„Volkmar Schein wusste, was er tat“ Jetzt reicht‘s: Dusel spricht über Krieg um Sanicare

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Sind die Klagen gegen Sanicare lauter Luftnummern? Detlef Dusel meint: Ja. Die Gerichte sehen das bisher anders.Archivfoto: Anke SchneiderSind die Klagen gegen Sanicare lauter Luftnummern? Detlef Dusel meint: Ja. Die Gerichte sehen das bisher anders.Archivfoto: Anke Schneider

Bad Laer. In der Fehde um Sanicare haben die führenden Köpfe der Versandapotheke lange geschwiegen. Jetzt bezieht Detlef Dusel Position. Der angestellte kaufmännische Leiter ist gleichzeitig Geschäftsführer einiger Firmen, die in juristische Auseinandersetzungen mit Sanicare-Gesellschafter-Erbin Ingrid Schein verwickelt sind. Er sagt: „Ich habe seit 25 Jahren eine völlig makellose Reputation.“

Für die Öffentlichkeit ist Dusel ein Phantom. Und das würde er auch gerne bleiben. Den Wunsch nach einem Foto lehnt er ab, seinen Werdegang will er nicht preisgeben. Aber reden will er. Zwei Stunden lang, „damit rauskommt, wer diesen Betrieb tatsächlich zerstören will“.

Es wird kompliziert, menschlich und juristisch: Seit anderthalb Jahren überziehen sich die Erbin des verstorbenen Sanicare-Inhabers Volkmar Schein auf der einen Seite und der aktuelle Gesellschafter Christoph Bertram, die BS-Apotheken-OHG (Sanicare) sowie Dusel auf der anderen Seite mit Klagen. Einzelrichter und ein Oldenburger Senat haben Verfahren zugunsten der Witwe Scheins entschieden. Berufungen laufen. Am 4. September steht ein Termin vor dem Landgericht Osnabrück an.

Der Deal mit den Markenrechten

Aufsehen erregt hatte eine Klage Ingrid Scheins gegen einen Deal Dusels mit den Markenrechten der Internetapotheken Sanicare, Aliva und Medicaria, die alle zur Sanicare-Mutter BS-Apotheken (für Bertram und Schein) gehören, weil Dusel hier mit einer seiner Firmen als Inhaberin der Marken- und Internt-Domainrechte selbst Akteur ist.

Scheins Anwalt Hermann Comtesse hat zwei Firmen Dusels mit Datum 5. Juli auf Herausgabe der Markenrechte und Internet-Domains sowie die Nichtigkeit des Vertrags verklagt. „Diese Klage ist bei mir noch nicht mal eingegangen“, sagt Dusel in einem Konferenzraum des Bad Laerer Gesundheitszentrums. Nach Ansicht von Comtesse geht es um einen Wuchervertrag, weil Schein die Markenrechte für eine Million verkaufte und dann jeden Monat 100.000 Euro Gebühren zahlen musste, um sie nutzen zu dürfen.

„Diese Gelder sind BS zum größten Teil wieder zugeflossen, zum Beispiel über Sponsoringverträge“, erklärt Dusel das komplexe Konstrukt. Die Markenrechte seien als Kreditsicherheit hinterlegt worden. Schein habe gewusst, was mit dem Vertrag bezweckt wurde.

Fröhliches Foto aus dem Sansibar-Urlaub

Eben das bezweifelt die Gegenseite. Schon beim Kauf Sanicares aus der Insolvenz sei Schein, der vor einem Jahr Suizid beging, psychisch angeschlagen gewesen. Er habe sich im Zustand klinischer Suggestibilität (krankhafter Beeinflussbarkeit) in die Hände Dusels und Bertrams begeben, formuliert Comtesse. Ein Gutachten über Scheins Gesundheitszustand am 30. Juni 2014 und am 4. November 2015 ist in Auftrag gegeben. Dusel, nach eigener Aussage „bis zum Schluss engstens mit Schein befreundet“, bestreitet das: „Volkmar war nicht krank.“ Das zeige auch ein fröhliches Foto aus einem Sansibar-Urlaub.

Bei den Markenrechten kommt auch Bertelsmann-Tochter Arvato ins Spiel, stärker, als es für Dienstleister einer Online-Apotheke üblich ist, urteilen Branchen-Kenner. Bei Arvato liegt seit drei Jahren ein Optionsvertrag in der Schublade, nach dem sich die Gütersloher an den Markenrechten von Sanicare durch eine 49-Prozent-Beteiligung an Dusels Firma beteiligen könnten. Der Vertrag kam noch nicht zustande, „das hat bei Arvato konzerninterne Gründe“, sagt Dusel. „Für uns ist es kein Problem, ob der rechtliche Vollzug heute oder morgen kommt.“

Arvato sei bei Sanicare von Anfang an für die Logistik dabei gewesen. Zudem sei die Firma ein maßgeblicher Gläubiger mit Sicherungsinteressen. Die Zusammenarbeit sei intensiv, kollidiere aber nicht mit dem Fremdbesitzverbot für Apotheken, die ausschließlich von Apothekern geleitet werden dürfen. Auch die Markenrechte seien sicher.

„Niemand hat sich je beklagt“

Arvato sei wichtig, weil Sanicare zwar schuldenfrei sei, aber Geld für Investitionen brauche. „Arvato hat schon ganz maßgeblich investiert. Das hätte BS nicht tragen können.“ Da sei es nur legitim, die Gütersloher am Geschäftserfolg zu beteiligen. Dass sich Arvato massiv mit eigenem Geld bei Sanicare engagiert, war bisher nicht bekannt.

Was den verlorenen Prozess vor dem Landgericht Frankenthal betrifft, präsentiert sich Dusel entspannt. Ingrid Schein hatte Dusels Firma „Zweite Thesaurus“ exemplarisch auf Rückzahlung von 25.000 Euro verklagt. Dem Urteil folgend hatte Dusel den Erhalt der Inhaberschuldverschreibung von Schein im Jahr 2006 vor Gericht bestritten. Auch mündlich gab er zu Protokoll, das Geld nicht erhalten zu haben – „ernsthaft und endgültig“, heißt es im Urteil. Dann zog Anwalt Comtesse den Joker: eine Sammelüberweisung, die den Eingang des Geldes auf Dusels Konto belegt. Erst da habe dieser eingeräumt, dass „es den Anschein gebe, dass das Geld eingegangen sei“. Das eingesammelte Geld habe er in einen Supermarkt und ein Parkhaus investiert, „ich mache seit 25 Jahren Immobilien- und Projektentwicklung. Niemand hat sich je beklagt“, sagt Dusel.

Geldeingang bestritten

Zu seinem „prozessualen Bestreiten“ des Geldeingangs erklärt er: „Ich mache grundsätzliche keine falschen Behauptungen. Es ging um eine elf Jahre alte Zahlung, zu der ich mehrfach sagte: Nein, ich gucke nicht nach, das sehe ich nicht ein.“ Da liege die Beweislast beim Antragsteller. Der Beleg, den Comtesse vorlegte, sei dann ein Fax von 2011 über die Einzahlung von 2006 gewesen. Wenn es im Urteil über sein Verhalten heißt. „läuft auf einen versuchten Prozessbetrug hinaus“, bedeute das ja, dass es eben kein versuchter Prozessbetrug sei, interpretiert Dusel die Juristen.

Dass es 2016, noch zu Lebzeiten Volkmar Scheins zum Streit kam, liege nur an Ingrid Schein. „ Im März 2016 war alles in Frieden, dann ging ihr Anwalt Comtesse zur Sparkasse Osnabrück, um zu erwirken, dass Auszahlungen von den BS-Konten nur noch mit Zustimmung von Volkmar liefen, das hat die Sparkasse nicht gemacht.“ Zu diesem Zeitpunkt sei Schein sechs Monate nicht mehr in Bad Laer gewesen, habe sich ins Saarland zurückgezogen. Comtesse habe dann versucht, die Übertragung von 95 Prozent der BS-Anteile an Christoph Bertram für ungültig erklären zu lassen, weil Schein als vorheriger Alleineigentümer für die Anteile nichts erhalten und ohne Zustimmung seiner Frau über eheliches Vermögen verfügt habe.

Zu viel Geld abgezogen

Das sei Scheins freie Entscheidung gewesen, sagt Dusel dazu. Bertram habe für die erste Tranche von 50 Prozent seine persönliche Haftung und etwa 650.000 Euro eingebracht, für weitere 45 Prozent 2,5 Millionen. „Ohne das Geld wäre der Laden Ende 2015 pleite gewesen.“ Wenn Schein 2013 5,1 Millionen für Sanicare bezahlt habe, sei das doch ein fairer Deal, findet Dusel. Comtesse sagte dazu im April 2016: Zwei Gespräche zwischen Schein und Bertram seien gescheitert. Bertrams Anwälte versuchten, Schein aus seiner Apotheke zu drängen.

Wie kam es zur finanziellen Schieflage? „Schein tätigte zu viele Eigenentnahmen, deshalb drohte die Sparkasse mit Kreditkündigung“ – so Dusel. Von 3,3 Millionen Euro Saldo habe Schein 1,6 Millionen Euro entnommen.

„Völig bescheuert“

Und auch die Klage Ingrid Scheins gegen die Betriebserlaubnis für Apotheker Heinrich Meyer, der noch vor Scheins Tod im Sommer 2016 bei BS eintrat, sei „völlig bescheuert“. Meyer habe eine halbe Million Euro eingebracht und dafür fünf Prozent der Bertram’schen Anteile erhalten. Damit sei Schein gar nicht berührt. Die Apothekerkammer habe die Betriebserlaubnis gründlich geprüft, „wie noch keine in Niedersachsen“, vermutet Dusel. Comtesses Klage wertet er als „Gesinnungsterrorismus“, schon 2016 habe der Anwalt mit Attacken gedroht. „Aber Comtesse weiß, dass er am Ende verlieren wird.“


Sanicare schuldenfrei – Stellenabbau durch Digitalisierung

Wie steht es um Sanicare? Abgesehen vom Gezerre um Macht und Geld zwischen der Erbin Volkmar Scheins auf der einen und der BS-Apotheken OHG, Gesellschafter Christoph Bertram und Detlef Dusel auf der anderen Seite gehe es dem Unternehmen gut, sagt der kaufmännische Leiter Detlef Dusel. „Wir sind schuldenfrei.“ Die Zahl der 2013 von Volkmar Schein übernommenen Mitarbeiter hat sich inzwischen deutlich verkleinert. Statt 340 Mitarbeitern auf insgesamt 260 Vollzeitstellen arbeiten nun noch 220 Menschen auf weit unter 200 Vollzeitstellen für Sanicare am Grünen Weg. Wir haben von Anfang an Personal abgebaut, und das geht weiter.“ Die Rationalisierung sei die Kehrseite der Digitalisierung, die die gesamte Branche der Versandapotheken treffe. „Wir arbeiten nun mal im E-Commerce.“ Aber der größte Teil des Weges sei geschafft. Der Umsatz der Sanicare-Gruppe liege, so Dusel, seit 2014 konstant bei rund 100 Millionen Euro. Zu Zeiten von Johannes Mönter sollen es um die 700 Millionen Euro gewesen sein.

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