In Bad Laer geht es um alles Sanicare, Bertelsmann und die lebenswichtigen Markenrechte

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Hinter den Kulissen der Bad Laerer Internet-Apotheke wird mit harten Bandagen um das Unternehmen mit 260 Mitarbeitern gekämpft. Foto: Achim KöppHinter den Kulissen der Bad Laerer Internet-Apotheke wird mit harten Bandagen um das Unternehmen mit 260 Mitarbeitern gekämpft. Foto: Achim Köpp

Bad Laer. Wovon lebt eine Versandapotheke? Vor allem von ihrem guten Namen und ihrer Internet-Domain. Ohne beides ist ihre Existenz gefährdet. Das könnte für eine der größten deutschen Online-Apotheken Anfang nächsten Jahres akut werden.

Seit über einem Jahr überziehen sich die Erbin des verstorbenen, früheren Sanicare-Inhabers Volkmar Schein und der aktuelle Geschäftsführer Christoph Bertram sowie sein kaufmännischer Leiter Detlef Dusel mit Klagen. In Osnabrück, Oldenburg und Frankenthal wurden in den letzten Monaten mehrere Verfahren zugunsten der Witwe entschieden.

Eine Anfang Juli eingereichte Klage der Saarbrücker Kanzlei Comtesse und Comtesse gibt dem Streit nun eine andere Qualität. Was als – nicht belegbares – Gerücht seit Monaten durch die Branche wabert, verdichtet sich. Die Bertelsmann-Tochter Arvato wollte mit Sanicare offenbar weit enger zusammenarbeiten, als es das Apothekenrecht im Augenblick erlaubt.

Markenrechte für eine Million verkauft

Der Fall ist verzwickt, deshalb von vorne: Die Witwe des verstorbenen Sanicare-Geschäftsführers Volkmar Schein verklagt die Firmen Mercator-Services und Top Brand-Services auf Herausgabe der Markenrechte und Domains der Internet-Apotheken Sanicare, Aliva und Medicaria sowie die Feststellung der Nichtigkeit des entsprechenden Kaufvertrags. Die Klage vom 5. Juli liegt unserer Redaktion vor.

Schein hatte demnach im Oktober 2013 die Markenrechte für eine Million Euro an die Firma Mercator verkauft, deren Geschäftsführer sein späterer Compagnon Christoph Bertram ist. Gleichzeitig vereinbarten sie eine Nutzungsüberlassung für die Marken bis Ende 2017 – gegen ein erkleckliches Entgelt: Monatlich musste Schein 15.000 Euro und zusätzlich für jedes verkaufte Medikament 15 Cent bezahlen.

3,4 Millionen für Markenrechte bezahlt

Das summierte sich, wie in der Klage aufgeführt, Monat für Monat auf 100.000 Euro. Folglich hatte sich der Verkaufspreis nach zehn Monaten amortisiert. Im Ergebnis habe Schein bis zu seinem Tod für die ihm zuvor allein gehörenden Marken etwa 3,4 Millionen Euro bezahlt, errechnen die Anwälte seiner Frau. Sie sind überzeugt, dass das Missverhältnis von Leistung und Gegenleistung, das dem Wert von einer zu 3,4 Millionen entspricht, den Vertrag zum Wucher- und Knebelvertrag macht und dieser deshalb nichtig ist.

Schon beim Kauf von Sanicare aus der Insolvenzmasse Johannes Mönterssei Volkmar Schein, der vor einem Jahr Suizid beging, psychisch angeschlagen gewesen. Er habe sich in einem Zustand klinischer Suggestibilität in die Hände Dusels und Bertrams begeben, formuliert Comtesse. So habe er Dusel eine General-Handlungsvollmacht ausgestellt und sich damit in eine wirtschaftliche Abhängigkeit begeben.

Nur Apotheker dürfen Apotheken leiten

Im März dieses Jahres verkaufte die Mercator mit Geschäftsführer Bertram die Markenrechte an die Top Brand Services mit Geschäftsführer Dusel. Damit habe Dusel das Schicksal der Apotheke allein in der Hand, so Anwalt Hermann Comtesse. Aber: Dusel ist kein Apotheker. Eine Apotheke muss nach derzeitigem deutschen Recht von einem Apotheker geleitet werden. Das ist gesetzlich so geregelt, weil Pharmazeuten eine öffentliche Aufgabe erfüllen.

Dusel sei stiller Beteiligter, interpretiert Hermann Comtesse die Konstruktion. Die GmbH des kaufmännischen Leiters stehe in einem „verschleierten Beherrschungsverhältnis“ zur Apotheke.

Deal gilt als geplatzt

Und hier kommt Arvato ins Spiel. Laut der Klage der Kanzlei Comtesse gibt es einen drei Jahre alten Optionsvertrag, mit dem sich Arvato an den Markenrechten von Sanicare über eine 49-Prozent-Beteiligung an Dusels Firma beteiligen könnte. Schließlich lockt ein riesiger Markt. Nach Informationen von Branchen-Insidern gilt der Deal jedoch als geplatzt.

Arvato-Pressesprecher Matthias Wulff erklärte zur Partnerschaft mit Sanicare: „Wir erbringen im Gesundheitssektor Dienstleistungen für Sanicare und für viele andere Kunden in der Branche. In den Betrieb von Versandapotheken wollen und werden wir nicht einsteigen. Das ist nicht unser Geschäft, wir sind keine Händler.“ „Spekulationen über Anteile und Anteilseigner“ werde er nicht kommentieren.

Und 2018?

Die wesentliche Frage ist nun: Was passiert 2018, wenn der Vertrag über die Nutzung der Namensrechte und der Internet-Domains ausläuft? Ohne sie wäre die Versandapotheke mit 260 Mitarbeitern nicht existenzfähig.


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