Lösungsvorschlag: „Wir brauchen ein paar wirklich Verrückte, wir sehen ja, wohin uns die Normalen gebracht haben.“

Publikum begeistert

„Rating akut“ tut weh – auf eine gute Weise, denn der Kabarettist legt den Finger in die Wunde. Schonungslos rechnet er mit der Politik, den Medien, dem Kapitalismus, aber auch dem Bürger ab, der „alles schluckt“. Das Publikum war von Ratings Rundumschlag sichtlich begeistert und honorierte den Auftritt nicht nur mit Lachanfällen und Applaus, sondern ebenso oft mit einem zustimmenden Nicken.


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