Rauchende Katzen Wladimir Kaminer liest im Kurhaus Bad Rothenfelde

Seine Bücher begreift Wladimir Kaminer bei der Lesung in Bad Rothenfelde nur als losen roten Faden. Foto: Egmont SeilerSeine Bücher begreift Wladimir Kaminer bei der Lesung in Bad Rothenfelde nur als losen roten Faden. Foto: Egmont Seiler

mka Bad Rothenfelde. Wladimir Kaminer braucht nicht viel, um sein Publikum zu begeistern. Gelassen steht er hinter dem Mikrofon auf der Bühne im Kurhaus Bad Rothenfelde, nippt ab und an mal an seinem Glas Wasser und widmet sich ansonsten voll und ganz den Zuschauern und seinen Geschichten. Den Sessel auf der Bühne rührt er nicht einmal an.

Die Lesung des deutschen Schriftstellers gleicht einer Stand-up-Comedy: Mit Charme, Spontaneität und Witz überzeugt der Autor russischer Herkunft sein Publikum und lässt es mit humorvollen Erzählungen aus dem Alltag in sein Leben eintauchen.

Kaminer , bekannt geworden durch sein Erstlingswerk Russendisko , schreibt und erzählt von allem, was er „so vor Augen habe“, wie er selbst sagt. Die Pubertät seiner Kinder ist für ihn da natürlich ein gefundenes Fressen – und beim Publikum ein außerordentlich beliebtes Thema. Doch Kaminer geht an die Sache ganz entspannt heran. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, lautet sein Erziehungsmotto. Wenn dann allerdings die Katzen, wie es die Kinder berichten, die 50 Kilo schwere Topfpflanze durch die Wohnung rollen, den Cognac-Vorrat plündern und seine Zigarren aufrauchen, kommen auch bei dem sonst so gelassenen Familienvater Zweifel auf.

Mal liest der Schriftsteller aus seinem aktuellen Buch „Coole Eltern leben länger“ , mal einfach aus einer Ansammlung zusammengetackerter Zettel. Immer wieder schweift er von seinen Erzählungen ab, schmückt sie mit aktuellen Anekdoten aus und bietet den Zuschauern statt eines durchgeplanten Programms einfach das, worauf er gerade Lust hat. Wie die Geschichte über seinen 15-jährigen Sohn, der mit seiner Suche nach der großen Liebe die Telefonrechnung der ganzen Familie auf die Spitze treibt. Kaminer: „Früher fragten wir nach der Religion, heute nach dem Telefonanbieter.“ Doch auch der Wechsel zu Vodafone nützte am Ende nichts. Denn plötzlich stand E-Plus ganz oben auf der Rechnung. „Die Liebe hatte den Anbieter gewechselt“, resignierte der Familienvater.

Ab und an müssen auch seine Nachbarn, „die Schwaben“, dran glauben. „Sie sind die disziplinierende Wurzel unseres Hauses“, betont Kaminer. Sie wissen über alles und jeden Bescheid, schauen ungeniert in fremde Einkaufstüten und helfen sogar dann noch aus, wenn unerwartet „hungrige, durstige, laute und freche Freunde aus St. Petersburg“ bei den Kaminers auf der Matte stehen. Mitten in der Nacht klopfte die Nachbarin also mit Kuchen an der Haustür und bemerkte: „Kann es sein, dass Sie auf den Besuch nicht vorbereitet waren? Wir haben gesehen, Sie waren doch das letzte Mal vor drei Tagen einkaufen…“ Zufrieden waren die unerwarteten Besucher aber auch nach dem Kuchen noch nicht. „Stattdessen fragten sie mich, ob ich nicht nach Wodka hätte fragen können“, berichtete der Berliner verschmitzt.

Mehr als zwei Stunden gelingt es Wladimir Kaminer, seine Erzählungen mit spontanen Einschüben, bewussten Pointierungen und gekonnten Stimmwechseln lebendig werden zu lassen. „Seine Geschichten, seine Art des Vortrags – Kaminer schafft es immer, dass ich mindestens einmal während seiner Lesung zu Tränen gerührt bin“, resümiert am Ende auch ein weiblicher Fan aus Georgsmarienhütte und spricht damit wohl vielen der knapp 300 Gästen aus der Seele.