Von Pippi Langstrumpf bis Klara Blum Eva Mattes singt, liest und spricht über ihr Schauspielerleben

Duo mit Geschichte: Sprecherin, Sängerin und Schauspielerin Eva Mattes (rechts) mit Regisseurin, Hochschuldozentin, Dirigentin und Pianistin Irmgard Schleier im Bad Rothenfelder Haus des Gastes. Foto: Elvira PartonDuo mit Geschichte: Sprecherin, Sängerin und Schauspielerin Eva Mattes (rechts) mit Regisseurin, Hochschuldozentin, Dirigentin und Pianistin Irmgard Schleier im Bad Rothenfelder Haus des Gastes. Foto: Elvira Parton

Bad Rothenfelde. Unter dem Motto "Mein persönlichstes Programm" nahm Eva Mattes die Zuhörer im Bad Rothenfelder Haus des Gastes mit auf eine Zeitreise durch ihr bewegtes Schauspielerleben - mit Anekdoten, Liedern und gelesenen Passagen aus ihrer Autobiografie und begleitet von Irmgard Schleier am Klavier.

Schon als Kind wusste sie, dass sie geboren ist, um Schauspielerin zu werden, als junge Evi fand sie sich am Filmset plötzlich in der Badewanne ihres Idols Senta Berger wieder und in den frühen Achtzigerjahren versuchte sie vergeblich, Marlene Dietrich zu einem Comeback für die Friedensbewegung zu überreden. Es sind Anekdoten wie diese, die das Publikum aufhorchen ließen im gut besuchten Haus des Gastes, wo Eva Mattes gemeinsam mit ihrer langjährigen Lebenswegpartnerin Irmgard Schleier, die sie am Piano begleitete, einen bunten biografisch-musikalischen Abend gestaltete. 

Geborene Schauspielerin

Im Alter von 14 Jahren war Mattes die deutsche Synchronstimme von Pippi Langstrumpf und hat auch ihr berühmtes Lied eingesungen. Ausnahmsweise, denn in dieser Zeit habe sie vor allem Jungs im Stimmbruch synchronisiert, darunter etwa Timmy aus der Fernsehserie „Lassie“, verriet die heute 64-Jährige all jenen, die es noch nicht wussten. Der Grundstein, der sie dann in den Siebzigerjahren zu einer der bekanntesten und unerschrockensten Darstellerinnen des sogenannten Neuen Deutschen Films machte, wurde in Michael Verhoevens Anti-Kriegs-Film „o.k.“ gelegt, in dem sie ein vietnamesisches Mädchen spielte, das vergewaltigt wird. Der Film wurde zum handfesten Berlinale-Skandal und Mattes in der Presse als „keine Schönheit, aber ein schauspielerisches Urviech“ gebrandmarkt, was ihr wohl gar nicht so unrecht war, denn ein „Star der Klatschpresse“ habe sie nie sein wollen. So folgten Kooperationen mit Filmemachern wie Werner Herzog, Margarethe von Trotta oder Rainer Werner Fassbinder, den sie 1984 in „EVA“ selbst spielen sollte. 

Gestenreich: Eva Mattes im Haus des Gastes. Foto: Elvira Parton

Erinnerungen an Exzesse

Auch im Theater konnte sich Mattes einen Namen machen. Bereits mit 17 Jahren zog es sie nach Hamburg, wo sie zwei Jahre später Regisseur Peter Zadek kennenlernte, mit dem sie fortan 30 Jahre lang zusammengearbeitet hat. Aus ihrer Premiere in Henrik Ibsens „Wildente“ stammt das Zitat „Wir können nicht alle Berta sein“, das der Autobiografie ihren Titel verleiht, aus der Mattes im Haus des Gastes las. In der wiederum skandalumwitterten Folgeproduktion „Othello“ verwandelte sie sich, zunächst eingeschüchtert, in eine italienisch temperamentvolle Desdemona. Von exzessiven Künstlerpartys in der Hamburger Wohngemeinschaft wusste Mattes zu berichten, aber auch von Liederabenden und „neuen Aufführungsformen“, die sie gemeinsam mit Schleier erprobte. 

Lieder mitgebracht

Als Hommage an diese gemeinsame wilde Zeit in Hamburg sang Mattes barfuß und mit einem roten Tuch spielend Hans-Albers-Klassiker, aber auch etwa den „Emigrantenchoral“ von Walter Mehring, den sie als „altes Lied für eine neue Zeit“ einführte. Das galt auch für Wolf Biermanns noch im geteilten Deutschland geschriebene „Und als wir ans Ufer kamen“, das Mattes einige Oktaven höher intonierte als zuvor „Lili Marleen“. Gegen Wettrüsten und Kalten Krieg engagierte sich das Duo in den Achtzigerjahren in der von Udo Lindenberg über André Heller bis hin zu Harry Belafonte prominent besetzten Initiative „Künstler für den Frieden“. Ihre Projekte führte Mattes und Schleier bis nach Italien, von wo sie das toskanische Lied „Amara Terra Mia“ mitbrachten, das Mattes in einen schwindelerregend wütenden Sprechgesang münden ließ. 

Persönliche Geschichten: Eva Mattes in Bad Rothenfelde. Foto: Elvira Parton

Tatort mit Bedenken

Nach der Wiedervereinigung zog sie mit ihren Kindern Hanna und Josef nach Berlin, wo Zadeks „Blauer Engel“ mit Ute Lemper in der Hauptrolle der Lola ein „Desaster“ wurde, wie Mattes sich erinnerte. Aus der Filmvorlage von 1930 sang sie Marlene Dietrichs „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und als Zugabe ein zweisprachiges „La Vie En Rose“. Nicht ohne zuvor noch kurz auf die Rolle einzugehen, die Mattes nach der Jahrtausendwende 15 Jahre lang spielte. Dabei habe sie zunächst Bedenken gehabt, dass die bei der Kripo Konstanz ermittelnde Tatort-Fernsehkommissarin Klara Blum eine „Gefahr“ für ihr „Anti-Mainstream-Image“ sein könnte. Umso schneller habe sie sich dann aber in jener Rolle „wohlgefühlt“, aus der sie die wenigen Jüngeren im Publikum wohl vornehmlich kannten.


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