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Theater-AG der Oberschule glänzt „Hoppala – Falsche Zeit“ – starkes Schüler-Stück in Bad Laer

Von Frank Muscheid | 06.07.2015, 20:53 Uhr

Was für eine Achterbahnfahrt voller Poesie, Witz und Tiefgang: Mit „Hoppala – Falsche Zeit“ hat die Theater-AG der Geschwister-Scholl-Oberschule in der Aula gezeigt, was Theater kann. Während sich professionelle Produktionen allzu oft in intellektueller Zähigkeit verlieren, erlebten 200 Zuschauer hier eine frische, fetzige, temporeiche Eigenproduktion mit philosophischem Anstrich und Darstellern in Bestform.

Theater erzählt nicht, Theater zeigt. Kostprobe gefällig? Wenn die Ärztin (Saskia Reckwerth) hochwissenschaftlich über das Riesengesäß der 80er-Jahre-Gymnastik-„Göttin“ (Lena Nauber) schwadroniert, dann nicht, um den Zuschauer zu strapazieren, sondern einen Typus zu charakterisieren. Echte Marken sind etwa auch das nerdige Assistentinnen-Trio (Celina Berndt, Marie Riepe, Victoria Hübner), das einer Reality-Soap entsprungen zu sein scheint. Oder die Datesüchtige (Lisa Obermeyer), die sich an einen der überforderten Wissenschaftler (Joschy Schmidt, Karl Bleileven) ranschmeißt: „You are so hot!“ Erst mal Messer und Gabel aus dem Ausschnitt zieht, um ihn zu verspeisen.

Stück sprüht vor Ideen

Weder eine streng chronologische Klamaukstory noch eine Bühnenadaption von Foucaults „Die Ordnung der Dinge“ ist zu befürchten: „Hoppala – Falsche Zeit“ ist szenisch entwickelt, von den Rollen her gedacht, die die Schüler sich wünschten und dann genüsslich zerlegen. Eine Veteranin wie Lena Nauber entwickelte ihre aus einem Gymnastikschritt heraus, Silvana Gramann wollte als letzte Rolle für die Theater-AG was Ernstes und setzt die Pickelhaube auf. Was ist, wenn sich die lineare Zeit beeinflussen lässt? Die Wissenschaft ihre Fehler macht und Versuchskaninchen sich in der Zeit verirren? Antoinette – undsoweiter – von und zu Piepenstein (Johanna Frommhold) etwa ist eine egomanische Businessfrau, die sich zu Brahms-Pomp im Barock einrichtet. Die Zeitverlorene (Hanna Warner) philosophiert über das sich selbst finden: „Was wäre das Letzte, was du jemandem sagen würdest, wenn du könntest? Ich wüsste genau, was ich sagen würde. Ich hatte nur keine Zeit mehr.“ Die Staatsaufseherin (Silvana Gramann) will Ordnung reinbringen, verfällt aber Machtfantasien. Sogar selbstironisches Metatheater hat dieses Biest von einem Stück: Dann friert die Szenerie ein, diskutieren Schreiber (Jannis Schulte) und Regisseurin (Lea-Sophie Blankenburg), wie Ordnung ins Zeitchaos zu bringen ist. Theater sollte häufiger so großartig sein.

Das sind nur Schlaglichter bei 24 Hauptdarstellern plus jüngeren Nebendarstellern, aber sie transportieren mehr als manche mehrstündige Werkadaption. Lehrer und Regisseur Wolfgang Gerdes, der ein Theaterpädagogik-Studium in Lingen absolvierte, sieht die Schüler im Mittelpunkt: „Ich schaue jedem in die Augen und frage: Welche Rolle willst du spielen?“

Zwei Wochen Bühne

Am liebsten verordnete er der ganzen Schule zwei Wochen lang Bühne, wofür Schulleiter Wolfgang Saltenbrock ein offenes Ohr signalisiert. „Theater ist ein Beschleuniger für die Persönlichkeitsentwicklung“ und stärke den Teamgeist, sagt der Osnabrücker Gerdes. Mit Hanna Warner, Silvana Gramann und Lena Nauber entstand das Textgerüst, alle warfen ihre Kreativität ein Jahr lang inklusive Theaterwochenende mit Schulsozialapädagogin Karin Bischof in den Ring. Guido Blendermann aus Bramsche hat die Musik komponiert, seine Frau Melanie sang mit Karl Bleileven und Lisa Obermeyer „Zeitreise“ ein, Lea Kreyenbaum zeichnete das Plakat, Karin Warner schneiderte das Kostüm des genialen rosa Einhorns (Julia Makagon), andere Kostüme stammen von der Waldbühne in Kloster Oesede. Yannick Bevermann, Leon Degenhardt und Sebastian Klatte sorgen für futuristisches Licht und klaren Ton. Wer Zeit hat, sollte am Mittwoch um 19 Uhr diese Punktlandung unbedingt mitnehmen, Karten gibt es in der Schule und der Buchhandlung Bilik.