Perücken-Atelier in Bad Rothenfelde Wie Perücken Menschen ohne Haare ihr Selbstvertrauen wiedergeben

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Menschen mit Haarausfall leiden. Die meisten trauen sich nur mit Perücke unter Menschen. Foto: Gert WestdölrpMenschen mit Haarausfall leiden. Die meisten trauen sich nur mit Perücke unter Menschen. Foto: Gert Westdölrp

Bad Rothenfelde. Wenn Menschen ihre Haare verlieren, kann das schwerwiegende Folgen haben. Manuela Imrecke kann das nur allzu gut verstehen: Seit ihrem zwölften Lebensjahr hat sie eine Glatze. In ihrem Perücken-Atelier in Bad Rothenfelde gibt sie Betroffenen nicht nur ein großes Stück Selbstvertrauen zurück, sondern hat auch Tipps für verschiedene Lebenslagen parat. In Kürze erfüllt sie sich selbst einen lange gehegten Traum.

Manuela Imrecke steht hinter dem Tresen in ihrem Geschäft mitten in Bad Rothenfeldes Fußgängerzone. Ihre Haare – lang, glatt und braun – trägt sie offen. Modellköpfe mit den unterschiedlichsten Frisuren füllen die Regale, die an einer Wand hängen: Kurz, mittel, lang; glatt oder gewellt; grau, blond oder braun. Zwei große Spiegel mit breiten, silbernen Rahmen hängen an der Wand gegenüber, davor steht ein Frisierstuhl. 

Auf den ersten Blick wirkt das Atelier wie ein kleiner Friseursalon, der noch nicht ganz eingerichtet ist. Doch wer zu der 42-Jährigen kommt, dem geht es weder um eine neue Dauerwelle noch einen neuen Haarschnitt, sondern um etwas viel Wichtigeres: eine Perücke. So, wie sie auch Imrecke trägt.

Manuela Imrecke wirft noch einen Kontrollblick in den Spiegel: Die Perücke sitzt. Foto: Gert Westdörp

Die meisten Kunden, die Imreckes Geschäft aufsuchen, sind weiblich. Ihre Haare haben sie krankheitsbedingt verloren, oder weil sie nach einer Chemotherapie ausgefallen sind. „Viele von ihnen nehmen weite Wege in Kauf. Einige meiner Kunden kommen aus Wuppertal, Berlin oder von Sylt“, sagt die gebürtige Bünderin. 

Schwere Jugend gehabt

Wenn sie ihre Kunden berät, weiß sie genau, wie diese sich fühlen. Die 42-Jährige ist eine von ihnen. „Mit zwölf bekam ich kreisrunden Haarausfall. Sechs Monate später hatte ich keine Haare mehr auf dem Kopf. Und sie sind auch nicht wiedergekommen“, erzählt Imrecke. Als Kind oder Jugendliche sei die Situation nicht einfach gewesen. Da sei die Angst gewesen, dass die anderen ihr die Perücke vom Kopf reißen und sie oben ohne sehen. 

„Manche Menschen hegen sogar Selbstmordgedanken."Ramona Rausch, Zweithaarverband

Laut Ramona Rausch, Geschäftsführerin des Zweithaarverbands, kann Haarverlust für die Betroffenen schwerwiegende Auswirkungen haben. „Sie leiden darunter. Manche Leute hegen zum Teil sogar Selbstmordgedanken“, sagt Rausch. Besonders für junge Leute sei das sehr schwer, einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gebe es nicht. Doch gerade bei Frauen sei eine Glatze gesellschaftlich nicht akzeptiert. Sie hätten Angst, als Skinhead abgestempelt zu werden, oder würden depressiv und trauten sich nicht, unter Leute zu gehen.

Nach jedem Strohhalm gegriffen

„Wer Haare hat, kann das nicht nachvollziehen“, sagt Imrecke, die ihr Schicksal lange nicht habe akzeptieren können. Sie habe nach jedem Strohhalm gegriffen, viel Geld für Heilpraktiker und Hypnose ausgegeben. Geholfen habe das zwar alles nichts, doch irgendwann habe sie begonnen, ihr Schicksal zu akzeptieren – und sogar eine Lehre beim Friseur angefangen. „Das hat mir gutgetan“, erzählt die 42-Jährige. „Ich habe gemerkt, dass die wenigsten Menschen mit ihren Haaren zufrieden sind.“ Wer Locken hat, möchte glatte Haare, wer braune hat, blonde. Und: „Ich muss mich morgens nur schminken, dann bin ich fertig.“

„Ich habe gemerkt, dass die wenigsten Menschen mit Haaren zufrieden sind."Manuela Imrecke, Inhaberin Perücken-Atelier

Nach ihrer Ausbildung ist Imrecke in die Perückenbranche gerutscht. Sie wollte ihre Krankheit zum Beruf machen, wie sie erzählt. Zunächst betrieb sie ihr Atelier in Bünde. Im vergangenen Jahr zog sie damit in den Kurort. „Ich möchte anderen zeigen, dass man mit einer Perücke gut leben kann – wenn man die passende hat.“ 

2000 Euro für eine Echthaarperücke

Zwar seien Perücken in den vergangenen Jahren immer besser geworden, doch nicht jede sei gleich gut. Sie müsse richtig sitzen, damit der Träger keine Angst haben muss, dass sie verrutscht. Und: „Je dünner das Zweithaar ist, umso natürlicher wirkt es“, erklärt Imrecke. Auch das Innenleben sei wichtig. Weil man schwitzt und die Haut schuppt, bräuchten Betroffene jedes Jahr eine neue Perücke. „Eine richtig gute Kunsthaarperücke kostet zwischen 300 und 400 Euro. Echthaarperücken um die 2000 Euro.“


Die Qualität der Perücken ist mit den Jahren immer besser geworden. Foto: Gert Westdörp

Die Geschäftsführerin des Zweithaarverbands rät Betroffenen, bei ihrer Krankenkasse nach einer Zuzahlung zu fragen. Darauf hätten Frauen einen Anspruch, wenn der Haarausfall so weit fortgeschritten ist, dass er sichtbar wird. Auch Frauen, die eine Chemotherapie machen, und Dauerträgerinnen, die nicht krank sind, hätten Anspruch auf Zuzahlungen. 

„Man muss nicht warten, bis man eine Perücke braucht. Es gibt auch vorher schon Lösungen."Ramona Rausch, Zweithaarverband

„Viele Betroffene trauen sich nicht, zum Zweithaarspezialisten oder Friseur zu gehen“, sagt Rausch. Sie sollten sich jedoch möglichst zeitnah beraten lassen. „Man muss nicht warten, bis man eine Perücke braucht. Es gibt auch vorher schon Lösungen.“ Und Rausch hat noch einen anderen Tipp parat: Anstatt zu seinem Standardfriseur zu gehen, der sich eventuell gar nicht mit dem Thema auskennt, besser jemanden aussuchen, der sich auf das Thema spezialisiert hat.

Eine davon ist Manuela Imrecke. Sie berät ihre Kunden in ihrem Atelier, geschützt vor den Blicken anderer. Neben Frauen seien auch viele Kinder unter ihren Kunden. Einige bekomme sie auch von den Kliniken in der Umgebung vermittelt. Männer hingegen kämen eher selten zu ihr; wenn, dann seien es Transvestiten.

Perückenträger benötigen jedes Jahr ein neues Zweithaar. Foto: Gert Westdörp

Bei der Auswahl des richtigen Zweithaars sucht die 42-Jährige nach einer Frisur, die zu der Person passt und bestellt dann entsprechende Modelle. Demnächst können ihre Kunden auch aus Imreckes eigener Kollektion auswählen. Zwischen 15 und 20 Modelle entwirft sie. „Das war schon immer mein Traum.“

Perückenträger wechseln Frisur selten

Betroffene entschieden sich häufig für eine Perücke, die ihrer vorherigen Frisur ähnelt. Und auch wenn sie täglich von kurz zu lang, von glatt zu lockig und von blond zu braun wechseln könnten, tue das kaum jemand. „Dauerträgerinnen wechseln nicht. Man möchte öffentlich nicht darauf angesprochen werden. Wenn mich eine Bekannte im Supermarkt mit einer anderen Perücke sehen würde, würde sie nie rufen ‚Hast du eine neue Frisur?‘, sondern ‚Hast du eine neue Perücke?‘“, erklärt Imrecke, die selbst auch immer den gleichen Stil wählt. Der einzige Unterschied: Mal ist ihr Zweithaar länger, mal kürzer.

Theoretisch könnten Perückenträger täglich ihre Frisur ändern, doch nur die wenigsten machen das auch. Manuela Imrecke wählt selbst auch immer einen ähnlichen Stil. Foto: Gert Westdörp

Frauen, die eine Chemotherapie machen müssen, seien da mutiger. Sie wissen, dass ihre Haare nachwachsen. Doch gerade bei Kundinnen, denen die Haare wegen einer Chemotherapie ausfallen, gehe es in ihrem Atelier sehr emotional zu. Imrecke rasiert den Frauen auch die Haare ab. „Im Gegensatz zu vielen Friseuren lasse ich aber immer neun Millimeter drauf. Für die Psyche, und weil der Flaum wärmt“, sagt sie. „Dabei fließen oft Tränen. Viele Kinder, die ihre Mütter begleiten, weinen mit. Und ich manchmal auch, weil ich weiß, wie sich die Frau in dem Moment fühlt.“

Perücken sind mehr als nur Haare

Mit einer Perücke haben Betroffene nicht nur wieder Haare auf dem Kopf. Das Zweithaar mache viel mehr mit den Frauen. „Von ihren Männern bekomme ich oft die Rückmeldung, dass die Frauen ihr Selbstbewusstsein wiedergefunden haben“, sagt Imrecke, die von vielen ihrer Kundinnen auch nach Rat in verschiedenen Lebenslagen gefragt wird. Da gehe es um die Frage, wie ein Kind, das eine Perücke trägt, auf einer Klassenfahrt damit umgehen soll, oder wie man dem Freund sagen soll, dass man eine Glatze hat. „Irgendwann muss man sich outen. Da haben viele Angst vor. Sich oben ohne zu zeigen ist eine intime Sache. Man muss sich ausziehen.“

„Ohne Haare mag ich mich nicht. Da fühle ich mich nicht als Frau."Manuela Imrecke, Inhaberin Perücken-Atelier

Imrecke selbst vermisst ihre Haare heute nicht mehr, wie sie sagt. „Meine Perücke gehört zu mir. Ohne Haare mag ich mich nicht. Da fühle ich mich nicht als Frau.“ Erst spätabends setze sie die Perücke ab. „Irgendwo hängt ja immer ein Spiegel.“


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