Heute erklingt hier bei gutem Wetter jeden Tag Kurmusik und im Winter bietet die Muschel im Konzertgarten eine schöne Kulisse für den Weihnachtsmarkt. Was so ruhig und idyllisch daliegt, war vor etwa 300 Jahren ein äußerst unruhiger Ort. Explosionen donnerten über die Felder – Bergleute sprengten den Grundstein für das heutige Bad Rothenfelde in das rot braune Gestein im Boden.

Auf einen lauten Knall folgt ein monotones Summen. Per Knopfdruck startet Gradierwerker Thomas Wilker die alte Pumpe in der ersten Bad Rothenfelder Solequelle von 1724. Gemächlich setzen sich die Kolben in Bewegung und wirbeln das Wasser auf. Diese Quelle, nur wenige Treppenstufen unter dem Konzertgarten ist der Grundstein für das Bad Rothenfelde von heute. "Zu diesem Zeitpunkt existierten nur die Dörfer außerhalb des heutigen Ortskerns", erklärt der 56-Jährige. Hier wurde ab 1725 zum ersten Mal Sole gefördert – also Wasser mit etwa 3,5 bis 5,5 Prozent Salzgehalt sowie unzähligen anderen gelösten Erzen und Mineralien. 

Das macht ein Gradierwerker

Das Handwerk des Gradierwerkers ist ein sogenannter Anlernberuf, eine Ausbildung ist also nicht notwendig. Diese Aufgaben übernimmt Thomas Wilker:
  • Qualitätskontrolle des Quellwassers
  • Kontrolle der 800-900 Zapfhähne auf dem Gradierwerk auf Verstopfung
  • Wartung der Pumpen
  • Schwarzdorn-Wände erneuern

Die alte Pumpe diente von 1849 bis 1913 zur Soleförderung. Dann versiegte die Quelle. Die Sole sprudelt inzwischen aus anderen Bohrlöchern. Die Pumpe wird heute nur noch zu Vorführungszwecken eingeschaltet, wenn am Wochenende Besuchergruppen in die Geschichte des Ortes eintauchen. Ursprünglich wurden die Kolben von einer Dampfmaschine angetrieben, heute übernimmt das ein Elektromotor. Warum gerade in Bad Rothenfelde so salzhaltiges Wasser gefördert werden kann, vermag Wilker nicht zu sagen. Es sei ein Phänomen, das in weiten Teilen des Landkreises zu finden sei, sagt der Gradierwerker und fügt hinzu:

"Das Gestein im Boden rund um den Teutoburger Wald sieht aus wie marmoriertes Fleisch."

"Sobald man das Wasser zur Oberfläche pumpt, werden die im Gestein enthaltenen Salze und Mineralien gelöst und mit zur Oberfläche befördert", erklärt der Fachmann.

Wilker schaltet die Pumpe wieder aus und verlässt den von einem Denkmal umgebenen Eingang zur alten Solequelle wieder, nur um wenige Meter weiter durch eine weitere Treppe wieder im Boden zu verschwinden. Als er das Licht einschaltet tut sich ein fast mystischen Gewölbe vor ihm auf: die unterirdischen Solegänge, die seit dem Frühjahr 2018 auch für Besucher zugänglich sind. Wilker erklärt, was es mit den Gängen auf sich hat. 

Der Tunnel ist insgesamt etwa 800 bis 900 Meter lang und führt erst zum alten Gradierwerk, das 1777 errichtet wurde, und von dort aus weiter zum neuen Gradierwerk von 1822. Alte Rohre aus ausgehöhlten Fichtenholz-Baumstämmen liegen zu Demonstrationszwecken immer noch in dem Tunnel. Das sind laut Wilker immer noch die originalen Leitungen aus dem 18. Jahrhundert. Er erklärt:

"Durch das Salzwasser halten die Rohre ewig. Es können sich keine Bakterien und Pilze bilden."

Heute nutzt die Kurverwaltung die Tunnel für die Süßwasserversorgung. Moderne PVC-Rohre schlängeln sich durch die verzweigten Gänge. Die Gänge hatten jedoch auch noch eine andere Funktion. Das Fließwasser auf dem Grund des Tunnels trieb früher ein Wasserrad an. Dieses lieferte die Energie für die Pumpe, die das Wasser 14 Meter hoch auf das alte Gradierwerk beförderte. Die Pumpen des neuen Gradierwerks wurden über mehrere Windmühlen angetrieben.1864/65 wurde die Windkunst jedoch durch Dampfmaschinen ersetzt und schließlich von 1902 bis 1922 demontiert. Seit 2008 können Besucher aber wieder eine Rekonstruktion der historischen Windkunst am Kopf des neuen Gradierwerks bestaunen.

Die Gradierwerke spielen eine äußerst wichtige Rolle bei der Salzgewinnung, erklärt Wilker. Man könnte auf die Idee kommen, die Sole aus der Quelle direkt zu kochen, damit das Wasser verdunstet und das Salz zurück bleibt. Doch das kostete nicht nur sehr viel Energie, entstehen würde auch ein sehr unreines Salz, mit vielen Eisen, Gips und Kalkpartikeln. Daher wird es über die Gradierwerke geleitet. Und so funktionierte das neue Gradierwerk:

Erst nach etwa 40-50 Jahren haben sich an dem Geäst aus Schwarzdorn so viele Mineralien abgelagert, dass sie ausgetauscht werden müssen. Dann sind sie quasi versteinert. Das passiert jedoch nicht auf einen Schlag. Bei einer Länge von 412 Metern wäre das auch nicht zu leisten, informiert Gradierwerker Wilker. Etwa jeden zweiten Winter erneuert er die Wände auf einer Länge von bis zu 25 Metern. 


Fälschlicherweise nennen nicht nur Einheimische das Gradierwerk oft Saline, sagt Wilker. Dabei bezeichnet der Begriff Saline den gesamten Prozess der Salzgewinnung. Die Gradierwerke sind nur ein Schritt. Der letzte Schritt fand im Siedehaus statt, wo das Wasser mit einem Salzgehalt von 25 Prozent gekocht wurde. Es befand sich dort, wo heute die Klinik im Kurpark steht. In 8,5 mal 12 Meter und 40 Zentimeter tiefen Siedepfannen wurde das Wasser auf 150 Grad erhitzt, bis es vollständig verdampft war und das Salz übrig blieb. Im Heimatmuseum in Bad Rothenfelde kann man die alte Handwerkskunst in Miniaturform noch heute bestaunen. Museumsführerin Uta Lenz-Sporowski, weiß wie es geht:

Bei ihren Vorträgen im Heimatmuseum lässt sie alle Interessierten auch von dem Original-Salinensalz kosten. Sie selber findet:

"Im Vergleich mit normalen Speisesalz beschreibe ich es immer als viel milder aber dennoch würziger."

Dieser Geschmack stammt von den Minerialien, die dann doch nicht zu 100 Prozent herausgefiltert werden können. "Es ist eben ein Naturprodukt", sagt die Museumsführerin. Verkauft wird das Salz eigentlich nicht mehr. Nur die Gäste des Heimatmuseums oder hin und wieder Teilnehmer einer Gradierwerks-Führung können einen kleinen Beutel für zwei Euro kaufen.

 "Die Bad Rothenfelder Sole wird heute überwiegend für den Bäderbetrieb und medizinische Behandlungen in den Kliniken des Ortes eingesetzt", informiert Lenz-Sporowski.


Von der Quelle, zum Gradierwerk, zur Siedepfanne So wird in Bad Rothenfelde seit 300 Jahren Salz hergestellt

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