Selbstständig mit Handicap Ankommen und abnabeln: „Wir sind die Bad Laerer Spaß-WG“



Bad Laer. Wenn die Tochter auszieht und sich die Mutter beschwert, nie rufst Du an, ist alles okay. Manuela Börnhorst hat ihre Schweger Großfamilie vor vier Monaten verlassen und lebt jetzt in einer Wohngemeinschaft. Logisch, dass sie kaum noch Zeit hat, Mutter Rita anzurufen.

Das Haus an der Bielefelder Straße in Bad Laer teilt sich die 27-Jährige mit ihrem Freund Falk-Frederik Strautmann, mit Verena Reichert und Markus Hegmanns, ebenfalls ein Paar, und wechselnden Assistenten. Die Vier brauchen wegen eines geistigen oder körperlichen Handicaps Unterstützung im Alltag. Gerade so viel, dass sie ihr Leben selbstständig bewältigen können.

Pudelwohl

Die Eingewöhnungszeit in der WG ist vorbei: „Ich fühle mich pudelwohl. Es ist, als wenn ich schon immer hier gewohnt hätte“, schwärmt Verena Reichert. Kein Vergleich zu der betreuten Wohneinrichtung mit 14 Leuten, in der sie bisher lebte, „da war es sehr unruhig“. Ganz anders Bad Laer: Hier sei es entspannt, vor allem aber viel lustiger: „Wir sind die Spaß-WG“, findet Reichert.

Froh über sein neues Leben ist auch Falk-Frederik Strautmann: „Unsere WG ist eine supertolle Sache“, auch wenn sie damit „echt viel zu tun“ hätten: waschen, putzen, abräumen, die Spülmaschine bestücken, „da können wir nicht sagen, wir haben keinen Bock. Wir müssen uns selbst organisieren“.

Zur Arbeit in die Werkstatt

Zu Frühstück und Abendessen treffen sich die Vier am großen Holztisch neben der Küche. Quatschen, essen, spielen. Toppen kann dieses Kommunikationszentrum nur das riesige graue Sofa, perfekte Kommandozentrale zum Fernsehen, Musik hören oder Wii spielen.

Das heißt nicht, dass sie immer zusammenhocken. Alle haben ihre Jobs. In der Hilteraner Werkstatt der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO) arbeitet Manuela Börnhorst in der Metallmontage, Verena Reichert in der Verpackung, Markus in der Raumpflege und Falk-Frederik in der Schlosserei.

Einsatzplan an der Wand

Die HHO sichert auch die Betreuung der Wohngruppe an den Wochentagen. Das persönliche Budget der Bewohner wird zusammengefasst, so ist immer Hilfe im Haus. Nachts und an den Wochenenden sorgt „Mittendrin“ für 450-Euro-Kräfte aus sozialen Berufen. Wer wann da ist, zeigt der Einsatzplan mit Namen und Fotos neben dem Esstisch.

Ute Rolf und Rita Börnhorst sind Vorsitzende von „Mittendrin“, dem vor neun Jahren gegründeten Verein, der Menschen mit Behinderung bei ihrer Inklusion unterstützt. „Inzwischen sind wir ein Vorzeigeprojekt des Landkreises“, freut sich Ute Rolf.

Für sich selbst sorgen

Dass das funktioniert, erzählt Assistentin Elisabeth Maria Schweer: „Ihr alle leistet einen Super-Beitrag für die Gemeinschaft. Und ihr sorgt dafür, dass ihr das bekommt, was ihr braucht“, lobt die ausgebildete Krankenschwester die WG und ihre Fähigkeit zur Eigenfürsorge.

Mittendrin heißt für den 33-jährigen Markus Hegmanns, nicht mehr, wie in den letzten zehn Jahren, allein in einem Meller Ein-Zimmer-Appartement zu wohnen. „Ich fühle mich in der Gemeinschaft wohler.“ Und das lästige Pendeln zu Freundin Verena nach Hopsten fällt auch weg. Hegmanns hört abends in seiner Wohnung gern Musik, schneidet Videofilme oder bereitet die Dienstags-Disco in der Werkstatt und Auftritte mit der Mobil-Disco seines Schwagers vor. Ein Hobby-DJ mit Leib, Ohr und Seele.

Mittendrin und mitten im Ort

Mittendrin heißt für die WG auch, Geschäfte und die Bushaltestelle vor der Haustür zu haben. „Wir möchten, dass unsere Kinder am gesellschaftlichen Leben teilhaben, an Kirche, Sportvereinen, Kolping oder Schützenverein“, sagt Rita Börnhorst.

Rolli-Fahrerin Verena Reichert hat einen speziellen Blick auf den Kurort: „Ich finde die Natur hier so schön. Es ist alles eben, mit meinem E-Rolli kann ich durch den Kurpark fahren, Friseure und Läden sind barrierefrei.“ Sie empfindet ihren neuen Wohnort und die Wohngemeinschaft wie Urlaub, „es ist so schön erholsam hier“.

Lieber harmonisch

Was auch daran liegt, dass Harmonie in dieser WG größer geschrieben wird als in manch anderer, die sich stundenlang in Das-müssen-wir-dringend-mal-ausdiskutieren-Streits über Putzpläne und Joghurt-Klau aus dem Kühlschrank aufreiben. Manuela Börnhorst stellt klar: „Streit mögen wir nicht, wir möchten unser Zusammenleben genießen.“

Sie empfindet ihr neues Leben noch als Achterbahn: „Mal geht es rauf, mal runter, und mal in die Kurve“. Insgesamt weise der Zeiger zum Glück klar nach oben, sagt die 27-Jährige und schiebt hinterher: „Falk tut schon eine Menge dafür, dass ich mich hier wohlfühle.“ Sie wartet drei Sekunden, schaut ernst: „Aus Liebe“.


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