Info-Abend zeigt Hilfsbereitschaft Flüchtlinge: Bad Laerer optimistisch, aber nicht naiv

Von Stefanie Adomeit


Bad Laer. Mit einer Schweigeminute für die Opfer des Pariser Terroranschlags und ihre Angehörigen leitete Bürgermeister Franz Vollmer am Montag den Info-Abend der Gemeinde Bad Laer über die Flüchtlingssituation im Kurort ein. Nach dem Gedenken richtete sich der Blick in die Zukunft. Gemeinde, Landkreis und Flüchtlingshilfe informierten über Zahlen, Herausforderungen und Chancen.

Das Wichtigste vorweg: Die Bad Laerer helfen gerne und empfangen die Flüchtlinge, die hier ein Zuhause suchen, voller Anteilnahme und Hilfsbereitschaft. Wohnungen werden weiterhin gesucht, genau wie ehrenamtliche Unterstützer. Und ja, die Integration wird nicht immerglatt laufen. „Wir brauchen auch eine gewisse Enttäuschungsfestigkeit“, mahnte der Integrationsbeauftragte des Landkreises, Werner Hülsmann. Die Hintergrundmelodie des Abends aber war eine beschwingte.

Hülsmann schilderte die Rolle des Landkreises in der Flüchtlingsfrage: 2014 hat dieser ein Migrationskonzept entwickelt, das mithilfe eines Migrationszentrums und den Bausteinen Schule, Ausbildung, Arbeitsmarkt, Sprachbildung für Integration sorgen soll. „Egal ob aus Rumänien oder Syrien, die Kinder können gar kein Deutsch, die Erwachsenen kaum.

Im Landkreis leben viele Flüchtlinge, die meisten in der Landesaufnahmebehörde Bramsche (LAB). Zur Zeit sind es in Hesepe etwa 2000. In einer Einrichtung, die für 600 gedacht war, 1200 Menschen als Normalbetrieb ansieht und schon 4000 beherbergt hat.

Die Quotenanrechnung

Die LAB wird mit 80 Prozent auf die Flüchtlingsquoten der Landkreiskommunen angerechnet. Das soll sich 2015 ändern. In der Diskussion ist eine Quote von 50 Prozent, über die das Innenministerium entscheiden wird.

Im Moment leben 900 bis 1000 Flüchtlinge über den Kreis verteilt. Wie viele noch kommen werden? Hülsmann: „Wir wissen es nicht, sind aber sicher, dass es viele sein werden.“

Für die Übersicht über Sachspenden, Sprachkurse, Hilfe für Behördengänge usw. gibt es ein EDV-Programm. Die vom Fachdienst Ordnung des Kreises eingerichtete Task Force sorgt für den Informationsfluss in Richtung der Gemeinden. Denn der Landkreis setzt auf ein gemeindeübergreifendes Wohnraumkonzept, damit die Flüchtlinge dorthin zugewiesen werden, wo Wohnraum ist. „Das Wichtigste ist die Unterkunft“, so Hülsmann.

Zu den Verhältnissen in Bad Laer erklärte Franz Vollmer, dass die Gemeinde im Moment bei 9600 Einwohnern einen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund von sechs Prozent habe. Bis September seien 15 Flüchtlinge hinzugekommen. „Aktuell sind es 23. 18 weitere könnten wir sofort unterbringen.“ Für 2016 rechne die Gemeinde mit einem Zuwachs von 95 Menschen.

Task Force auch im Bad Laerer Rathaus

Eine Task Force gebe es aber nicht nur beim Kreis, sondern auch im Laerer Rathaus. Vollmer: „Für uns hat das Thema eine hohe Priorität.“ Er erklärte, wie der Weg der Flüchtlinge von der Landesaufnahmestelle bis in ihre neuen Wohnungen in Bad Laer funktioniert. „Die LAB weist zu, wir werden über die Personendaten informiert.“

Das passiere normalerweise ein bis zwei Wochen vor der Ankunft, manchmal aber auch nur einen Tag zuvor: „Die Gemeinde ist immer im Stand-by-Modus.“

Sie wählt die Unterkunft aus, bereitet die Wohnung gemeinsam mit der Flüchtlingshilfe vor, nimmt Kontakt zu Schule und Kita auf. Ist der Bus aus Bramsche da, empfangen Gemeindemitarbeiter die Flüchtlinge im Rathaus – möglichst mit einem Dolmetscher. Die Flüchtlinge werden in ihre neuen Wohnungen begleitet und dort eingewiesen.

Dezentral vor zentral

„Dabei gilt für uns dezentral vor zentral“, erklärte der Bürgermeister. Die Flüchtlinge lebten in gemeindeeigenen oder angemieteten Wohnungen. In Betten gerechnet: Die Gemeinde selbst verfügt über sechs, hat 24 weitere angemietet, hinzu kommen elf private. Macht 41. Der Gemeinde zugewiesen sind 23 Flüchtlinge, bleiben 18 freie Plätze. Aber: Bad Laer rechnet bis Ende 2016 mit 108 Flüchtlingen. Das heißt: Im kommenden Jahr fehlen 67 Betten.

„Wir stehen mit Eigentümern in Kontakt, tasten uns langsam an die Anmietung heran.“ Die konkrete Planung aber sei schwierig. Vollmer dankte deshalb den geduldigen Vermietern.

Aber die Unterbringung ist nur der Anfang: Denn danach geht es um die Anmeldung und die Hilfe bei zahllosen Formalien, dem Ausfüllen des Sozialhilfeantrags, beim Gesundheitsdienst, in der Ausländerbehörde...

Herzliche Aufnahme

Vollmers Fazit: „Die Flüchtlinge werden herzlich aufgenommen. Deshalb freuen sie sich, in Bad Laer zu sein, Ruhe zu finden. Das ist das Verdienst der Ehrenamtlichen“, berichtete er aus Gesprächen mit Neu-Laerern. „Die eigentliche Integration leistet die Flüchtlingshilfe, an der Spitze Thomas Steinkamp und Marc Thele.“

Thele und Steinkamp sprachen für eine fast 40-köpfige ehrenamtliche Mannschaft mit dem Dreh- und Angelpunkt Familienpaten.

Genauso wichtig aber seien diejenigen, die sich als Deutschlehrer Behördenlotsen, Rechtsbeistand, Wohnungseinrichter, Spendenlager-Organisatoren, Kultur- und Freizeitbegleiter, Helfer bei der Arbeitssuche und Fahrer engagieren. „Die Flüchtlinge brauchen Mobilität, um zur LAB zu kommen, zum Landkreis oder zur Dissener Tafel. Und bisher haben wir es immer hinbekommen.“

Viele sind gut ausgebildet

Auch die Arbeitssuche komme in Fahrt: „Die Laerer Flüchtlinge wollen arbeiten“, betonte Steinkamp. Viele von ihnen seien sehr gut ausgebildet. Jetzt seien die Laerer Unternehmen gefragt.

Die Freizeitgruppe war mit Flüchtlingen schon beim U20-Länderspiel Deutschland gegen Italien in Osnabrück, beim Willkommensfest in der Villaer und in einem Osnabrücker Museum. Selber kicken können sie dank gespendeter Schuhe und Trikots.

„Die Hilfsbereitschaft hat uns überrollt“, resümiert Steinkamp die Spendenbereitschaft. Für Kleinteile ist jetzt bei Holkenbrink an der Warendorfer Straße Platz, Größeres kommt im Schulte-Südhoff-Gebäude unter. Die Helfer schrauben auch Möbel zusammen, wenn eine Frau mit zwei Kleinkindern eine Wohnung bezieht.

Schwieriger sei es, Rechtsbeistände zu finden.

Sprachkurse für Erwachsene als Vorbereitung für die professionellen VHS-Kurse laufen täglich im Pfarrhaus und im Pfarrheim. Und nein, reagierte Steinkamp auf eine Frage aus dem Publikum, die Lehrer müssen dafür kein Arabisch sprechen. Für die Kinder gibt es Extra-Stunden in Kita und Schule.

Und die Gleichberechtigung?

Wie denn den Flüchtlingen die Gleichberechtigung von Mann und Frau vermittelt werde, war einer Zuhörerin wichtig. Neben dem alltäglichen Vorleben plane die Flüchtlingshilfe Integrations-Crash-Kurse, erklärte Thele. Dort würden auch Gleichberechtigung und das Grundgesetz zum Thema.

Einen Zuhörer interessierte: Was ist eine Erstausstattung? Antwort: Eine Wohnung mit Gebrauchtmöbeln.

„Wir bekommen täglich mehr Helfer“, freuen sich Thele und Steinkamp. Die beiden sind begeistert von den Laerern und dem guten Zusammenspiel mit Kreis und Gemeinde. Sie sind überzeugt: „Wir werden diese große Aufgabe gut hinbekommen.“

Das glaubt auch Werner Hülsmann. Er sei beeindruckt vom Umfang der Hilfe und der sehr positiven Grundstimmung. Der Integrationsprozess dauere aber viele Jahre und funktioniere nur generationenübergreifend. „Das Engagement muss langfristig und gut dosiert sein.“

Traumata brechen später auf

Was erst später sichtbar werde: „Die Flüchtlinge sind traumatisiert. Sie haben einen Bruch in ihrem Leben erlebt. Wenn sie zur Ruhe kommen, werden sie das spüren.“

Und selbstverständlich werde es auch Probleme bei der Integration geben, so Hülsmann: „Wir sind doch nicht naiv. Wir brauchen eine gewisse Enttäuschungsfestigkeit. Aber es hat vor Jahrzehnten mit Russlanddeutschen funktioniert und wird auch jetzt klappen, wenn wir uns gemeinsam kümmern.“ Applaus.