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Zierde für Garten und Kirchen Piepstein: einzigartiges Baumaterial aus Bad Laer

Von Lisa M. Schulte | 17.07.2014, 17:23 Uhr

Gerade einmal 83 Meter ist die Piepsteingasse lang, und doch weist der kurze Weg in der Nähe des Thieplatzes auf die enormen Ablagerungen des Gesteins unterhalb der Bad Laerer Oberfläche hin.

2,3 Millionen Kubikmeter umfassen die Lagerstätten der sogenannten Sinterkalkablagerungen unter Bad Laer und gehören damit zu den umfangreichsten Vorkommen in Niedersachsen und Westfalen. Allein unter dem Ortskern befindet sich eine etwa 100 Hektar große, teilweise bis zu sechs Meter dicke Sinterkalklinse des für Bad Laer typischen Gesteins. Entstanden sind diese Vorkommen vor Tausenden von Jahren. In diesen prähistorischen Zeiten waren weite Teile des heutigen Bad Laerer Ortskerns bis hin nach Winkelsetten und Hardensetten ausgedehnte Feuchtgebiete voller Tümpel und schlammigem Brackwasser.

Das Wasser dieser Tümpel stammte teilweise aus der Solequelle, deren Wasser bis heute zu Heilzwecken verwendet wird und Bad Laer den Titel eines Badeortes einbrachte. Darin enthalten waren neben dem Salz viele weitere Mineralien, darunter Calcium und Kalke, die sich als feiner Sinterkalk an den Unterwasserpflanzen der Tümpel absetzten. Mit der Zeit vermoderten die Pflanzen innerhalb der Sinterkalkschicht. Zurück blieben steinerne Kalkröhren, die aufgrund ihrer pfeifenartigen Struktur als „Piepen“, entsprechend dem plattdeutschen Wort für „Pfeifen“, bezeichnet wurden und in dieser Form nur in Bad Laer zu finden sind. „Die Piepsteine sind eines der Alleinstellungsmerkmale Bad Laers, die die Baukunst der Umgebung und weiter entfernter Regionen mitbeeinflusst haben“, berichtet Theo Jugas, Vorsitzender des Heimat- und Mühlenvereins Bad Laer.

Durch die porös-leichte und gleichzeitig feste Struktur der Piepsteine erfreute sich das Material insbesondere seit dem Mittelalter einer immer größeren Beliebtheit zum Bau von Häusern aller Art. Neben einer ganzen Reihe von Bauernhöfen wurde unter anderem der tausendjährige Turm der katholischen Kirche sowie deren Kirchenschiff mit Piepsteinen errichtet. Verwendung fand das Material aber auch beim Bau der Gewölbe des Hohen Doms zu Münster sowie in einer Heiligenkapelle in einer der Parkanlagen des niederländischen Königshauses.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein holten die Einwohner Bad Laers das Gestein aus dem Untergrund. Im Laerer Steinesch in der Nähe des südlichen Dorfrandes unterhielten die Bauern eigene kleine Steinbrüche, sogenannte „Brauken“, um sich und die Nachbarschaft mit Piepsteinen für Bauvorhaben zu versorgen.

Mit der Entwicklung moderner Baumaterialien wie Hohlblocksteinen und Klinker nahm die Nutzung der schwerer zu verbauenden Piepsteine deutlich ab. Immer wieder erlebte das besondere Laerer Gestein aber auch neue Blütezeiten, etwa in den 1920er-Jahren, als viele Heiligengrotten in der Region ganz oder zumindest teilweise aus Piepstein gebaut wurden.

Zudem stellen immer mehr Bad Laerer Bruchstücke des Piepsteins zur Zierde in ihre Gärten, und auch die Tourismusindustrie hat den Piepstein für sich entdeckt: So bietet etwa die Konditorei Dodt kleine Piepsteine aus Schokolade an.