Schneekatastrophe vor 40 Jahren Als ein Osnabrücker auf dem Weg nach Halle im Schienenbus eingeschneit war

Von Dominik Lapp

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Katastrophenwinter: Vor 40 Jahren, am 13. Februar 1979, war Michael Bühn auf der Bahnstrecke zwischen Osnabrück und Halle für mehrere Stunden in einem Schienenbus eingeschneit. Auf dem iPad schaut er sich Bilder an von Zügen, die seinerzeit aus den Schneemassen befreit werden mussten. Foto: Dominik LappKatastrophenwinter: Vor 40 Jahren, am 13. Februar 1979, war Michael Bühn auf der Bahnstrecke zwischen Osnabrück und Halle für mehrere Stunden in einem Schienenbus eingeschneit. Auf dem iPad schaut er sich Bilder an von Zügen, die seinerzeit aus den Schneemassen befreit werden mussten. Foto: Dominik Lapp

Georgsmarienhütte/Bad Rothenfelde. Vor 40 Jahren hatte die norddeutsche Schneekatastrophe auch die Region Osnabrück fest im Griff. Michael Bühn aus Lüstringen erlebte damals hilflose Stunden, als er in einem Schienenbus zwischen Osnabrück und Halle eingeschneit war und auf Hilfe wartete.

Eigentlich hatte er seit Jahren nicht mehr daran gedacht, was sich damals, am 13. Februar 1979 ereignete. „Aber weil die Schneekatastrophe aufgrund des 40. Jahrestags momentan wieder sehr präsent in den Medien ist und ich einen Zeitungsbericht darüber las, war die Erinnerung plötzlich wieder da“, erzählt der 65-Jährige. Der gebürtig aus Halle stammende Michael Bühn war damals 26 Jahre alt und arbeitete im Vertrieb für Industrienähmaschinen bei den Dürkopp-Werken im Schinkel. „Gewohnt habe ich damals aber noch in Künsebeck und bin jeden Tag den Weg von dort nach Osnabrück in meinem mintgrünen VW Käfer angetreten“, so der Handelsvertreter.

Gewaltige Schneemassen

Er erinnert sich noch gut daran, wie ihn seine Mutter damals bat, das Auto stehen zu lassen und mit dem Zug zu fahren. „Im Radio wurde schon morgens vor heftigen Schneefällen gewarnt“, weiß er noch. Also löste er ein Ticket und fuhr auf der Schiene von Künsebeck nach Osnabrück. „Auf der Arbeit hörte ich im Radio, dass gewaltige Schneemassen zu erwarten seien.“ Bühn ging zu seinem Vorgesetzten und bat darum, eine Stunde eher Feierabend machen zu dürfen. Am Osnabrücker Bahnhof dann die große Enttäuschung: „Ich wollte den früheren Zug nehmen, aber der wurde gar nicht eingesetzt.“

„Es war so kalt, dass in Hankenberge die Weichen eingefroren waren.“Michael Bühn, Zeitzeuge der Schneekatastrophe

„Es war nach 17 Uhr, als der Schienenbus endlich kam.“ Der erste Zwischenhalt war in Hankenberge, wo einige Passagiere ausstiegen. „Es war so kalt, dass in Hankenberge die Weichen eingefroren waren“, berichtet er. „Damals mussten die Weichen noch per Hand bedient werden. Aber da war ein riesiger Eisklotz dran.“ Ein Bahnmitarbeiter kam mit einem Bunsenbrenner, um das Eis zu schmelzen. Die Weiche konnte umgelegt und die Fahrt fortgesetzt werden. „Das war noch ganz spannend und ich dachte mir nichts Böses.“

Plötzlich geht nichts mehr

Die Schneeverwehungen auf den Gleisen müssen laut seiner Erinnerung heftig gewesen sein. „Das hat wie verrückt geruckelt, wenn wir da durchgefahren sind.“ Insgesamt waren nur noch wenige Leute im Waggon. „Inklusive des Triebwagenführers vielleicht sechs oder sieben Männer, aber keine Frauen oder Kinder.“ Die ersten Schneeverwehungen hat der Schienenbus noch gepackt. Bei einer sehr großen Schneeverwehung gab es jedoch einen großen Ruck und die Bahn blieb stecken. „Der Triebwagenführer kam zu uns und sagte, dass wir nicht weiterkommen, er aber nach Osnabrück funken würde, damit man uns rausholt“, weiß Michael Bühn noch genau. Draußen setzte gerade die Abenddämmerung ein.

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Den Fahrgästen wurde mitgeteilt, dass eine Lokomotive mit Schneepflug aus Bielefeld geschickt würde, um die Schienen frei zu räumen. „Es schneite mittlerweile immer heftiger und von dem Berg, der sich links neben uns befand, blies der Wind immer mehr Schnee an den Schienenbus.“ Der Schnee türmte sich immer weiter auf und aus Bielefeld kam die Information, dass die Lok mit dem Schneepflug nicht durchkäme. Bühn erinnert sich, wie er das Fenster öffnete und der Schnee inzwischen so hoch war, dass er mühelos Schneebälle formen konnte. „Wir fanden das zu dem Zeitpunkt alle noch ganz witzig.“ Er weiß aber auch noch, dass die Männer sich nicht viel unterhielten an dem Abend. „Jeder war mit sich selbst beschäftigt, las ein Buch oder Zeitung.“

„Das Licht ging aus und es wurde immer kälter. Das war der Zeitpunkt, wo wir das alle nicht mehr ganz so witzig fanden. Ich machte mir Sorgen.“Michael Bühn, vor 40 Jahren eingeschneit im Schienenbus

Draußen wurde immer mehr Schnee an den Schienenbus geweht. „Nachdem wir etwa anderthalb Stunden festsaßen, sagte uns der Triebwagenführer, dass wir nur noch auf Notbatterie liefen und er jetzt Strom sparen müsse.“ Draußen war es mittlerweile stockdunkel und die Fahrgäste blickten nur noch auf eine schwarze Wand. „Das Licht ging aus und es wurde immer kälter. Das war der Zeitpunkt, wo wir das alle nicht mehr ganz so witzig fanden. Ich machte mir Sorgen.“ Die Fahrgäste sollten aber auf keinen Fall den Wagen verlassen. „Die Gefahr, sich im Schnee zu verirren und umzukommen, war zu groß.“ 

Im Rückwärtsgang zum Bahnhof

Es muss nach 23 Uhr gewesen sein, als sich aus Osnabrück eine Lok von hinten näherte. „Die kam aber gar nicht ganz bis zu uns vor“, erzählt Michael Bühn. Weil der Lokführer befürchtete, sich ebenfalls festzufahren, hielt er etwa 100 Meter hinter dem Schienenbus. „Er kämpfte sich mit einer Schaufel am Bahndamm entlang zum Schienenbus vor und holte uns raus.“ Aufgrund seiner Körpergröße kam der 1,89 Meter große Handballspieler Bühn relativ gut durch den Schnee. „Den kleineren Mitreisenden half ich natürlich.“ An der rettenden Lok angekommen, musste alle ins Führerhaus klettern. „Das war gar nicht so einfach, weil die Leiter total vereist war.“ Doch alle schafften es. Dicht gedrängt, ging es in der Lok im Rückwärtsgang zum Bahnhof von Bad Rothenfelde zurück.

Überall im Osnabrücker Land waren Autos eingeschneit. Foto: NOZ-Archiv

Nach einer Tortur von über sieben Stunden war Michael Bühn in der Bahnhofshalle gelandet, als ihm einfiel: „Meine Eltern mussten sich große Sorgen gemacht haben.“ Also suchte er ein gelbes Telefonhäuschen auf. „Damals gab es ja noch keine Handys, ich war stundenlang von der Außenwelt abgeschnitten.“ Nach dem Telefonat mit seiner Mutter machte er sich auf die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. „Mit nur noch wenig Bargeld in der Tasche, landete ich bei einer Pension in der Osnabrücker Straße. Meine Rechnung konnte ich zum Glück mit einem Scheck begleichen.“ 

Kein Geld mehr für ein Ticket

Am nächsten Morgen war die Bahnstrecke wieder frei und Michael Bühn konnte den Heimweg nach Künsebeck antreten. „Vorher rief ich aber auf der Arbeit an und schilderte, was passiert war“, erinnert er sich. „Mein Chef gab mir den Tag frei.“ Seine letzten Münzen im Portemonnaie reichten nicht mehr für ein neues Zugticket. „Ich hatte nur noch mein Ticket vom Vortag und stieg damit in den Zug.“ Der Schaffner ließ nicht lange auf sich warten. „Nachdem ich ihm erzählte, was ich erlebt hatte, durfte ich aber weiterfahren und habe keine Anzeigen bekommen“, lacht Bühn.


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