Kunst als einziger Lichtblick Erst der Schlaganfall, dann starb ihr Mann: Wie eine Frau zum Pflegefall wurde

Von Kathrin Pohlmann


Bad Rothenfelde. Adelheid Alfing hat vor sechs Jahren einen Schlaganfall erlitten. Sie wurde zum Pflegefall – dann starb ihr Mann. Nur die Kunst schenkt ihr Hoffnung, in ihrer Malerei lebt sie auf.

Eigentlich hat Adelheid Alfing zwei Leben: Das eine vor ihrem Schlaganfall, das zweite begann danach. Alfing war immer eine agile, tatkräftige und selbstbewusste Frau, sagt sie. Lange Wanderungen und Radtouren hat sie unternommen, Spaziergänge mit dem Dackel. Jeden morgen traf man sie im Schwimmbad. „Wir sind auch viel gereist und waren oft unterwegs. Unsere Lieblingsinsel war Sylt, wir sind auch oft ins Alte Land nach Jork gefahren oder mal nach Hamburg“, erzählt die 75-Jährige aus Bad Rothenfelde. Geboren und aufgewachsen ist sie in Lotte.

Alfing war bei Demonstrationen dabei, hat sich für Tierrechte eingesetzt und auch mal mit der Polizei angelegt, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlte. 2012 endete dieses Leben abrupt. Ein Schlaganfall riss sie aus ihrem bisherigen Dasein. „Es war, als würde das Leben aus mir herausfließen. Dieses Bild hatte ich vor Augen“, sagt sie. Und während sie erzählt, kreisen ihre Gedanken um ihr früheres Leben. Wehmütig schweift ihr Blick in die Ferne. „Ich musste alles wieder lernen, wie ein kleines Kind“.

Pflegefall und Kämpferin

Heute ist Adelheid Alfing ein Pflegefall. Alleine geht nichts mehr, sie ist komplett auf fremde Hilfe angewiesen. „Ich war immer eine Kämpferin, habe alles alleine gemacht. Ich wäre gerne noch gereist. Das geht nicht mehr und ist schwer zu ertragen“, sagt sie mit tränenerstickter Stimme.

Die Kämpferin steckt auch heute noch in ihr, das ist spürbar. Sie kämpft gegen ihren schwachen Körper, der wie ein Gefängnis für sie ist. Sie kann ihre Situation nicht akzeptieren. Denn ihr Geist ist wach, ihre Kleidung bunt. Sie wirkt nicht wie eine Frau, die auf die 80 zugeht.

Nicht ohne Gehstock und Rollator

Nach ihrem Schlaganfall verbrachte Alfing viel Zeit in Krankenhäusern und Rehaeinrichtungen. Mittlerweile funktioniert ihr Sprachzentrum wieder, sie kann ihre Arme und Hände bewegen, aber das Laufen fällt schwer. Ohne Stock oder Rollator kann sie nicht gehen, ihr Rollstuhl steht immer bereit. „Meine ganze Persönlichkeit hat sich verändert. Ich war mal ein ruhiger Mensch, jetzt rede ich pausenlos. Das Lachen habe ich verlernt“, sagt die 75-Jährige. Freunde und Bekannte kommen mit dieser Veränderung nicht gut zurecht und besuchen sie nur selten, sagt sie.

Hinzu kommen ihre epileptischen Anfälle, die sie unkontrolliert überkommen und die Nervenschmerzen. „Das kann jederzeit passieren, deswegen gehe ich zum Beispiel nicht mehr in einem Restaurant essen. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr einkaufen. Meine Welt ist klein geworden“, sagt sie. Vor vier Jahren stürzte sie bei einem Anfall und brach sich die Hüfte. Wieder ging es in eine Rehaeinrichtung. Alfing verlor ihren Lebensmut. „Mein Leben ist ein Kampf. Das ist sehr ermüdend.“

Die Kunst hat sie aus der Krise gerettet

Wie und was der Auslöser letztendlich war, daran erinnert sich die 75-Jährige nicht mehr, doch irgendwie fand sie den Weg zur Malerei. Und eines ist klar: In der Kunst kann sie sich ausleben. Wenn sie malt, vergisst sie für eine Weile ihre Schmerzen und Gebrechen.

Foto: Gert Westdörp

In ihrer Wohnung hängen Bilder von rot-leuchtenden Äpfeln an der Wand, Seerosen, Strand und Wassermotive spiegeln sich in den Gemälden wider. Natur ist allgegenwärtig. „Das Motiv mit den Äpfeln ist aus dem Alten Land und der Weg zum Strand ist auf Sylt“, erklärt Alfing.

Einen Pinsel kann sie mit ihren Händen nicht mehr halten, dafür fehlt ihr die Feinmotorik. Sie taucht ihre Finger in ein Döschen mit Acrylfarbe und trägt sie damit auf einer Leinwand auf. Alle Werke malt sie mit ihren Fingern. „Für feine striche nehme ich den Zipfel von einem Taschentuch oder was ich gerade zur Hand habe“, sagt sie.

Die Kunstwerke sind nie fertig

Daraus entstehen Kunstwerke, die eine Geschichte erzählen. „Ein Bild ist nie fertig, es wächst und wächst.“ Farben waren ihr immer wichtig. Ich habe immer darauf geachtet, dass meine Kleidung farblich aufeinander abgestimmt ist. Früher habe ich alles selbst geschneidert“, sagt sie. Ihr Langzeitgedächtnis wurde durch den Schlaganfall nicht in Mitleidenschaft gezogen, aber ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr, wie es soll, sagt sie. So weiß sie manchmal gar nicht, wie ihre Bilder eigentlich entstanden sind. „In dem Bild mit den Bergen habe ich irgendwann Gesichter entdeckt. Ich weiß aber nicht mehr, wie und warum ich sie da rein gemalt habe“, sagt sie. Ihr Traum wäre ein Atelier, in dem sie großflächigere Bilder malen könnte und eine Ausstellung, sagt sie.

Unterstützung hatte Alfing stets von ihrem Mann, er pflegte sie – auch, wenn nicht immer alles einfach war, wie sie sagt. Vor Kurzem ist er verstorben. Alfing muss nun ihre Wohnung verlassen und in eine Pflegeeinrichtung ziehen. „Dafür bin ich noch nicht bereit. Ich vermisse ihn so sehr.“ 52 Jahre waren die beiden verheiratet.

Adelheid Alfing sucht Kontakt zu Menschen, die unter den Folgen eines Schlaganfalls leiden oder/und an Kunst interessiert sind. Telefon: 0541 - 310 685, E-Mail: k.pohlmann@noz.de


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