Preiskampf im Internet Bad Rothenfelder Musikgeschäft schließt Laden

Von Frank Muscheid

Meine Nachrichten

Um das Thema Bad Rothenfelde Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Geigen aus dem Geschäft wird es in Bad Rothenfelde demnächst nicht mehr geben. Foto Frank MuscheidGeigen aus dem Geschäft wird es in Bad Rothenfelde demnächst nicht mehr geben. Foto Frank Muscheid

Bad Rothenfelde. So hatte sich Gudrun Bauer, die seit 15 Jahren einen Musikalienhandel im Heilbad betreibt, das nicht vorgestellt: Auf die Beratung im Fachgeschäft wollen viele Kunden nicht verzichten – um anschließend online bei großen Händlern zu kaufen.

„Kunden kaufen die Saiten für Geige oder Gitarre im Internet, stehen dann aber auf dem Schlauch und fragen: Können Sie die aufziehen?“ ärgert sich die Kauffrau. Sie macht damit die Erfahrung vieler Branchen, in denen der globale Internethandel dem kleinen Fachhändler vor Ort das Wasser abgräbt. Grund dafür seien die Preisnachlässe im Internet. „Seit vergangenem Herbst ist das besonders deutlich geworden“, erzählt sie. Ein Kunde habe drei Stunden lang Gitarren ausprobiert - „und ist dann nie mehr wiedergekommen.“

„Der Einkaufspreis ist für alle Händler zunächst gleich, es ist aber ein Unterschied, ob ich nur fünf oder 100 Trompeten auf einen Schlag kaufe wie manche große Firmen. Die bekommen dann Mengenrabatt. Der empfohlene Verkaufspreis der Hersteller ist 1,7 bis 1,8 Mal der Einkaufspreis, da gehen aber schon mal 19 Prozent Mehrwertsteuer ab, und wenn man dann noch bis zu 30 Prozent nachlässt wie einige Großhändler über das Internet, ist die Gewinnspanne weg.“ Auch, wenn einige einen Notenständer draufpacken, sei das „im Prinzip ein Preisnachlass auf anderem Weg“. Hinzu komme, dass Hersteller ihre Instrumente inzwischen sogar über Discounter verkaufen - „sich also nicht mehr an den Fachhandel richten“. Für Gudrun Bauer ist jedenfalls klar: „Es gibt im Internet keine Zusatzkosten, aber auch keine Beratung. Und es kommt vor, dass die Kunden im Internet im Voraus bezahlen, dann aber nicht beliefert werden.“ Auch bei Reklamationen gebe es aus ihrer Sicht dort manchmal Probleme. Kleinere Instrumente wie billige Blockflöten würden noch eher im Laden gekauft, sagt sie, in Bad Rothenfelde gern auch von Kurgästen, die ein Mitbringsel für ihre Enkel suchen - die teuren Instrumente wie Geigen oder Blechblasinstrumente aber, die einen wichtigen Teil des Umsatzes ausmachten, gingen immer seltener über die Ladentheke. In der Branche sei nur der Handel mit Flügeln und Klavieren wegen der hohen Transportkosten noch ein lohnendes Geschäft vor Ort.

Holger Knemeyer, Augenoptiker aus Bad Laer, holt gerade seine Gitarre ab. Er hat den zerkratzten Lack restaurieren und neue Saiten aufziehen lassen. Er kennt das Problem selbst. „Viele bieten Kontaktlinsen im Internet an. Die Erstanpassung soll aber der Augenoptiker vor Ort machen – das ist sehr zeitaufwendig und sehr teuer. Wie soll man die teuren Geräte finanzieren?“ Von der Anpassung allein, die Fachkenntnis erfordere, könne ein Augenoptiker nicht leben. Manche Internethändler empfehlen den Gang zum Optiker sogar. „Das ist sehr kurzfristig gedacht.“

„Ohne die Instrumente gespielt zu haben, geht es nicht“. Hier liege der Vorteil der Beratung im Fachgeschäft, so Gudrun Bauer. Jedes Instrument habe seinen eigenen Klang, seine eigene Ansprache. Ein Kind merke sofort, wenn ein Instrument zu ihm passe. Billigstgeigen aus Fernost mit Etui und Bogen für 50 Euro, „so etwas haben wir nicht.“ Preisgünstige Geigen von deutschen Lieferanten werden aber auf ausdrücklichen Kundenwunsch bestellt - und für einen Aufpreis aufgerüstet. „Die haben dann gleich einen anderen Klang.“

„Der Beruf des Verkäufers wird unattraktiv“, sagt Anja Baier, die seit 13 Jahren die Kunden in dem Musikalienhandel berät. „Es gibt irgendwann nur noch die großen Händler, die kleinen, individuellen Läden aber nicht mehr. Je mehr Fachgeschäfte weggehen, umso ärmer werden die Innenstädte“, ist sie sich mit der Inhaberin einig. Manche Kunden müssten dann weitere Strecken in Kauf nehmen. Anja Baier muss sich bereits nach einer anderen Stelle umsehen. Denn in drei Monaten hat auch Gudrun Bauer nur noch eine Geschäftsadresse im Internet. „Ich beabsichtige, das Ladenlokal, nicht das Geschäft, aufzugeben“, betont sie, „ich führe den Musikalienhandel als Geschäft auf Anfrage weiter, spezialisiert auf Streichinstrumente, deren Zubehör sowie das Besaiten von Gitarren.“ Das Schaufenster mit den so ansehnlich nach Größe geordneten Geigen ist ab Januar Geschichte.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN