Split und Bad Rothenfelde: Beides ist Heimat 50 Jahre in Deutschland: „Wir waren Wirtschaftsflüchtlinge“

Von Stefanie Adomeit


Bad Rothenfelde. Nein, ein Leben zwischen zwei Welten lebt Pašco Baričevič nicht. Es ist sein Leben, und er ist eins damit. Vor 50 Jahren setzte er sich in Split in den Zug, fuhr bis Deutschland: „Ich war ein Wirtschaftsflüchtling“, sagt er. Seitdem klotzt er ran. Mit Disziplin, Herzblut und Wagemut, mit wenig Schlaf, aber immer mit dem Gefühl, dass alles gut wird. Und das wurde es.

„Mich konnte keiner stoppen. Ich wollte in die Welt hinaus“, erzählt der Mann, der mit seinem schlohweißen Schnäuzer und der eleganten weißen Mähne an Mario Adorf erinnert. Die schwarz-graue Kochjacke sitzt perfekt. Das Tischtuch streicht er glatt. Es ist halb sechs, als sich die Restauranttür öffnet: Ein Ehepaar schlendert herein. Beide in Sandalen, beide etwas älter, steuern sie zielstrebig einen Tisch am Fenster an.

Anfang 20 war Pašco Baričevič, als er nach der Ausbildung in einem Vier-Sterne-Hotel in Split keine Zukunft in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien für sich sah. „Wir wollen Arbeit“, skandierten 1968 auch protestierende Studenten in Belgrad. Baričevič war einer von 360.000 Jugoslawen, die ihr Land verließen.

In einer Tageszeitung suchte die Deutsche Speisewagengesellschaft (DSG), Tochter der Deutschen Bahn, Fachkräfte für den Service im Speisewagen und den Getränkeverkauf im Zug. Deutsch hatte Baričevič drei Jahre auf der Hotelfachschule gelernt. Er und sein Freund Josip Rukavina bewarben sich – und hielten acht Wochen später Visum und Arbeitserlaubnis in Händen – obwohl Freizügigkeit und EU noch in ferner Zukunft lagen. Die Eltern ließen sie gehen, und so ruckelten die Unzertrennlichen im Zug nach Hamburg, über Zagreb, München und Frankfurt, wo man ihnen zur Begrüßung Frankfurter Würstchen servierte. Das weiß Baričevič noch genau.

Heimathafen Altona

Ihr Anker wurde Hamburg-Altona. Dort wohnten sie in einer bescheidenen Pension, mit dem Bad auf dem Flur und vielen Nationalitäten. „Damit war die Hälfte des Lohns weg.“ Den verdienten sie sich damit, Passagiere in den Zügen von Hamburg nach München, nach Frankfurt oder Salzburg zu bedienen. „Wir hatten nie Ärger mit unseren Mitbewohnern“, sagt Baričevič, aber nach drei Monaten trotzdem genug. Die Freunde arbeiteten sich hoch und zogen nach unten, in eine Kellerwohnung.

„Irgendwann reichte es uns auch bei der DSG“, erinnert sich Pašco Baričevič. Beide kündigten mit guten Zeugnissen. Baričevič zog nach Osnabrück, das „Dalmatien“ in der Meller Straße war seine erste Station. Nach ein paar Wochen im Hotel Vennemann fand er auch hier eine eigene Wohnung.

Bis er 24 war. Dann wollte Baričevič sein eigenes Süppchen kochen: „Für die Konzession musste ich kämpfen, weil ich aus einem Nicht-EU-Land kam.“ Aber er war vom Fach – und hartnäckig. „Adria“ hieß sein erstes gepachtetes Lokal in Bramsche.

In jungen Jahren Hausbesitzer

Irgendwann landete er zufällig auf dem Bad Rothenfelder Heimatfest: Bis zum Morgen feierte man in der Fuchskuhle. Als ihm – zwei Fuchssprünge entfernt – das „Dalmatien“ angeboten wurde, überlegte er gründlich. Weil ihm Bad Rothenfelde aber so gefiel, eröffnete er 1973 sein Restaurant an der Kirchstraße. Und war, eigener Herd ist Goldes wert, schon 1974 Ehemann und Hausbesitzer „mit sehr viel Schulden“.

Seine Frau Neda lief ihm, ganz wörtlich, in Kroatien über den Weg. Pašco Baričevič‘ Gesicht leuchtet: „Ich war mit seinem Cousin und meinem späteren Schwiegervater unterwegs, kannte aber das hübsche Mädchen nicht, das da vom Strand kam.“ „Wer ist sie?“, fragte er, und organisierte in Windeseile ein Picknick für die erhoffte Liebe, die durch den Magen gehen sollte. „Tja, so läuft der Film“, kommentiert Baričevič seine Lebensliebe.

In den Pässen der vier Kinder steht Geburtsort Dissen. Drei Enkel sind waschechte Deutsche und Opas größter Stolz. „Die Drei haben mir eine Schürze geschenkt mit dem Spruch: Bei Opa schmeckt‘s am besten.“ Klar, und was besonders gut? „Alles, von Cevapčiči bis Riesengarnelen“, erzählt Pašco Baričevič, vielleicht noch ein bisschen stolzer.

Das müssen sie von Oma und Opa haben. Mittwochs, an ihrem Ruhetag, probieren sich Neda und Pašco Baričevič gerne durch die Speisekarten der Kollegen. „Man muss ja gucken, was die so machen.“

Kegelclubs strömten „zum Jugoslawen“

Seit 45 Jahren gibt es das Dalmatien. Was war früher anders? „Die Essgewohnheiten und das Leben überhaupt waren anders.“ Der Samstag war ein regulärer Arbeitstag, kam endlich der Feierabend, trafen sich Kegelclubs und Sportvereine „beim Jugoslawen“. Motto: Heute bleibt die Küche kalt.

Dafür brutzelte Pašco Baričevič bis nachts um eins in seiner Küche. Wenn die Gäste um drei nach Hause gingen, kam auch der Chef endlich zum Essen und einem Glas Wein. 15- bis 16-Stundentage fand er normal. „Das geht, wenn man diszipliniert und korrekt ist. Wir haben uns angepasst, das war aber nicht schwer. Wir sind Europäer, haben die gleiche Kultur.“Heute ist in Pašcos Küche um 22 Uhr Schluss. Im Kurort isst man heutte früh zu Abend.

Neda und Pašco Baričevič über ihrem Restaurant, wie früher. Anders wäre es gar nicht gegangen. Die Großeltern weit weg, die Kinder klein. „Wenn wir nicht so zusammen gehalten hätten...“ Oft kam Baričevič nachts gar nicht zum Schlafen. „Das ging“, sagt er, „mit einem Lachen“. Der Körper habe sich gewöhnt. Was blieb ihm übrig?

„Man muss nur wollen“

Baričevič ist bekennender Optimist. Wahrscheinlich ist er auch deshalb davon überzeugt, dass die Zeiten für die Gastronomie heute eher besser als schlechter sind. „Wenn man das mit dem Herzen macht, hat es Zukunft. Die Leute haben immer mehr Freizeit“, sagt er, macht eine Pause, fügt fast trotzig an: „Man muss nur wollen.“ Er wollte. Immer.

Und er will immer noch, mit 71 hat er das Kochen zu seinem Hobby erklärt und steht täglich in seiner Restaurantküche. Zeit für Hobbys? „Früher ein bisschen Tennis“, als die Tennishalle zwei Schritte neben seinem Restaurant lag; kochte Baričevič von 1980 bis 1987 doch auch in der Rothenfelder Tennishalle.

„Jakov hat bei mir angefangen und gewohnt.“ Jakov ist der Wirt Jakov Kordiç, den Baričevič in Bramsche kennenlernte. Nicht beim Tennis, beim Fußball: „Wir hatten viel Spaß, haben 21 Jahre zusammen gearbeitet.“ Richtig Gaudi hatten sie auf ihren Fußballtouren, zu den Spielen von Hajduk Split reisten sie nach Frankfurt, Brüssel oder Anderlecht.

Mit Kadett und Kinderwagen an die Saline

Die kroatische Gemeinschaft im Südkreis ist überschaubar. „Nach dem Krieg waren die jugoslawischen Clubs kaputt. Menschen lernen nicht aus Kriegen“, sinniert Pašco Baričevič und springt auf. Denn da ist er endlich: Josip Rukavina, der Freund, mit dem Baričevič vor einem halben Jahrhundert nach Deutschland auswanderte. Die Begrüßung ist herzlich, so herzlich wie Rukavina selbst.

„Wir haben uns immer gut verstanden“, erzählt der später am Tisch. So gut, dass Baričevič Rukavinas Trauzeuge war. Und ja, auch Josip Rukavina hatte ein Restaurant, in Hameln, wo er seit 45 Jahren lebt. Dass Pašco Baričevič das Kochen als Rentner zum Hobby erklärt hat, lässt Rukavina lächeln: „Gastronomie ist kein Hobby, sondern Maloche.“

Rukavinas Sohn ist in Osnabrück geboren, seine erste Erinnerung an Bad Rothenfelde ein Ausflug mit Kadett und Kinderwagen an die Salinen „Das passte.“

Von ihrer Sehnsucht nach Kroatien sprechen die Freunde kaum. Nur dies: „Manchmal hatten wir schon Heimweh, ein paar Tränen in den Augen. Wir haben auch kroatisches Radio gehört.“ Aber ihre Heimat, das seien Bad Rothenfelde und Hameln, schon lange, völlig klar. Außer beim Fußball vielleicht.

Deshalb möchte Pašco Baričevič auch, dass sein Sohn Mario, der gerade augenzwinkernd Getränke serviert, das „Dalmatien“ übernimmt: „Es wäre schade, wenn nach 45 Jahren Schluss wäre.“ Wenn der Sohn Kraft und Gemüt des Vaters geerbt hat, passiert das sicher nicht.


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