Gefecht um Scheins Erbe Sanicare: Gericht fordert Gutachten zu Geisteszustand

Von Stefanie Adomeit

Ein Neurologe aus dem Saarland soll jetzt über den Gesundheitszustand von Volkmar Schein an zwei Tagen in den Jahren 2014 und 2015 urteilen. Foto: dpaEin Neurologe aus dem Saarland soll jetzt über den Gesundheitszustand von Volkmar Schein an zwei Tagen in den Jahren 2014 und 2015 urteilen. Foto: dpa

Bad Laer/Neunkirchen. Die Witwe des verstorbenen Sanicare-Gesellschafters Volkmar Schein hat einen Teilerfolg vor Gericht errungen. Das Familiengericht Neunkirchen will ein Gutachten über den Gesundheitszustand des Apothekers einholen. Es soll Antwort auf die Frage geben: War Schein geschäftsfähig, als er Mitgesellschafter Christoph Bertram 95 Prozent der Bad Laerer Versandapotheke übertrug?

Als Sachverständiger soll der Chefarzt der Neurologie am Neunkirchener Klinikum im Saarland beurteilen, ob sich Volkmar Schein „in einem, die freie Willensbestimmung ausschließenden Zustand krankhafter Störung der Geistestätigkeit befand“, als er seinem damaligen Freund die Anteile an der zweitgrößten deutschen Online-Apotheke überschrieb?

Nachdem Volkmar Schein die Bad Laerer Apotheke im Jahr 2013 aus der Insolvenzmasse gekauft und das komplette Unternehmen ein Jahr später in eine Offene Handelsgesellschaft, die BS (Bertram/Schein) Apotheken, umgewandelt hatte, reichte er im Juni 2014 überraschend 50 Prozent der OHG-Anteile an Bertram weiter, weitere 45 Prozent folgten im November 2015 – ohne direkte Gegenleistung. Im Herbst 2015 zog sich Volkmar Schein aus dem operativen Geschäft zurück.

Volle Haftung bei fünf Prozent

Schein hielt also noch fünf Prozent, haftete aber mit seinem gesamten Vermögen für Sanicare. Gekauft hatte er die insolvente Firma nach Angaben Ingrid Scheins für 5,1 Millionen Euro. Bertram kontert mit dem Betrag von 2,1 Millionen, den er als Kapitalspritze ins Unternehmen eingebracht habe.

Gut zwei Millionen Euro für 95 Prozent der Sanicare-Anteile? Ein reelles Geschäft dürfte das nicht gewesen sein. Der Wert der Versandapotheke mit mehreren Subunternehmen dürfte weit darüber liegen, ist aber, auch zum Ärger Ingrid Scheins, noch nicht ermittelt worden. Ihr Mann war im Juli vergangenen Jahres im Alter von 56 Jahren durch Suizid verstorben.

Seit Monaten versucht Roya Comtesse, die Anwältin Ingrid Scheins, den Gesellschaftervertrag zwischen Volkmar Schein und Bertram für unwirksam erklären zu lassen. So habe ihre Mandantin der Übertragung der Anteile im Rahmen der ehelichen Zugewinngemeinschaft nicht zugestimmt.

Forderungen in Millionenhöhe

Die Vermutung, dass bei Volkmar Schein eine „weitreichende psychische Beeinträchtigung“ zum Suizid geführt haben könnte, hatte Comtesse schon kurz nach seinem Tod geäußert. Er habe sich im Laufe des letzten Jahres in kürzeren Abständen in einer langwierigen psychiatrischen Behandlung befunden, auch stationär.

Als neuer Gesellschafter war wenige Tage nach Scheins Tod Heinrich Meyer in die Firma eingetreten. Meyer und Bertram bombardierten Ingrid Schein seitdem mit Forderungen in Millionenhöhe, so Comtesse. Ihrer Vermutung nach, um Schein mürbe zu machen.


Das Statistik-Portal Statista schreibt Sanicare im Jahr 2014 einen Umsatz im E-Commerce von rund 150 Millionen Euro zu. Damit lag die Bad Laerer Versandapotheke auf Rang zwei hinter Doc Morris und drei Plätze vor dem Hilteraner Konkurrenten Apotal.