Von Männerfreundschaft und Hörigkeit Gefecht um Sanicare: Jetzt spricht Witwe Ingrid Schein

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Bad Laer. Wem gehört Sanicare? Der Streit um die Bad Laerer Versandapotheke ist noch längst nicht ausgetragen. Nachdem sich Detlef Dusel, der frühere Geschäftspartner des verstorbenen Gesellschafters Volkmar Schein, zu der erbitterten Auseinandersetzung äußerte, erzählt jetzt Witwe Ingrid Schein ihre Geschichte. Es ist die eines Männerbundes, der das ganz große Rad drehen wollte, eine von Hörigkeit, die zur Tragödie wurde.

Seit anderthalb Jahren setzen sich Witwe Ingrid Schein auf der einen und der aktuelle Eigentümer Christoph Bertram sowie Detlef Dusel vor Gerichten auseinander. Dusel war bis vor wenigen Tagen kaufmännischer Leiter von Sanicare. Inzwischen sind Gerichte mit etwa zehn Verfahren beschäftigt.

Ein Gutachten soll klären, ob Volkmar Schein geschäftsfähig war, als er seine Sanicare-Anteile an Bertram übertrug. Schein beging im Sommer 2016 Suizid. Seine Witwe schildert die Ereignisse der letzten Jahre.

Es begann mit einer Freundschaft

Volkmar und Ingrid Schein heirateten 1992. Fast ebenso lange kenne ihr Mann Detlef Dusel, der damals freiberuflich Anlagen getätigt habe. Die Männer hätten sich angefreundet, sie habe sich nie mit Dusel verstanden und Treffen vermieden. Dusel habe schnell die Idee gehabt, „unser eigenes Ding“ zu machen: Er, die Apotheker Schein und Bertram und andere gründeten eine Apotheken-Dienstleister-AG, die Pharmnet.

Dass ihr Mann bald auch private Geschäfte mit Dusel machte, habe er ihr verschwiegen. Sie sei lediglich über eine Schuldverschreibung informiert worden, die ihr Mann für sie angelegt hatte, weil sie diese unterschreiben musste. Dusel habe ihren Mann überzeugt, dass man sein Geld nicht besser anlegen könne.

„Die Gruppe“ macht Pläne

Um 2011/2012 hätten ihr Mann und seine Geschäftspartner kurzzeitig die Versandapotheke Doc Morris kaufen wollen. Im Dezember 2012 habe „die Gruppe“ dann Sanicare übernehmen wollen. „Die Gruppe“, das waren Dusel und die Apotheker Bertram und Marc Moeckel. Bertram kannte den kurz zuvor verstorbenen Sanicare-Gründer Johannes Mönter.

Volkmar Schein kaufte Sanicare. Wie der Kauf finanziert wurde, habe sie nicht gewusst, auch nicht, wer für die Schulden haftete. Sie sei schlicht vor vollendete Tatsachen gestellt worden.

Verzweiflung und Tränen

Sie hatte den Eindruck, dass ihr Mann stark von Dusel beeinflusst wurde. „Mein Mann glaubte seinen Versprechungen, Visionen und Vorhersagen fast bedingungslos und war nicht in der Lage, auch nur irgendeinen Ansatz von Kritik an Herrn Dusel hinzunehmen.“ Schon Ende 2013 sei ihr Mann dann aber auf einer Fahrt von Bad Laer ins heimische Losheim in Tränen ausgebrochen. Verzweifelt habe er den Verkauf seiner Apotheke und den Kauf von Sanicare bereut. Den Deal rückgängig zu machen, habe er nicht für möglich gehalten.

Als die Staatsanwaltschaft 2014 wegen Unregelmäßigkeiten in der inzwischen verkauften Losheimer Apotheke mit Rezepten gegen ihren Mann ermittelte, habe Dusel ihn „psychisch massivst unter Druck gesetzt“, so die Witwe. Es würde den Ruin aller zur Folge haben, falls Schein die Approbation verliere, man müsse jetzt dringend tätig werden. Ihr Mann sei völlig panisch geworden. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wurden nach dem Tode Volkmar Scheins eingestellt.

Einstieg zu Sicherungszwecken

Bei einem Treffen in Ludwigshafen sei ihrem Mann gesagt worden, dass Bertram zu Sicherungszwecken bei Sanicare einsteigen werde: „Ich hatte das Gefühl, dass mein Mann stark bedrängt und genötigt wurde und keine andere Möglichkeit sah, als in alle Beschlüsse des Dreiergremiums einzuwilligen.“ Sie habe dem Einstieg Bertrams ohne irgendeine Zahlung für die Übertragung der Anteile ihres Mannes sofort vehement widersprochen. Das sei schon in Ordnung, habe ihr Mann erklärt.

Schon damals habe er Überforderungssymptome gezeigt, erinnert sich Ingrid Schein. Er sei, auch durch unhaltbare Vorwürfe seiner Geschäftspartner, unter Druck gesetzt und manipuliert worden, dadurch immer labiler geworden. Weil das Paar im Mai 2015 das Gefühl gehabt habe, dass auf Volkmar Scheins Rücken „nachteilige Entscheidungen“ getroffen wurden, hätten sie einen Anwalt konsultiert. Ihr Mann sei da schon völlig teilnahmslos gewesen. Vermittlungsversuche seien gescheitert, ihr Mann anschließend „völlig desolat“ gewesen.

Kein Verständnis für Erkrankung

Zwar sei Volkmar Schein weiter bei Sanicare tätig gewesen, es sei ihm aber immer schlechter gegangen, er sei verunsichert und psychisch instabil gewesen. Das habe sich auch in Telefonaten – selbst mit der Tochter – gezeigt, in denen er heftig geweint habe. „Ich habe darauf gedrängt, dass er nicht mehr nach Bad Laer fährt, weil ich ernsthaft befürchtete, dass er vor einen Baum fährt“, erinnert sich Ingrid Schein. Zu diesem Zeitpunkt sei ihr Mann in ärztlicher Behandlung gewesen.

Dusel habe die Verfassung ihres Mannes selbst erlebt, sagt die 55-Jährige, seine Reaktion: wenig empathisch. Der Zustand sei für ihn nicht nachvollziehbar. Als ihr Mann zu einem Treffen nach Bad Laer musste, habe er sich im Parkhaus geweigert, das Gesundheitszentrum zu betreten. Sie habe ihn begleiten wollen, Bertram ihre Teilnahme an der Sitzung aber nicht zugelassen.

Neuer Vertrag

Nach einer halben Stunde sei ihr Mann mit einem neuen Vertrag herausgekommen, nach dem er seine restlichen Sanicare-Anteile an Bertram übertragen sollte. „Er müsse den Vertrag heute unterzeichnen, ansonsten müsse Sanicare Insolvenz anmelden. Dann sei er schuld, dass 350 Mitarbeiter arbeitslos würden.“ Ihr Mann habe daraufhin sich selbst und alles infrage gestellt, was er in den Jahrzehnten zuvor erreicht hatte. Er habe einfach nur Glück gehabt, sei ansonsten unfähig.

Ob und wann ihr Mann den Vertrag unterschrieb, wisse sie nicht. Er habe kaum noch geredet, sich völlig zurückgezogen. Es folgte eine stationäre Behandlung. Ihrer Ansicht nach war er da schon lange nicht mehr geschäftsfähig. Scheins Unterschrift unter den Verträgen wäre damit nichtig. Ein Gericht hat ein Gutachten zu seinem Gesundheitszustand an je einem Tag der Jahre 2014 und 2015 in Auftrag gegeben.

In der Klinik

Beim ersten Termin in der Kanzlei Comtesse sei ihr Mann völlig lethargisch gewesen, habe am ganzen Körper gezittert und Sachverhalte nicht mehr stringent schildern können. Sie habe sich entschieden, den Kampf um Sanicare aufzunehmen, als ihr Mann in der Klinik keine emotionale Regung mehr gezeigt habe.

Am 28. Juli 2016 beging Schein im Alter von 56 Jahren Suizid. Sie wolle ihren Mann finanziell und menschlich rehabilitieren, auch für die gemeinsame, 23 Jahre alte Tochter Elena, sagt Ingrid Schein heute. Sie hofft auf ein Ende der juristischen Auseinandersetzungen, „damit ich einen Abschluss finden und nach vorne schauen kann“.

Ingrid Schein kämpft für die Rehabilitation ihres verstorbenen Mannes. Foto: Katja Nimmesgern


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