Rothenfelder Arzt zur Fastenzeit Sieben Wochen Verzicht auf ein Lebensmittel: Ist das gesund?

Von Andrea Pärschke

Der Besuch beim Markt, gemeinsames Kochen, gemeinsames Genießen. Für Stephan Oberstadt ist Essen vor allem Genuss – und das sollte es auch bleiben. Foto: Andrea PärschkeDer Besuch beim Markt, gemeinsames Kochen, gemeinsames Genießen. Für Stephan Oberstadt ist Essen vor allem Genuss – und das sollte es auch bleiben. Foto: Andrea Pärschke

Bad Rothenfelde. Nicht nur der Seele, auch dem Körper kann die Fastenzeit guttun – oder beidem: Mit Stephan Oberstadt, Oberarzt an der Teutoburger-Wald-Klinik, sprach die Neue OZ über Diäten, einen Besuch auf dem Markt und über die Fastenzeit als Startschuss zu einem Leben mit mehr Genuss.

Ist es aus medizinischer Sicht sinnvoll, sieben Wochen lang ganz auf ein bestimmtes Lebensmittel zu verzichten?

Grundsätzlich kann man das tun. Fasten und Fastenzeit bedeutet aber nicht unbedingt Verzicht auf bestimmtes Essen oder Genussmittel. Fasten kann auch bedeuten, sich einfach mal aus der „persönlichen Komfortzone“ herauszuwagen, mal auf ein bequemes Schweigen und zu unbequeme Fragen zu verzichten. Wenn man die Fastenzeit als Startschuss für eine Ernährungsumstellung nutzt, sollte aber gelten: Verbote sind verboten. Denn das kennt ja jeder. Habe ich dann doch den Wunsch, ein Stück Schokolade zu essen, ist es mit der Diät auch ganz schnell vorbei.

Jemand, der am liebsten Fleisch isst, sollte in den kommenden Wochen nicht nur Gemüse zu sich nehmen– mal übertrieben formuliert?

Jeder sollte dort abgeholt werden, wo er sich befindet. Wie kann die Ernährung dieser einen Person umgestellt werden? Das sollte die Frage sein. Wenn jemand sehr gerne Fleisch isst, kann er zum Beispiel die Zubereitung ändern. Muss man immer panieren, oder schmeckt es auch anders? Kann ich auch eine kalorienärmere Fleischsorte oder Zubereitungsart auswählen?

Das klingt alles sehr persönlich, sehr individuell, sehr angenehm. Auf der anderen Seite gibt es unzählige Ratgeber, in denen ganz streng gesagt wird: Ab jetzt kohlenhydratarm.

Genau, das ist allerdings kaum mit unserer gewohnten Ernährung zu vereinbaren und ist dann für die meisten nicht langfristig umsetzbar. Viele essen morgens eben gerne ein Brötchen oder mittags einen Teller Nudeln.

Was sollte man bei einer Diät aber auf jeden Fall beachten?

Die Portionsgröße spielt eine sehr große Rolle. Drei Steaks zum Mittagessen sind wahrscheinlich für die meisten Menschen zu viel. Letztendlich kommt es darauf an, die Energiezufuhr zu verringern.

„Würden Sie sieben Äpfel essen?“

Was empfehlen Sie, wenn dann vielleicht doch mal der kleine Hunger kommt?

Es gibt da ein paar Tricks. Statt dem Schokoriegel kann man auch mal zur Gurke, Tomate oder zur Möhre greifen. In Maßen auch Obst essen. Manchmal hilft es, sich abzulenken, einen Spaziergang zu machen. Übrigens: Bei Getränken sollte man auch immer aufpassen. Würden Sie zum Beispiel an einem Vormittag diese sieben Äpfel essen?

Vermutlich wäre mir das eher zu viel ...

In einem mittelgroßen Tetrapack Apfelsaft sind in etwa diese sieben Äpfel drin.

Und den trinkt man ja schon mal schnell aus.

Das sind flüssige Kalorien, die aber nur wenig sättigen. Ausreichend trinken ist wichtig, aber besser sind kalorienfreie Getränke wie Mineralwasser oder Früchtetees.

Muss ich jetzt auch noch die letzte Kartoffel essen, nur weil sie auf meinem Teller liegt?

Es kann also schon etwas bringen einfach mal darüber nachzudenken, was man da eigentlich gerade isst oder trinkt?

Ja, und sich auch immer wieder fragen: Warum esse ich eigentlich? Habe ich Hunger oder ist es Appetit? Ist mir vielleicht einfach langweilig? Esse ich gerade, weil einfach alle essen?

Sich selbst kennen lernen

Es geht also auch darum, seine eigenen Bedürfnisse kennenzulernen?

Ja, es geht auch darum zu fragen: Schmeckt mir das? Will ich das auch wirklich? Muss ich jetzt auch noch die letzte Kartoffel essen, nur weil sie auf meinem Teller liegt?

Kann es da auch eine Hilfe sein, wenn Fastenzeit ist? Wird dann ein Nein bei Angeboten eher akzeptiert?

In unserer Region hat es schon eine hohe Akzeptanz, während dieser Zeit zu fasten. Aber bei uns in der Rehaklinik geht es in Gesprächen darum: Wie kann ich mit solchen kritischen Situationen diesen Sabotage-Mechanismen umgehen? Man kann zum Beispiel sagen: Ich nehme nur eins oder ein Probierstückchen.

„..., dann ist das Genuss“

Wie halten Sie es eigentlich persönlich? Welche Bedeutung hat Essen in Ihrem Leben?

Ich denke da immer an meine Familie. Das gemeinsame Essen, das Ritual, aber vor allem auch das ganze Drumherum: aussuchen, was wir gerne mögen, auf dem Markt einkaufen gehen. Bei einem Kartoffelhändler zwischen den vielen unterschiedlichen Sorten auswählen, die alle ganz unterschiedlich schmecken und riechen, dann später die Mahlzeiten gemeinsam zubereiten ...

Das klingt ja alles sehr schön und sehr genussvoll.

Eine richtige Diät bedeutet natürlich auch immer Verzicht. Aber man muss auch daran denken: Bei Genuss geht es nicht um Quantität. Wir haben hier in Bad Rothenfelde zum Beispiel drei Eisdielen. Wenn Sie jeden Tag einen großen Eisbecher dort essen, ist das sicherlich zu viel. Wenn Sie sonntags dort hingehen und eine Kugel von Ihrer Lieblingseissorte essen, dann ist das Genuss.