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Chatten gegen das Vergessen Corona: Helfen Videoanrufe demenzkranken Pflegebedürftigen in Bad Laer?

Von Michael Schwager | 22.12.2020, 07:14 Uhr

Demenzkranke in Pflege- und Seniorenheimen erkennen durch Besuchseinschränkungen teils ihre Angehörigen nicht mehr. Videotelefonate sollen dagegen helfen. In der Blomberg-Klinik Bad Laer machten die Beteiligten ganz unterschiedliche Erfahrungen damit.

Die Einrichtung ist jetzt Partner in einem Projekt unter dem Titel „Finden und Binden – Nachwuchsförderung in der Pflege“ des Gewinet-Kompetenzzentrums Gesundheitswirtschaft, der Maßarbeit des Landkreises Osnabrück und der Caritas-St.-Antonius-Pflege Bad Laer. Dabei geht es unter anderem darum, die Situation der Pflege in Stadt und Landkreis Osnabrück in Coronazeiten zu beleuchten.

Corona bringt für Pflegende in Heimen besondere Herausforderungen mit sich, so auch zum Beispiel in der Blomberg-Klinik Bad Laer: „Gerade Angehörige von demenzkranken Bewohnern hatten Angst, nach einer Zeit des Besuchsverbots noch wiedererkannt zu werden“, so Altenpflegerin Carla Nagel. Deshalb habe die Blomberg-Klinik Videokonferenzen durchgeführt und den Bewohnern sehr häufig Familienbilder gezeigt.

Persönlicher Kontakt

Das funktionierte nicht immer gleich gut, wie Andrea Guhe-Strothmann, Pflegedienstleitung in der Blomberg-Klinik, auf Nachfrage berichtete. Sie ist verantwortlich für die Pflege von 138 Bewohnern, etwa 30 von ihnen leiden an fortgeschrittener Demenz. Gerade für diese Menschen sei der persönliche Kontakt kaum zu ersetzen.

Eine Erfahrung, die die Ehefrau eines dementen 74-Jährigen aus dem Südkreis bestätigt. Im März hatte ihr Mann einen Pflegeplatz in Bad Laer bekommen. Vom 17. März an machte ihr der erste Corona-Lockdown Besuche unmöglich. Zunächst versuchte sie, die Verbindung durch Telefongespräche so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. Ihre Erfahrung: "Ich glaube, ich habe ihn einfach zu sehr zugetextet." Nachdem sie den Eindruck gewonnen hatte, dass die Telefonate ihren Mann nur verwirrten, habe sie sich zunächst beim Pflegepersonal per Telefon über das Befinden ihres Mannes erkundigt.

Nach einiger Zeit habe sie dann Möglichkeit ergriffen, ihren Mann von draußen durchs Fenster direkt anzusprechen. Das habe dann viel besser geklappt. Als sich dann die Möglichkeit auftat, über Videotelefonate zu kommunizieren, habe sie auch das versucht. Aber nur zwei-, dreimal. Ein Bildschirm ist halt doch etwas anderes als der echte Anblick eines nahestehenden Menschen, und sei es nur durchs Fenster, findet die Ehefrau: "Der persönliche Kontakt war einfach das Beste."

Telefon tut's auch

Ruth Kühn, Bewohnerin der Blomberg-Klinik, findet das auch. Aber weil es momentan nur schwer geht, telefoniert sie halt viel. Die Familie hat eine weite Anreise von der Ostsee und muss für einen Besuch auch mindestens eine Übernachtung einkalkulieren. So bleiben ihr zwei Bekannte aus Versmold, die gelegentlich vorbeischauen. Mehr geht eigentlich momentan auch sowieso nicht, zwei Ersatzbesucher dürften eventuell auch noch in die Einrichtung. Das Skypen hat Ruth Kühn deshalb auch ausprobiert, aber es liegt ihr nicht so.

Andrea Guhe-Strothmann von der Pflegedienstleitung berichtet aber auch von einer Seniorin, die von den für sie neuen technischen Möglichkeiten begeistert ist. Deren Tochter lebt in England, und dank der Videotelefonie habe die Senioren zum ersten Mal überhaupt einen – wenn auch übers Internet übertragenen – Rundgang durch das Haus der Tochter machen können. Die Bewohnerin jedenfalls habe geschwärmt: "Wenn ich das vorher schon gekonnt hätte."

Das sei der Reiz an der Arbeit in der Altenpflege, so Wohnbereichsleiter Sascha Nagel: „Wir müssen immer wieder individuelle, neue Lösungen finden, um dann am Ende ein lächelndes Gesicht zu sehen“. Carla Nagel betont, dass in der Corona-Zeit das fachliche Auge der Pflegekräfte mehr gefragt sei, denn je. So hätten die Fachkräfte mehr Verantwortung als sonst, weil nur noch in Notfällen Ärzte ins Heim kämen. Vor der Pandemie habe es wochenweise Visiten der Ärzte in der Einrichtung gegeben.

Der Herausforderung werde in der Pandemie mit Tablets für jeden Wohnbereich begegnet, über die nun Telefonvisiten durch die Ärzte stattfinden. Die Kommunikation mit den Medizinern gelinge sehr gut. „Mir macht es im Moment richtig Spaß, muss ich sagen. Man erhält viel Vertrauen von den Ärzten. Die Fachlichkeit wird gefordert“, sagt Carla Nagel. Und: Die Stimmung im Haus und unter den Kollegen sei trotz der Corona-Pandemie gut, bei Unsicherheiten unterstütze man sich gegenseitig.

Pflege lohnt sich

Doch was ist für das Ehepaar das Besondere am Pflegeberuf? Die Nagels erläutern, dass sich die Altenpflege bei weitem nicht nur auf die Körperpflege begrenzen lasse, sondern eigenverantwortliches Arbeiten, tiefe fachliche Kenntnisse sowie Teamfähigkeit voraussetze. Außerdem sei die Vergütung deutlich über dem Durchschnitt anderer Ausbildungsberufe und würde gesellschaftlich häufig unterschätzt.

Das wichtigste aber ist für Sascha Nagel: „Ich gehe nach Feierabend aus der Einrichtung und habe bewusst einem Menschen geholfen. Das ist für mich ein richtig gutes Gefühl. In der schwierigsten Zeit sind wir mit dabei und können die Bewohner und deren Angehörige stärken.“ Das Ehepaar Nagel wünscht sich daher, dass mehr junge Menschen dieses erkennen und sich für eine Pflegeausbildung entscheiden.

"Wir sind eine Familie“

Das ist auch im Sinne von Bewohnerin Ruth Kühn. Sie bricht eine Lanze für die Pflegenden in ihrer Einrichtung: „Ich weiß, dass der Pflegeberuf sehr wichtig ist. Das ist mir bewusst, seit ich ihn jetzt erlebe. Ich bin hier richtig angekommen, wir sind eine Familie.“